Die Neue Rechte hat ein Problem: Wenn sich die Proklamation des eigenen "Volkes" primär auf die Ablehnung eines "Fremden" beruft, bleibt sie im Letzten eine Negation. Was fehlt, ist ein gründendes Narrativ, eine mehr als nur symbolische Manifestation des abendländischen Geistes. In jüngster Zeit meinen daher immer mehr Rechte, diese Manifestation sei das Christentum; auch einige Christen verfallen der Idee, nur wer rechts werde, bleibe christlich. Dieses Diskursfeld ist nun nicht etwas, dem sich allein die Rechtsextremismusforschung widmen sollte: Sich tatsächlich mit den Ideologemen der Neuen Rechten zu befassen lohnt sich seit deren Annäherung an Gehalte des Christentums auch für die Theologie.

Einblick in die Parallelwelt politisch aktiver Christen am rechten Rand gewähren die Zeitungen und Magazine der Szene, einige nicht eben reichweitenschwache Presseerzeugnisse, in denen selbst ernannte Rechtsintellektuelle ihre Sicht der Dinge lancieren: Die Wochenzeitung Junge Freiheit, die zweimonatlich erscheinende Sezession, das Monatsmagazin Compact und die Neue Ordnung in Österreich. Ohne große Mühe findet sich das theoretische Fundament der Brachialsymbolik, wie man sie von dem berühmten Pegida-Kreuz in Schwarz-Rot-Gold aus Dresden kennt, bei deren Autoren: Götz Kubitschek, Kopf der Sezession und Leiter des publikationsstarken Antaios-Verlags, lässt sich auf seinem sachsen-anhaltinischen Landsitz mit Gattin und sieben Kindern beim Tischgebet filmen und geizt in seinen Texten nicht mit Klagen über den omnipräsenten Hang zur "provozierenden Gottlosigkeit", durch den christliche Feiertage nur mehr als willkommener Anlass für Saufgelage dienten; Matthias Matussek, früherer Kulturchef des Spiegels, hat sich im Namen eines orthodoxen Katholizismus selbst die Mission gesetzt, in weit kleineren Medien gegen den vermeintlichen Mainstream anzuschreiben, und übt sich dazu als Apologet der Identitären Bewegung. Und dies sind nur zwei Beispiele eines immer breiter werdenden Fundus rechts-christlichen Schrifttums mit zunehmend unscharfen Rändern: Mit Wolfgang Ockenfels hat die AfD einen katholischen Priester und emeritierten Theologieprofessor als grimmig-polemischen Unterstützer gewonnen, und wer bei Amazon ein paar Bücher aus dem neurechten Spektrum geordert hat, dem schlägt der Algorithmus Martin Mosebachs "Häresie der Formlosigkeit" als Zugabe vor.

Es ist bemerkenswert, wenn in einer Zeit, in der viele über den Relevanzverlust des Glaubens klagen, eine spezifische Form christlicher Weltinterpretation an Relevanz gewinnt, wenn auch auf gänzlich andere Weise, als es den Idealen entspricht, die bisher an den theologischen Fakultäten und in den Kirchenleitungen kultiviert wurden. Wir erleben aktuell die Debatte, ob auf dem Evangelischen Kirchentag 2019 Vertreter des rechten Randes als Gesprächspartner zugelassen werden sollen (man hat sich, anders als die Katholiken in Münster 2018, dagegen entschieden) – eine berechtigte Frage, bei der jedoch meist unberücksichtigt bleibt: Der "rechte Rand" steht nicht weit außerhalb der eigenen Konfessionen, er findet sich zunehmend auch in der volkskirchlichen Mitte. Wie unterschiedlich die Symbiose von Christentum und der Weltauffassung der äußeren Rechten ausfallen kann, lässt sich an zwei Autoren zeigen: Karlheinz Weißmann und Martin Semlitsch.

Weißmann, Jahrgang 1959, promovierter Historiker und hauptberuflich Geschichtslehrer an einem niedersächsischen Gymnasium, ist gewissermaßen der paradigmatische Musterfall eines eifrigen Rechtsintellektuellen: Wie Götz Kubitschek gehört er zum Schülerkreis des neurechten Vordenkers Armin Mohler († 2003); anders als Kubitschek, mit dem er seit Frühjahr 2014 nicht mehr zusammenarbeitet, ist Weißmann jedoch nicht der Mann für Aufmärsche oder Bierzeltreden: Weißmanns Medium ist das geschriebene Wort. Unter seinen inzwischen 26 Monografien finden sich so unterschiedliche Titel wie eine Ideengeschichte des (Neu-)Heidentums mit dem Titel Druiden, Goden, weise Frauen, eine Kurze Geschichte der konservativen Intelligenz nach 1945 sowie eine Luther-Darstellung "für junge Leser"; hinzu kommt eine stetige Publikationstätigkeit für die Sezession (bis 2013) und die Junge Freiheit (fortlaufend). Weißmanns Lehrer Mohler ist Autor des Buches Die konservative Revolution in Deutschland 1918–1932, eines Werks, das den Kreisen der Neuen Rechten seit Jahrzehnten das Narrativ einer rechtskonservativen intellektuellen Bewegung der Zwischenkriegszeit zur Verfügung stellt, die mit dem Nationalsozialismus selbst freilich nichts gemein gehabt habe – die sechste und jüngste Neuauflage brachte Weißmann vor einigen Jahren selbst heraus und bereinigte sie dabei um christentumskritische Passagen. Liest man seine publizistischen Beiträge, lassen sich mehrere Perspektiven auf das Themenfeld der (christlichen) Religion identifizieren: Zunächst einmal ist sie funktional notwendig zur Stärkung kollektiver Identität. Hier ist Weißmann – wie übrigens viele Neurechte – ganz Gefolgsmann Arnold Gehlens und seiner Mängelwesen-Theorie: Für den Menschen ist "Identität ein Problem", "Entfremdung" ist seine "Grunderfahrung"; das "Fehlen einer funktionstüchtigen Instinktbasis", wie sie den Tieren zur Verfügung steht, zwingt ihn daher zur Ausbildung einer "zweiten Natur". So erklärt sich die "Nützlichkeit der Religion aus ihrer Verbindlichkeit", sie ist, anders als die meisten Gegebenheiten der Gegenwart, "ein Phänomen von langer Dauer, eine konservative Instanz ersten Ranges". Der "Bedeutungsverlust des Christentums" freilich bedroht diese Stabilität; Liberalismus, Pluralismus und Multikulturalismus, die Tendenzen unserer Tage, sind in diesem Sinne höchst bedenklich, da durch sie alle einstigen Verbindlichkeiten abhandenkommen. Da wahre "Frömmigkeit" der Deutschen Sache nicht mehr ist, steht es schlecht um die "christliche Basis der nationalen wie der europäischen Kultur". Das Christentum – so Weißmanns Appell – bedürfe daher "eines Wandels ganz anderer Art und ganz anderer Qualität, wenn es denn die Religion Europas bleiben soll". Statt "religiöser Entleerung und Sentimentalisierung" seien "schärferer Wirklichkeitsbezug", "biblischer Realismus" und eine neue innerkirchliche "Männlichkeit" gefragt. Weißmanns Kritik trifft hier sowohl die Vertreter der Amtskirchen wie auch die Zunft der akademischen Theologen: Erstere deuteten das, was sie eigentlich zu vertreten hätten, so lange um, bis man die Botschaft hinter lauter "Verklausulierungen" kaum mehr erkenne; Letztere hätten längst "exegetische Tricks" wie die "historisch-kritische Methode" entwickelt, durch die alles, was nicht dem Zeitgeist angemessen scheine, "als Ergebnis von Manipulationen" gedeutet werden könne.

Martin Semlitsch, Jahrgang 1976, der unter dem Pseudonym Martin Lichtmesz veröffentlicht, ist im Vergleich zu Weißmann in jeder Hinsicht eine extremere Erscheinung: Wo dieser theoretisiert, fordert Semlitsch harten Aktionismus, und wo dieser sich in Kulturpessimismus übt, sieht er die Apokalypse dräuen. Der in Wien lebende Publizist ist Stammautor der Sezession und einiger anderer Szene-Medien; er gehört zum Unterstützerkreis der Identitären Bewegung. Im Grunde bedient er in seinen Texten die klassischen Topoi der neurechten Szene – Stichworte: "Mainstream-Medien", "Bevölkerungsaustausch", "Multikulti-Ideologie", "Hierarchie der Opfer" – aber dies in einer Form, die so leicht nicht nachzuahmen ist: "Macht Platz für den Islam! Liebt den Islam! So geht es am laufenden Band, bis auch noch der toleranteste Mensch anfängt, halbmondförmige Hautausschläge zu bekommen und Suren in Regenbogenfarben zu kotzen." Dieser manische Zynismus zieht sich als Markenzeichen durch Semlitschs Texte. An Publikum mangelt es nicht: Die verkaufte Auflagenhöhe seiner Bücher, so die Auskunft des Antaios-Verlags, liege im mittleren fünfstelligen Bereich.