Es ist schon spät am Nachmittag, und die Sonne senkt sich über den Waldrand, als ich endlich ankomme. Ich fahre durch die Stadt und sehe dieses Haus, an dessen Fassade ein riesiges Werbebanner für Donald Trump und Mike Pence hängt. Vor dem Eingang steht ein Rasenmäher, an dem ein Zettel klebt: "600,00 Dollar oder bestes Angebot". Ich klopfe, und nach einem Augenblick kommt ein Mann herausgestürmt, in Boxershorts und Muskelshirt. "Was geht?", blafft er mich an. Dann merkt er, dass er keine Hose anhat, und versucht mit dem rechten Bein in seine Jeans zu kommen, dabei hüpft er auf seiner hölzernen Terrasse auf und ab.

Ja, was geht?

Ich bin etwas überfordert und stammele, dass ich aus Hamburg, Germany, käme und mich für die Störung entschuldigen würde. Ich hätte mich nur gefragt, ob wir uns vielleicht mal unterhalten könnten, weil ich Reporter sei und die Stadt und die Menschen hier kennenlernen wolle.

"Diese Stadt ist abgefuckt", sagt der Mann, der ein wenig aussieht wie eine faltenreiche Version des Rappers Eminem. "Die Cops in dieser Stadt sind abgefuckt." Er zwängt sich ins zweite Bein seiner Hose. Sein Name sei Marc, sagt er, und dass die Polizei hinter seinem Sohn her und der Junge auf der Flucht in den Fluss gesprungen sei. Deshalb habe er jetzt keine Zeit, er müsse ihn suchen. "Komm ein andermal wieder." Der Mann stolpert in sein Haus zurück, durchs Fliegengitter der Tür ruft er noch: "Welcome to Hamburg, bro!" Willkommen in Hamburg, Pennsylvania, Bruder.

Ich lebe zurzeit für ein paar Monate in Kalifornien, mit einem Stipendium. Damit das Heimatgefühl nicht ganz verloren geht, wollte ich nach Hamburg fliegen. Wer in den USA aber nach Hamburg sucht, bekommt eine riesige Auswahl geboten. Kollegen des ZEITmagazins fanden vor einigen Jahren heraus, dass es 30 Städte namens Hamburg gibt. Wie vor einem Regal mit unzähligen Zahnpastasorten in einem dieser Kleinstadt-großen Supermärkte stand ich ratlos vor dieser Hamburg-Liste. Welches war das richtige für mich?

Hamburg, Pennsylvania, lernte ich, ist in Amerika das westlichste und älteste seiner Art. Erstmals erwähnt wurde es am 23. Dezember 1772 in einer Urkunde, die es als "ein gewisses Hamburg im Township Worcester" beschrieb. Hamburg, Pennsylvania: das Original unter den Duplikaten. Ich buchte ein Motel und flog an die Ostküste. Drei Tage Hamburg.

Tag 1 – "Kannscht du Deitsch schwätze?"

Im Flugzeug lese ich, was ich im Internet hatte finden können: Mein Ersatz-Hamburg war von einem deutschen Einwanderer namens Martin Kaercher gegründet worden. Es hieß erst Kaerchertown, dann wurde es unter nicht näher genannten Umständen wegen seiner vielen deutschen Einwanderer in Hamburg umbenannt. Eine Minderheit, las ich, spricht in Hamburg heute noch eine Sprache namens Pennsylvania Dutch. Wikipedia taxiert diese Minderheit auf "zwei Prozent" der gut 4000 Einwohner der Stadt, das wären 80 Menschen.

Vom Flughafen in Philadelphia fahre ich an einem sonnigen Sonntag zwei Stunden mit dem Auto durch Pennsylvania. Als ich in Hamburg ankomme, regnet es in Strömen, und es wird auch in den nächsten drei Tagen kaum einmal aufhören.

Mein erster Termin nach meiner Ankunft und meinem Gespräch mit Marc ist bei der "Hamburg Area Historical Society", einem Club, der sich um das historische Erbe Hamburgs kümmert. Die Historical Society residiert in einem kleinen, zerfallenden Häuschen, das mit seinem Vordach und seinen weißen Holzsäulen auch in einem Western stehen könnte. Am Eingang haben sie ein Thermometer aufgemalt, das anzeigt, wie viele Spenden für die Erhaltung der Society bereits eingegangen sind. Es ist viel Luft nach oben.

In einem mit allerhand Porzellan vollgestellten Hinterraum empfangen mich Janet Barr, Dennis Hamm, Elmer Schrack und Harold Holtzman. Vor allem Dennis macht Eindruck auf mich. Er hat einen festen Händedruck, trägt Hosenträger und ein lustiges Hundewelpen-T-Shirt. "Kannscht du Deitsch schwätze?", fragt er mich und schaut mich mit großen Augen an. Er sagt noch mehr, es klingt nach einer Mischung aus Badisch und Jiddisch, aber ich verstehe es nicht.