Gebannte Stille und entfesselter Rummel, intensive Beschränkung und exzessive Bilderfluten – die Münchner Kammerspiele eröffnen ihre Spielzeit mit extremen Verwirrspielen vom Anfang des Menschseins bis zu dessen möglichem Wiederverschwinden. In zwei Stücken unternehmen sie einen Frontalangriff auf unsere Selbstgewissheiten und demonstrieren die Wackeligkeit der irdischen Existenz. Auf die einstündige Séance Uncanny Valley (in der Kammer 2) folgte ein zehnstündiger Parcours im Schauspielhaus: Dionysos Stadt.

Vielleicht glücklicherweise hatte der Rezensent (also ich) die Vorberichte zum Uncanny Valley versäumt, außerdem saß ich weit hinten, sodass ich, als die Scheinwerfer angingen, mit Verblüffung auf den im Sessel hockenden Autor Thomas Melle schaute, schräg vor ihm ein Tischchen mit Laptop, seitlich eine Bildleinwand – und dieses Setting blieb so bis zum Ende. Mit wachsendem Bewundern betrachtete ich diesen Herrn Melle, der – je mehr er von "authentisch und falsch" redete, von künstlichen Geschöpfen und davon, dass "psychisch Kranke sich selbst oft als Computer wahrnehmen" – immer verblüffender einem Cyborg oder Avatar ähnelte: mit unmerklich zitternden Handbewegungen und zurückgenommener Mimik, die ich der Krankheit wie seinen Imitationskünsten zuschob.

Melle sprach sanft, gestikulierte sparsam, spielte hin und wieder per Laptop ein Filmchen auf den Schirm, etwa einen TV-Beitrag über sein autobiografisches Buch Die Welt im Rücken, in dem er von seinem Leben "zwischen Psychiatrie und Normalität" berichtete, oder ein Interview im Park mit einem Taubstummen, der sich an Vogelstimmen freute, da er ein Cochlea-Implantat hinterm Ohr habe: Hebe er es vom Schädel ab, herrsche totale Stille, insofern sei er wohl selbst ein Stück weit Computer ...

Im Text geht’s also um die Hoffnungen und Freuden und Ängste bei der Cyborgwerdung oder bei der Ersetzbarkeit des Menschen, ein faszinierendes Thema für Philosophen, Theologen, Psychiater und für jeden. Außerdem durchzieht die Idee des Kunstmenschen unsere Welt seit je, von den Spieluhren über Leonce und Lena (die sich als Automaten verstellen), E.T.A. Hoffmanns aufgezogene Olimpia und Dorian Gray bis hin zu den Robotern und Androiden der künstlichen Intelligenz (KI); von Götz von Berlichingens Eisenhand bis zu den Kunstherzen, von Kafkas Bericht für eine Akademie (der Affe als denkender Mensch) bis zu Duane Hansons Museumsmenschen aus Glasfaser, John De Andreas hyperrealistischen Nackten und den gefühlsechten Silikondamen.

Für uns Theaterbesucher aber geht es ums Theatralische, also um die Vorstellung (ein janusköpfiger Begriff). Das Ganze arrangiert und die Texte zusammen mit Melle erarbeitet hat Stefan Kaegi; eine Unmenge Techniker und Künstler waren die Ausführenden. So fasziniert ich nun Herrn Melle folgte, so platt war ich am Ende, als wir uns dem Vortragenden nähern durften, nicht für ein Autogramm, sondern – der hatte ja einen offenen Hinterkopf, vollgestopft mit Elektronik! Der Mann war ein Roboter! Meine Sitznachbarin, längst informiert, hatte mit ebenso wachsender Faszination die Wunder der Technik bestaunt wie ich das Wunder menschlicher Imitationskunst. Als Kind sah ich auf dem Oktoberfest " Die Frau vom Mars" in einer Bude. Sie bestand aus einem über eine Schiene ratternden Gruselkopf, der als Hals einen Staubsaugerschlauch hinter sich herzog. Die Schaubudenkünste haben sich doch stark weiterentwickelt! (Da Kaegi zur Gruppe Rimini Protokoll gehört, wird diese internationale Co-Produktion noch auf weite Reisen gehen.)

"Kunst und Natur", sagte Lessing, "sei auf der Bühne eines nur. Wenn Kunst sich in Natur verwandelt, so hat Natur mit Kunst gehandelt."

Und jetzt, in Kürze, zu dem zehnstündigen Vierteiler Dionysos Stadt im prächtigen Schauspielhaus, inszeniert und, zusammen mit John von Düffel, aus (vorwiegend) antiken Texten collagiert von Christopher Rüping, der ja gerne dolle Ideen auf die Bühnen kippt, die irgendwie nach ersten Einfällen und zehntem Probentag aussehen. Hauptsache, es rührt sich was und rappelt. Jetzt also ein dionysisches Ganztagsfest mit drei übergroßen Pausen und blödsinnigem Fußballspiel am langen Schluss.

Der Mensch, in die rammelnde Natur hineingeboren und von Prometheus angeleitet (1. Akt: Aischylos und Goethe), führt im 2. Akt Kriege nach außen und zerstört ganze Völker (Homer und Euripides), dann geht’s, 3. Akt, nach innen, wo eine Familiendynastie sich abschlachtet (die Orestie als Seifenoper): der Mensch also, wie er wird und verdirbt. Das ist teils vorzüglich gestrickt und zwischen Stangengerüsten vorgeturnt, wobei die acht Spieler ständig neue Rollen übernehmen, teils säuft die Chose ab in Brüllorgien und Schlagzeug-Explosionen; wundervoll eindringliche Trauermonologe gibt’s und kübelweise Blut in Badewannen, in denen zuvor ein Video-Home-Porno spielte und sehr wörtlich ausgestrahlt worden war. Sagen wir so: vier Stunden großes Theater, der Rest Zeitverschleiß, also das, was man vom Daddeln am Smartphone kennt.