Zieht man eine leicht verspätete Zwischenbilanz dieses Jahres 2018, dann kommt man sicher auf viel Erfreuliches, unterm Strich aber muss gesagt werden: Wir hatten zu viel Chemnitz in diesem Jahr. Sie verstehen, was ich meine.

Allerspätestens seit den Ausschreitungen in der drittgrößten sächsischen Stadt am Fuße des Erzgebirges nämlich kann nun wirklich keiner mehr sagen, wir seien auf einem guten Weg in eine noch schönere Demokratie.

Manchmal aber habe ich den Eindruck, wir stehen wie Bertolt Brechts Herr Keuner mit beiden Füßen regungslos im Wasser, sehen mit großen Augen den Pegel steigen und verharren paralysiert (oder zum Teil sogar aktionistisch), wartend auf den rettenden Kahn.

Ich will eine Geschichte erzählen zu diesem Gefühl. Sie spielt am Buß- und Bettag vor nahezu zwei Jahren. Sie wissen schon, dieser seltsame Mittwoch im November, der nur in Sachsen noch ein Feiertag ist, dort aber offensichtlich nicht zu mehr Lebenszufriedenheit geführt hat. An jenem Novembermittwoch jedenfalls wusste ich mich ein bisschen in der "Gedenkstätte Deutscher Widerstand" in Berlin zu tummeln.

Der Nachmittag kam düster daher – verregnet, kalt. Er schien wie gemacht und wiederum nicht gemacht dafür, nachzufühlen, was sich dort im Hochsommer 1944 in der Stauffenbergstraße abgespielt haben muss. Der Eintritt ist frei in der Gedenkstätte. Frei. Jeder, der will, kann also dort hingehen und sich kundig machen. Ich geriet während meines Rundganges in eine Führung, die Zuhörer waren alte bis sehr alte Menschen. Die zwei Stufen bis zur nächsten Etage, die waren nur mit dem Fahrstuhl zu machen. Die Mühe aber schien es wert: Die Auskunftgebende der Einrichtung war eine Wucht, trug graues, schulterlanges Haar, einen knielangen Rock, sprach klar, ausgewogen in Inhalt und Stil. Kurzum: Ich schlich mit. Und kam ins Gespräch mit den älteren Leuten – allesamt Mitglieder unterschiedlicher Gemeinden Berlins, die an diesem Feiertag etwas Angemessenes tun wollten.

In vielen ihrer Sätze blitzte Besorgnis auf und Ratlosigkeit. Wieso man heute wieder Dinge sagen und fordern dürfe, die sie erinnerten an die Zeit, als sie ihre Mütter im Krieg am Küchentisch weinen sahen. Die Mutter, die tapfer war, als es später darum ging, Vertriebene aufzunehmen und durchzubringen. Die es nicht begeistert tat, aber ohne Wenn und Aber. Diese Ratlosigkeit ist für mich bis heute schwer aus dem Kopf zu kriegen.

Sind wir innerhalb der vergangenen zwei Jahre einen Schritt weitergekommen damit, Menschen wieder zurückzuholen, die seltsam im Kopf oder Gefühlsleben abgebogen zu sein scheinen, die sich von unserer Demokratie rigoros abwenden? Ich fürchte nicht. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Das bedrohliche Gefühl verdichtet sich, weil sich bedrohliche Ereignisse verdichten.