Wer sich ein höheres Rentenniveau wünscht, sollte auf eine Wirtschaftskrise hoffen. Am besten eine richtig schwere. Sie würde das Rentenniveau kräftig steigen lassen. Dazu wäre nicht einmal ein politischer Beschluss nötig. Vielen Menschen würde es dann zwar viel schlechter gehen als heute, aber was soll’s: Das Rentenniveau würde einen Satz nach oben machen. Toll!

Das scheint absurd, ist aber korrekt. Am Beispiel einer Krise zeigt sich, wie irreführend es sein kann, wenn man bloß auf das Rentenniveau schaut – so wie es seit einigen Wochen in der Debatte um die gesetzliche Rente geschieht. Das Rentenniveau solle stabil gehalten werden, das Rentenniveau dürfe nicht unter 48 Prozent fallen, so wollen es Union und SPD. Das Rentenniveau müsse steigen, fordern Interessengruppen wie der Sozialverband VdK oder der Deutsche Gewerkschaftsbund. Immer geht es um das Rentenniveau. Dabei ist das eine äußerst problematische Zielgröße. Sie stiftet wahrscheinlich mehr Verwirrung, als dass sie Klarheit schafft.

Das Szenario einer Wirtschaftskrise offenbart die Tücken: In so einer Krise könnte das durchschnittliche Gehalt der Arbeitnehmer sinken. Weil viele nur noch Kurzarbeit leisten oder weil sie entlassen werden und dann schlechter bezahlte Jobs annehmen. Trotz sinkender Löhne würden die Renten aber nicht gekürzt, das verhindert eine im Jahr 2004 in die Rentenformel eingefügte Schutzklausel. Sie schreibt vor: Egal was passiert, die Renten dürfen nicht gesenkt werden. Sie würden also zumindest stagnieren. Und was wäre mit dem Rentenniveau? Es würde einen Sprung nach oben machen. Je schlimmer die Löhne abstürzen, desto doller.

Dieser irrwitzig erscheinende Effekt ergibt sich, weil das Rentenniveau nicht die Höhe der Rente beschreibt, wie man rein sprachlich erwarten könnte. Stattdessen steht dieser Fachbegriff für das Verhältnis der durchschnittlichen Rente zum durchschnittlichen Lohn. Und dieses Verhältnis kann sich eben auch "verbessern", wenn die Löhne abschmieren. Das ist keine graue Theorie, so war es auch während der Finanzkrise: Zwischen 2008 und 2009 brachen die Einkommen der Arbeitnehmer ein – und das Rentenniveau hüpfte fröhlich von 50,5 Prozent auf 52 Prozent.

Das Rentenniveau ist eine problematische Größe, weil sein Steigen nicht unbedingt einen Wohlstandszuwachs signalisiert und sein Sinken nicht zwangsläufig ein schrumpfendes Einkommen. Auch der zweite Fall ist keineswegs selten: Zwischen 2011 und 2016 sank das Rentenniveau von 50,1 auf 48,1 Prozent, zugleich wuchsen die Renten um acht Prozent – und damit stärker als die Inflation (plus fünf Prozent). Selbst bei einem sinkenden Rentenniveau konnten sich die Ruheständler also Jahr für Jahr mehr leisten.

Das ist nicht einfach zu verstehen. Zumal ein weiteres Missverständnis naheliegt: Ein Rentenniveau von 48,1 Prozent bedeutet keineswegs, dass man diesen Prozentsatz seines letzten Lohns als Ruhestandsgehalt erwarten kann. Das Niveau hat mit den individuellen Rentenansprüchen wenig zu tun – die können höher oder niedriger liegen. Es handelt sich um eine rein statistische Kennziffer. Sie gibt an, wie hoch eine Standardrente (nach 45 Jahren Beitragszahlung als Durchschnittsverdiener) im Verhältnis zum aktuellen Durchschnittslohn ist. Bei beiden Größen werden die Sozialabgaben noch abgezogen, aber nicht die Steuern. Zuletzt, 2016, betrug der so ermittelte Durchschnittsverdienst 29.880 Euro und die Standardrente 14.367 Euro, was 48,1 Prozent entsprach.

Helfen diese Zahlen dem Einzelnen, seine persönlichen Rentenansprüche abzuschätzen? Wohl kaum. Sind sie der entscheidende Gradmesser für ein gerechtes Rentensystem? Auch nicht. Klar, ein deutlich höheres und dauerhaft stabiles Rentenniveau wäre wünschenswert. Aber wenn immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen, kann der Durchschnittslohn nicht der alleinige Maßstab für die Rentenentwicklung sein. Das führt zu einer Schieflage.

Deshalb führten SPD und Grüne Mitte der 2000er-Jahre einen Nachhaltigkeitsfaktor ein. Er dämpft seither den Anstieg der Rente, sofern die Zahl der Rentner überproportional zunimmt, ermöglicht aber auch stärkere Rentenerhöhungen, wenn es mehr Arbeitnehmer gibt. Wer jetzt das Rentenniveau dauerhaft festschreiben will, versucht diesen Faktor wieder außer Kraft zu setzen. Kurzfristig geht das, auf lange Sicht wird es nicht funktionieren. Zu groß ist die demografische Unwucht, in der sich Deutschland befindet.

Statt also das Rentenniveau zum Fetisch zu erklären, wäre es besser, das Gesamtsystem der Rente im Blick zu behalten. Und dazu gehört eben, dass sich die Relation zwischen Aktiven und Ruheständlern langfristig verschiebt. Angesichts dieser Tatsache wird es nötig sein, weiterhin alle verfügbaren Hebel einzusetzen, um die Renten zu finanzieren: höhere Beiträge, höhere Steuerzuschüsse, mehr Erwerbstätige, mehr Kinder, mehr Zuwanderung, ein höheres Rentenalter, mehr private und betriebliche Vorsorge – und wahrscheinlich auch ein niedrigeres Rentenniveau.