Dies ist nicht das Buch, das Roger Willemsen über Musik noch hatte schreiben wollen. Sein Buch wäre, ganz sicher, ganz anders geworden; aber als er im Februar 2016 starb, war es noch nicht begonnen. Was es gab, waren viele Hundert Seiten Texte aus einem Dateiordner mit dem Namen Musik, den seine Herausgeberin Insa Wilke im Nachlass fand – Moderationen seiner Radiosendungen Gefühlsausbrüche im WDR und Willemsen legt auf im NDR, ZEIT-Kolumnen, Texte aus CD-Begleitheften, Zeitungsartikel, Essays über Klassik und Jazz, vieles davon unveröffentlicht. Genau 100 dieser Texte versammelt der Fischer Verlag nun im Band Musik! Über ein Lebensgefühl – und der, gut 500 Seiten stark, kann nun gar nicht anders, als genau deshalb zu enttäuschen: weil es, anders als der Titel verspricht, eben nicht das Buch ist, das Willemsen mit dem ihm eigenen Charme über sein Lebensgefühl Musik geschrieben, nein: in großem Bogen und mit feinsinniger Wucht aufs Papier gedacht hätte, schwärmerisch und mit der ihm eigenen Gabe, seine Gedanken zu moderieren und rote Fäden da zu sehen, wo niemand sonst sie erkennt. Diese Moderation fehlt nun, das vorliegende Buch ist eine Sammlung einzelner Texte und Gedanken. Aber: was für schöne Gedanken!

Es sind nicht so sehr die besprochenen Gegenstände, die die Größe der Texte ausmachen. Es ist die Freude, dem Autor beim kommentierten Musikhören zuzuschauen, während er berichtet, was ihn daran interessiert. Die Sprache, mit der Willemsen Musik dechiffriert, ist dieselbe Sprache, mit der er über Afghanistan geschrieben hat und die Enden der Welt, über den Knacks und den Bundestag, sie ist niemals nur Trägerin und Vermittlerin von Willemsens Erklärungen und Analysen, sondern in ihrer Bildlichkeit auch immer selbst ein Teil der Erklärung wie im letzten Satz seines Nachrufs auf den Musiker Michel Petrucciani: "Auch das Klavier hatte einen Freund verloren." Es ist nicht die Geheimsprache der Musikwissenschaft, es ist eine Sprache, die sich ihrer Schönheit bewusst ist, ohne eitel zu sein. Mit ihr bringt er zusammen, was nicht unbedingt zusammengehört, aber sehr gut zueinanderpasst: "Kann man sagen, in jedem Adagio, in jedem Largo schlummere der Blues?"

Jeder Text ist eine gut informierte Schwärmerei, ein eloquentes Wundern, und Willemsen ist ein Meister des kultivierten Tabubruchs, des unerhörten Vergleichs, der mit unschuldiger Miene gesetzten Pointe. "Joseph Haydn würde vielleicht als ein noch größerer Komponist angesehen, wenn er weniger geschrieben hätte", sagt er über Haydns frühe Klaviersonaten, und weiter: "Es handelt sich um Musik, die tut, als wisse sie nicht genau, welcher ihr nächster Schritt sein könnte, und die in ihren Abbrüchen spontan wirkt und manchmal ernst und erratisch wiederkommt. Die Melancholie ist hier oftmals Haltung, aber es ist eine versöhnte Melancholie." Hier hat Willemsen im Glauben, Haydn zu meinen, sich selbst beschrieben.

Auf seiner Trauerfeier erklangen Keith Jarretts Meditation auf Blame It on My Youth und Bill Evans’ Peace Piece, dem er einen der schönsten Texte des Buchs widmet. Er höre die Komposition mit Absicht selten – "um sie nicht abzunutzen, um sie nie ganz auswendig zu können". Und das ist die einzige Stelle in diesem so lebensvollen Buch, bei der man beim Lesen dann doch richtig traurig wird.

Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl; hrsg. von Insa Wilke; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2018; 512 S., 24,– €