Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Zum ersten Mal erlebe ich die Feiern zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober in Berlin. Im Vergleich zu politischen Feiertagen in der Türkei fällt mir gleich auf, dass es hier keine Fahnen und Militärparaden gibt.

Am Brandenburger Tor hängt das Foto der jungen Leute, die dort vor 28 Jahren "Freiheit!" jubelten. Auf der Bühne davor stehen 50 Frauen, Männer, Kinder, Homosexuelle, Transmenschen, Schwarze, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung ... lauter Berliner*innen. Das vom Gorki Theater in Auftrag gegebene Projekt unter Leitung der polnischen Regisseurin Marta Górnicka bietet das "Grundgesetz" dar. Dahinter verbirgt sich kein einstimmiger Chor einer einheitlichen ethnischen Gruppe, sondern die Vielstimmigkeit einer heterogenen Gesellschaft. Stimmen, die sich bald mischen, bald sich ins Kakofonische steigern, schließlich aber in wunderbarer Harmonie einzigartig klingen. Die Stimmen des Multikulturalismus.

Vergleiche zur Verfassung meines Landes drängen sich mir auf.

Am Anfang des deutschen Grundgesetzes stehen die Grundrechte. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", wird gleich zu Beginn postuliert. Die türkische Verfassung dagegen zählt zu Beginn die Unantastbarkeit des Staates auf, die Grundrechte kommen später.

Im deutschen Grundgesetz heißt es: "Alle Deutschen haben das Recht zum Widerstand gegen jeden, der es unternimmt, die verfassungsmäßige Ordnung zu beseitigen."

Aus der türkischen Verfassung hingegen wurde vor 35 Jahren nach einem Militärputsch das 1808 festgeschriebene "Recht auf Widerstand" gestrichen und durch das Recht des Staates (nicht der Nation) ersetzt, sich gegen jene zu wehren, die Grundrechte und -freiheiten missbrauchen. Hier zeigt sich sehr deutlich die Diskrepanz zwischen einer Gesellschaft, die unter der Konzentration von Macht in und aus einer einzigen Hand gelitten hat, und einer politischen Geisteshaltung, die erst den Staat und dann den Menschen schützt.

Findet nun dieses freiheitliche Grundgesetz die volle Unterstützung in der Gesellschaft? Vertreten jene, die diese Paragrafen auf der Bühne intonieren, dieselben Prinzipien wie das still lauschende Publikum auf dem Platz? Wie viele in der deutschen Provinz etwa teilen den beim Thema Asylrecht aufbrandenden Applaus? Gibt es Deutsche, die "nicht integriert" in diese Grundordnung weiter hinter unsichtbaren Mauern leben?

Die Intendantin des Gorki Theaters, Shermin Langhoff, wertet, was wir heute erleben, als Stresstest des Grundgesetzes dafür, wie flexibel es in Krisen ist. Die türkische Verfassung hat diesen Test leider nicht bestanden. Als ich gehe, träume ich: Wird auch die Bevölkerung der Türkei eines Tages die Mauern in ihrer Mitte niederreißen und sich vereinen?

Werden wir eines Tages die Freiheitsversprechen unseres Gesellschaftsvertrages auf den Plätzen laut heraussingen?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe