Eine Illustration aus der Handschrift "Kitab al-diryaq" zeigt die Erfindung des Theriaks, inspiriert durch einen Knaben, der einen Schlangenbiss mit Lorbeerfrüchten behandelte © ÖNB

Die Österreichische Nationalbibliothek feiert in diesem Jahr ihr 650-jähriges Bestehen. Jeden Monat stellen wir in dieser Serie ein Objekt aus ihrer Sammlung vor.

Man nehme Spitzwegerich gegen Hodenkrebs und bei einer Leberzirrhose etwas Bärlappkraut: Es sind teils nicht nur wirkungslose, sondern gefährliche Therapien, welche die Österreicherin Maria Treben Mitte der Achtzigerjahre empfahl. Doch dem Erfolg der strenggläubigen Pflanzenheilkundlerin hat das wenig Abbruch getan, schließlich gehört Treben mit ihrer Kräuterfibel Gesundheit aus der Apotheke Gottes, die bis heute mehr als acht Millionen Mal verkauft und in 27 Sprachen übersetzt wurde, zu den populärsten Buchautoren Österreichs.

Trebens bekanntestes Mittelchen ist zum Glück vergleichsweise harmlos: die bis heute in nahezu jeder Apotheke erhältliche und in zahlreichen heimischen Medizinkästchen anzutreffenden Schwedenkräuter, beziehungsweise ihre in Spiritus angesetzte Version, der Schwedenbitter.

Die Ingredienzen des Schwedenbitters variieren längst von Hersteller zu Hersteller. Was aber so gut wie nie fehlt auf der Liste der Inhaltsstoffe, ist eine kräftige Prise Theriak: eine Zutat, von der selbst Treben-Anhänger selten wissen, worum es sich dabei eigentlich handelt.

Dabei war Theriak von der Antike bis ins 19. Jahrhundert das weitverbreitetste Heilmittel überhaupt, gegen nahezu jedes erdenkliche Leiden eingesetzt, zusammengemischt aus zeitweilig mehr als 300 verschiedenen Zutaten, aufgewogen im Venedig der Renaissance in Gold. Schon Jahrhunderte zuvor wurde das Rezept in die Mauer des Asklepieions auf der Insel Kos eingemeißelt, einer Stätte der Verehrung des griechischen Gottes der Heilkunst.

Das Allheilmittel verbreitete sich rasch bis in den arabischen Raum. Vermutlich in der Gegend um Mossul im heutigen Irak entstand in der Mitte des 13. Jahrhunderts eine ebenso prachtvolle wie umfangreiche Handschrift, die sich ganz dem Theriak widmet. Das Kitab al-diryaq, so der arabische Titel des Werks, das zu den herausragendsten Zeugnissen islamischer Buchmalerei zählt, ist auf ungeklärtem Weg irgendwann nach Wien gelangt und nun im Rahmen der Jubiläumsausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek für kurze Zeit im Original zu sehen. Gesichert ist nur, dass bereits Blotius, der erste Hofbibliothekar in Wien, den wertvollen Codex im Jahr 1575 in seinem Bibliothekskatalog verzeichnete.

Das vermutlich für die höfische Gesellschaft in Dschazīra, einer Region zwischen Ostsyrien, Nordirak und Südosttürkei, erstellte Kitab al-diryaq erzählt in farbenprächtig illustrierten Anekdoten von neun berühmten Ärzten der Antike, welche die Theriak-Rezeptur jeweils verfeinerten. Dazu enthält die Handschrift ein ganzes Traktat über Schlangen, zeigt in diagrammartiger Anordnung deren Klassifikation und nicht zuletzt mit Miniaturen geschmückte Anleitungen, um sie zu fangen.

Denn das Fleisch der Schlangen taucht im Laufe der Jahrhunderte nicht nur als Zutat in der Rezeptur auf: Schlangen stecken vielmehr hinter der Entstehung des Theriaks. Der Vorläufer des Universalheilmittels ist nämlich ein Gegengift für Schlangenbisse, das der ab dem Jahr 120 vor Christus regierende König von Pontos, Mithrades VI., erfunden haben soll. Da der Begriff Theriak ursprünglich also ein Mittel gegen giftige Tierbisse meint, wird der Name der Handschrift Kitab al-diryaq auch als Buch der Gegengifte übersetzt.

Den Siegeszug des Theriaks leitete schließlich der Leibarzt des sich vor Giftanschlägen fürchtenden römischen Kaisers Nero um 50 nach Christus ein. Wenig später befasste sich auch Galenus, der nach Hippokrates bedeutendste Arzt der Antike, intensiv mit dem Heilmittel. Da im Wiener Buch der Gegengifte behauptet wird, der Text sei eine Zusammenfassung einer Schrift von Galenus – was Forscher heute in Zweifel stellen –, ist das kostbare Werk auch als Galen-Handschrift bekannt.

Das erste Theriak-Rezept, so wird es im Kitab al-diryaq erzählt, enthielt bei Kaiser Neros Leibarzt lediglich Lorbeerfrüchte, Enzian, Myrrhe und Kostwurz, doch schon bald galt Schlangenfleisch als unverzichtbarer Bestandteil für das Antidot.

Wie aus einem Gegengift die Wunderarznei schlechthin wurde, die noch im Jahr 1953 im Deutschen Arzneibuch verzeichnet war, lässt sich heute zwar nicht mehr im Detail nachvollziehen. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass jene Ingredienz einiges dazu beigetragen hat, die schon in römischer Zeit ihren Weg in die den reichen Gesellschaftsschichten vorbehaltene Theriak-Mischung gefunden hat: Opium.

Jene Pulver und Tropfen, die heute noch in esoterischen Foren unter dem Namen Theriak angepriesen und von verschiedenen Produzenten von Nahrungsergänzungsmitteln – auch in Österreich – hergestellt werden, enthalten freilich keine Schlafmohnerzeugnisse mehr. Das gilt auch für jene aus einer Handvoll Kräutern zusammengesetzten Theriak-Mixturen, die durch Maria Treben seit Ende der Achtzigerjahre als Bestandteil des Schwedenbitters wieder in Umlauf sind.

Das Original des "Kitab al-diryaq" ist bis zum 30. Oktober im Prunksaal der Nationalbibliothek zu sehen. Am 11. Oktober findet ein Vortrag dazu statt.