Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man lachen. Ein Freund berichtet mir, er habe seinen Kindern zu Hause erzählt: "Stellt euch vor, der Vatikan hat den Rektor der Jesuiten-Hochschule in Frankfurt geschasst!" – "Wegen Missbrauch?", fragten die Kinder sofort. "Nein, weil er sich dafür eingesetzt hat, dass homosexuelle Menschen in der Kirche mehr wertgeschätzt werden."

Ansgar Wucherpfennig, Professor für Neues Testament an der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen und deren Rektor seit vier Jahren, bekommt vom Vatikan kein nihil obstat mehr (zu Deutsch: "Es steht dem nichts entgegen"). Damit verliert der Jesuit seine Zulassung als Leiter einer renommierten Lehranstalt, die schon sein Ordensbruder Bergoglio besuchte, der heutige Papst. Pater Wucherpfennigs angebliches Vergehen ist, dass er gleichgeschlechtliche Liebe nicht verdammt und für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare plädiert. Nun fordern vatikanische Behörden, er solle seine Ansichten und seine seelsorgerliche Praxis "korrigieren". Eine Maßregelung mitten im Missbrauchsskandal?

"Sie machen einfach weiter", war mein erster Gedanke, als ich die Nachricht vernahm – als wäre nicht gerade eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz erschienen, die die abwertende Lehre der Kirche über Homosexualität als Risikofaktor für Missbrauch nennt. Als hätten nicht Kardinal Marx und andere deutsche Bischöfe Konsequenzen angekündigt. Als fände nicht gerade in Rom eine Synode statt, auf der erstmals Jugendliche eingeladen sind, offen auch über Sexualmoral zu sprechen – in einer vom Papst selbst geforderten "Atmosphäre des Zuhörens", die unterschiedliche Positionen gelten lässt.

Aber all das kümmert die zuständigen Beamten nicht, die in vatikanischen Raumschiffen mit Namen wie "Glaubenskongregation" oder "Bildungskommission" sitzen. In dürren Worten auf unterstem intellektuellen Niveau fertigen sie einen loyalen Jesuiten und anerkannten Hochschullehrer ab, brüskieren zugleich seinen Ortsbischof Georg Bätzing und seinen Jesuitenprovinzial Johannes Siebner, die beide Wucherpfennig unterstützten. Entsetzt sind nun auch andere deutsche Bischöfe.

Denn es geht hier um mehr als die Person Ansgar Wucherpfennig. Der sagt ja nur, was der Papst sagt. Auch Franziskus fordert eine Seelsorge, die "unterscheidet", indem sie heutige Lebenswirklichkeiten respektiert, statt lehramtliche Positionen "wie tote Steine" auf Gläubige zu werfen und insbesondere Homosexuelle zu verteufeln. Berühmt wurde sein Satz: "Wer bin ich, dass ich urteile?" Bekannt müssten aber längst auch jene Synodendokumente und päpstlichen Schreiben (etwa Amoris Laetitia) sein, in denen er den Klerus aufforderte, das Kirchenvolk nicht länger mit einer doktrinären Strafmoral zu traktieren.

Der Hass führender Kreise im Vatikan ist ihm seither gewiss, angefangen bei Kardinälen, die ihm theologische Qualifikation absprechen oder ihn offen der Häresie bezichtigen. Seit im September der Ex-Nuntius Viganó in der Causa des mutmaßlichen Missbrauchstäters und vormaligen Erzbischofs McCarrick schwere Vorwürfe gegen Franziskus erhob, instrumentalisieren dessen Gegner den Missbrauchsskandal, um den Papst zu stürzen. Zwar widerlegte soeben der Kurienkardinal Marc Ouellet, Chef der Bischofskongregation, Viganós Anklagen gegen Franziskus in einem offenen Brief. Doch der homophobe Vorwurf bleibt, Franziskus habe "homosexuelle Netzwerke" gedeckt, die eigentlich schuld seien an Missbrauch und Vertuschung. So werden auch die Aussagen der neuen Missbrauchsstudien (aus Deutschland, Australien, den USA) in ihr Gegenteil verkehrt.

Ist das Dummheit? Oder Zynismus? Klar wird: Hier geht es nicht mehr um Wahrheit oder um die Suche nach einer lebensnahen Seelsorge, sondern um Machtkampf. Alle Mühen von Priestern vor Ort, die Fragen zu beantworten, die sich aus dem Missbrauchsskandal ergeben, werden durch das Vorgehen der Vatikanbeamten gegen Wucherpfennig verhöhnt. Ebenso alle Mühen, von einer demokratischen Gesellschaft ernst genommen zu werden.

Meine Erfahrung als Jesuit und als Schulleiter besagt: Glaubhaftes Lehren funktioniert nicht autoritär. Das gilt auch für katholische Hochschulen und Schulen! Wir Lehrer müssen uns der Lebenswirklichkeit der Jungen stellen. Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, schrieb: "Jesuiten lernen am besten, wenn sie lehren." In diesen Tagen wird auf der Jugendsynode in Rom das unvoreingenommene "Zuhören" gepriesen. Das aber setzt Lernbereitschaft voraus, also die Einsicht, dass kein Kleriker im überlegenen Besitz der Wahrheit ist, sondern jeder sich der Mühe des Arguments unterziehen muss. Die penetrante Selbstsicherheit, mit der Vatikanbeamte in seriöse theologische Lehre und Seelsorge eingreifen, ist bildungsfeindlich. Man ist unfähig, weil unwillig, sich in die komplexen Entscheidungssituationen Jugendlicher heute einzufühlen. Am Ende wirkt das auch selbstzerstörerisch. Das ist das Traurigste am Fall Wucherpfennig: Wer wüsste besser als er, der Neutestamentler, welch ein Schatz das Evangelium ist, welche Schule der Menschenliebe? – Mein Gott, aber was haben sie daraus gemacht! Und sie machen einfach weiter.