Der neue Geheimagent der Vereinigten Staaten ist eine Blattlaus. Sie wird in US-Labors gezüchtet, denn das winzige Insekt soll einen Passagier tragen: ein hochinfektiöses Virus. Es vermag das Erbgut von Pflanzen nach Bedarf zu verändern, sobald die Blattlaus an ihnen nagt und den Erreger überträgt. Seit 2017 experimentieren Wissenschaftler an mehreren Universitäten dafür zugleich an Maispflanzen, Viren und Insekten. "Jeder Schritt ist für sich bekannt. Wir wissen, wie man das Genom von Mais editiert, wie man Insekten und Viren modifiziert", sagt Margaret Redinbaugh, Biochemikerin und Leiterin des Projekts an der Ohio State University. "Jetzt mischen wir alles zusammen." In vier Jahren soll die Entwicklung abgeschlossen sein.

Das Ziel der Wissenschaftler ist, Nutzpflanzen noch auf dem Acker gegen rasch wechselnde klimatische Bedingungen zu stählen: Regnet es zu wenig, bestellt der Bauer ein Virus, das durch ein paar Schnitte mit der Genschere Crispr/Cas9 seinen Apfelbäumen die Widerstandskraft von Kakteen verleiht. Friert es, gibt er ihnen Frostschutzgene. Die Pflanzen sollen das gewünschte Merkmal in derselben Saison ausbilden.

Das Projekt trägt den Namen "Insect Allies", Pflanzenschädlinge werden zum Erntehelfer. Aber geht es dabei überhaupt um Landwirtschaft? Bemerkenswert ist, dass den Forschern für den Transfer der Viren ein Weg vorgeschrieben wurde: Sie müssen durch Insekten auf die Nutzpflanzen übertragen werden, etwa durch Blattläuse.

Der Bauer der Zukunft lässt also auf seinem Acker einfach eine Kiste Insekten frei. Oder, so könnte man vermuten, der Soldat auf einem fremden Acker? Hinter "Insect Allies" steckt die Darpa. Die Defense Advanced Research Projects Agency ist das Forschungszentrum des US-Militärs. Hier wurde die Idee des Internets geboren und das GPS entwickelt. Auch Agent Orange stammt aus den Laboratorien der Darpa. Über drei Milliarden Dollar investiert das Verteidigungsministerium jährlich in Forschung. Deutsche Wissenschaftler fragen nun: Versteckt sich hinter der Blattlaus eine potenzielle Biowaffe?

Zweifelsohne birgt die Technologie ein Missbrauchspotenzial. Richard Guy Reeves vom Plöner Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie forderte gemeinsam mit Juristen und anderen Wissenschaftlern vergangene Woche in Science eine Debatte über "Insect Allies": Wo verläuft die Grenze für hochriskante Forschung? "Das Darpa-Programm kann ohne Probleme als Waffe genutzt werden", warnen die Autoren auf ihrer Website. Sie bemängeln, dass es so gut wie keine öffentliche Diskussion über den Sinn und die möglichen Konsequenzen der Technologien gab. "Selbst in Fachkreisen ist das Programm weitgehend unbekannt", sagt Reeves.

Nach "Insect Allies" suchte man in US-Medien bisher vergeblich, nicht einmal Fachblätter berichteten darüber. Die verfügbaren Informationen stammen von der Darpa selbst und von den am Projekt beteiligten Universitäten. Auf einer Tagung der VolkswagenStiftung im Oktober 2017, die Sicherheitsrisiken von genmodifizierenden Technologien zum Thema hatte, stand "Insect Allies" nicht zur Diskussion. Dabei sei das Projekt von "globaler Bedeutung", wie die Autoren bemerken.

Reeves forscht selbst an dem Erbgut von Insekten und machte 2012 auf die Freilassung genetisch modifizierter Mücken auf den Kaimaninseln aufmerksam. Wieso wurden für die Übertragung ausgerechnet Insekten ausgewählt? Die Erklärung der Darpa, nicht alle Bauern hätten Zugang zu Spritzgeräten, halten die Autoren nicht für ausreichend. Die Farmer in den Vereinigten Staaten seien bestens ausgerüstet. Insekten seien kompliziert. Man könne sie nicht kontrollieren. Was, wenn sie sich auf den Äckern der Nachbarn ausbreiten? Oder in andere Länder verschleppt werden? Wie garantiert man, dass sie nicht zu lange oder zu kurz am Leben sind?

Das US-Verteidigungsministerium gibt an, "Insect Allies" sei auch gestartet worden, um die "nationale Sicherheit gegen Angriffe zu verteidigen". Blake Bextine, Leiter des Projekts, räumt im Interview mit der Darpa ein, dass die Technologie negatives Potenzial habe. Es gebe jedoch deutlich einfachere Wege, die Landwirtschaft zu schädigen. Die Idee, mit Pflanzenschädlingen die Ernte des Feindes zu zerstören, ist weit älter als "Insect Allies". Schon 1950 warnte das Propagandaministerium der DDR vor dem "Amikäfer". Die US-Armee habe über Äckern in der DDR Kartoffelkäfer abgeworfen, um die Kartoffelernte zu zerstören. Im Zweiten Weltkrieg bereitete neben Großbritannien auch Frankreich einen Angriff auf deutsche Kartoffeln vor. Man fürchtete jedoch, auch heimische pommes de terre könnten den Käfern zum Opfer fallen.

Tatsächlich kann der Einsatz von Biowaffen unberechenbare Folgen haben. In der Biowaffenkonvention von 1972 haben sich mittlerweile 181 Staaten auf ein Verbot geeinigt. Daneben ist auch festgehalten, dass kein Mitgliedsstaat Agenzien und Technologien entwickeln dürfe, die keinen friedlichen Zweck verfolgen. In der Praxis jedoch gleicht die Biowaffenkonvention einer unverbindlichen Absichtserklärung. Der Einspruch der USA verhinderte 2001 eine unabhängige Organisation, die ihre Einhaltung kontrolliert.