Steht das Christentum vor dem Aus? Viele Atheisten, das kann ich sagen, denken: Ja. Aber auch viele Gläubige fragen sich das in Zeiten der Entkirchlichung und der Säkularisierung immer häufiger. Jeder leer gebliebene Platz in der Kirchenbank, jede ostdeutsche Jugendweihe, jede zu viel gewandelte Hostie bestätigt da erst mal die Annahme, dass das Christentum langsam ausdient im Abendland. Die Gesellschaft hat ja Kant, Netflix und den ganztägigen Sonntagsbrunch. Wozu braucht es da noch Religion?

Vielleicht braucht die Gesellschaft sie gerade jetzt mehr als seit Langem. Als so etwas wie ein Heilmittel für den zunehmenden Hass, als letzten Halt in einer Zeit, in der alles auseinanderzudriften scheint. Vorausgesetzt, die Kirchen erkennen das und gehen richtig damit um.

Kaum etwas ist heute berechenbar. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Einerseits werden alle Lebensbereiche vom kapitalistischen Prinzip der Gewinnmaximierung dominiert. Der Einzelne muss in allem flexibel sein, stets bereit, sich den Umständen anzupassen. Deshalb weiß heutzutage niemand mehr, wo er in 20 Jahren sein wird. Es können Finanzblasen platzen, Branchen wegbrechen, der Chef kann lieber die aus der Leiharbeitsfirma einstellen oder der Lebensabschnittspartner einen anderen heiraten. Man arbeitet 40 Jahre lang 40 Stunden pro Woche – und trotzdem gibt es für nichts eine Garantie.

Auf der anderen Seite resultiert die Unsicherheit aber nicht nur aus dem Wegbrechen, sondern auch aus der Vielzahl der Möglichkeiten. Weil sowieso alles infrage gestellt wird, fragt man sich ständig: Bin ich glücklich genug? Lebe ich das richtige Leben? Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe? Wer bin ich dann?

Es gibt plötzlich nicht mehr nur die Midlife-Crisis, die gemeinhin um die 40 eintritt, sondern es gibt auch die Quarterlife-Crisis bei Mittzwanzigern, die sich eigentlich über ihren Studienabschluss freuen sollten. Nicht mehr lange, und die Teenage-Crisis greift um sich, weil schon 14-Jährigen vermittelt wird, dass jede falsche Entscheidung, jede versemmelte Klassenarbeit über den Rest ihres Lebens entscheiden kann. Viele rennen durch die ersten 30 Jahre ihres Lebens wie eine Marathonläuferin auf der Zielgeraden und wissen von einer Überstunde auf die andere plötzlich nicht mehr, warum sie das alles eigentlich machen: Man ist dem Markt egal, man ist den Nachbarn egal, die Eltern sieht man nur zu Weihnachten.

Ob man nun den Verlust der Arbeit fürchtet oder den der Partnerin – was alle Menschen eint, die die Sinnfrage stellen: Sie fühlen sich bedeutungslos. Sie haben Angst. Und leider haben Menschen, denen es schlecht geht, manchmal die Angewohnheit, sich zu wünschen, dass es anderen noch schlechter geht, damit sie sich besser fühlen können. Dabei suchen sie oft nur nach etwas, wovon sie selbst nicht genau wissen, was es ist. In dem Moment werden manche anfällig für Populisten.

Und hier kommt die Kirche ins Spiel. Sie kann den Suchenden geben, was sie brauchen, zum Beispiel: Halt, Gemeinschaft, Gewissheit, Orientierung, Sinn.

Erstens Halt: Viele Menschen sehnen sich danach in dieser zunehmend strukturlosen Welt. Deswegen sind alle Therapeuten ausgebucht, deswegen stehen Psycho-Ratgeber auf Bestsellerlisten. Die Kirche bietet Struktur. Egal wie sehr die Welt strauchelt, egal wie sehr du wankst: Jeden Tag um 18 Uhr ist Gottesdienst. Wenn die Kirchen es schaffen, die Leute einmal in der Woche dazu zu bekommen, das Handy für eine Stunde in der Tasche zu lassen und zu singen, bringt das mehr im Kampf gegen Stress und für seelische Gesundheit als jeder Wie-schaffe-ich-die-Hausarbeit-in-zehn-Tagen-Podcast.