Es ist nun schon Monate her, dass der Brief vom Finanzamt kam. Jetzt treibt schon das Laub des ersten Herbststurms zwischen den Ruderbooten, die draußen auf dem Isebekkanal in Richtung Alster ziehen. Drinnen im Clubraum sitzen Sonja Braasch, 34, und ihre Mutter Angela Braasch-Eggert, 69. Die eine ist Vorsitzende, die andere Ehrenvorsitzende des "Hamburger Ruderinnen-Clubs". Vor ihnen auf dem Tisch liegt der Brief, der ihnen Sorgen macht – und weil das nun schon so lange andauert, haben sie sich dafür entschieden, öffentlich zu reden. Die Ehrenvorsitzende ergreift zuerst das Wort: Feministinnen seien sie nicht, sagt Angela Braasch-Eggert, aber Frauen und Mädchen brauchten nun mal exklusive Räume, in denen sie selbstbewusst und selbstbestimmt sein könnten.

Exklusive Räume – für einen kurzen Moment wirkt es eigenartig, sie an diesem Ort von ihrer Sorge um die Exklusivität sprechen zu hören: in ihrem Clubhaus nördlich der Alster, mit dem sie diese Exklusivität bereits seit 1925 buchstäblich gepachtet haben. So lange existiert der Verein, dem nur Frauen beitreten dürfen. Und genauso lange ist man in der Hamburger Ruderszene damit einverstanden. Es gibt in Hamburg Dutzende Rudervereine: große und kleine, für Profis und Amateure, die meisten sind offen für jeden, zwei sind noch traditionell Männern vorbehalten und dieser eben Frauen. Für Gleichberechtigung, so sehen es Mutter und Tochter, sorgt dieser Verein schon allein durch seine Existenz.

Das Finanzamt sieht die Sache anders und droht nun, dem Ruderinnen-Club die Gemeinnützigkeit abzuerkennen. Die Begründung: Er schließt Männer aus. Falls es so weit kommt, müsste der Verein wie ein Unternehmen behandelt werden, das hieße: Er wäre nicht länger von der Gewerbesteuer befreit. Und Spenden, die einen großen Teil des Etats ausmachen, ließen sich nicht länger steuerlich absetzen. Hamburgs einziger Frauen-Ruderverein mit 380 Mitgliedern wäre dann womöglich Geschichte. Der Club dürfte nicht mehr Mitglied beim Hamburger Sportbund sein, einem wichtigen Geldgeber. Aus dem Deutschen Ruderverband würden die Frauen fliegen, die Teilnahme an Regatten wäre damit passé. Und auch was mit dem Clubhaus passieren würde, das auf städtischem Grund steht, weiß im Verein niemand.

Verärgert und verunsichert seien sie gewesen, als sie das Schreiben vom Finanzamt gelesen hätten, sagen Sonja Braasch und Angela Braasch-Eggert. Sie klingen, als hätte man einer Angestellten nach jahrzehntelanger Treue wortlos die Kündigung auf den Tisch gelegt. "Hamburg tritt doch sonst für Frauen- und Gendergerechtigkeit ein", sagt Sonja Braasch. Warum also, fragt sie sich, nun diese Kehrtwende? Warum dürfen Frauen nicht mehr unter sich sein?

Lässt das Amt seiner Ankündigung Taten folgen, könnte es bald auch andere Clubs treffen, etwa die beiden Hamburger Männer-Ruderclubs Hammonia und Allemannia.

Dient ein Verein dem Gemeinwohl, der gezielt Männer ausschließt?

Warum nun ausgerechnet der Verein der Frauen geprüft wurde? Die Auskunft des Finanzamts klingt vage: Verstoße ein Verein gegen "zwingende Vorschriften für die Gewährung der Gemeinnützigkeit", könne diese entzogen werden. Dass man den Verein jetzt prüfe, liege daran, dass er Anfang des Jahres seine Steuererklärung eingereicht habe. Alle drei Jahre ist diese fällig. In den vergangenen Jahrzehnten war dies eine Routine-Angelegenheit. Die aktuelle Prüfung aber dauert an. Der Ruderinnen-Club muss sich gedulden.

Der Fall mag absurd klingen. Bisher war es nie ein Problem, dass dort nur Frauen Sport treiben, weder für die männlichen Ruderer in Hamburg noch für die Behörden. Kirsten Witte-Abe, verantwortlich für Gleichstellung beim Deutschen Olympischen Sportbund, sagt: "Geschützte Räume für Frauen sind wichtig." Christoph Holstein, Hamburger Sport-Staatsrat, sagt: "Wir wollen allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit geben, den Sport zu treiben, den sie wollen." Und ohnehin: Im Spitzen- wie im Breitensport gibt es zahlreiche Vereine, die ausschließlich männliche oder weibliche Mitglieder haben. Aber ohne Anlass ist die Prüfung des Finanzamts nicht. Auslöser ist eine Entscheidung des Bundesfinanzhofs, die als richtungsweisendes Urteil gilt: Bei einer Freimaurerloge in Nordrhein-Westfalen hatte sich eine Frau um Mitgliedschaft beworben. Die Loge lehnte die Frau ab – mit Verweis auf die Satzung, in der die Freimaurer als "Vereinigung wahrheitsliebender, ehrenhafter Männer" bezeichnet sind. Die Frau klagte; der Bundesfinanzhof befand, dass die Freimaurerloge, wenn sie Frauen gezielt ausschließe, nicht dem Gemeinwohl diene. Seitdem wird sie besteuert wie ein Unternehmen.

Wie bei der Loge stehen für den Hamburger Ruderinnen-Club die Probleme in den offiziellen Unterlagen. Zum einen stört sich das Finanzamt am Vereinsnamen "Ruderinnen-Club", zum anderen steht in der Satzung: "Für weibliche Mitglieder".