Deutschlands Verkehrsbilanz im Sommer 2018 ist eine Ansammlung negativer Rekorde: Fast jeder dritte Fernzug war zeitweise verspätet, in einem einzigen Monat fielen 4462 Flüge aus, auf den Autobahnen spielten Pkw und Laster wochenlang Stoßstangendomino. Seit diesem Sommer wissen wir endgültig, wie es sich anfühlt, wenn Deutschland stillsteht.

Und die Reaktionen darauf? Reflexhafte Forderungen nach mehr Geld für eine bessere Infrastruktur, damit in Zukunft noch mehr Verkehr bewältigt werden kann, denn der soll ja – so die Prognosen – überall wachsen: auf der Schiene, in der Luft, auf der Straße.

Mehr Geld ist nicht falsch. Deutschlands Verkehr schleppt sich auch deshalb dahin, weil dringend nötige Investitionen ausblieben. Was aber, wenn man sich fragt, ob so viel Verkehr tatsächlich sein muss? Und wer die wahren Kosten dafür trägt?

Die Autobahnen sind auch deshalb so voll, weil jeden Tag Millionen Laster kreuz und quer durch Europa fahren. Sie werden beladen mit dänischen Schweinekeulen, die in Oberitalien zu Schinken verarbeitet werden – oder mit Krabben aus der Nordsee, die in Marokko gepult und anschließend zurück nach Deutschland gebracht werden. Die Globalisierung erzeugt auch deshalb solche Auswüchse, weil der Transport von Gütern so billig ist.

Auch wenn etwas nichts kostet, zahlen die Menschen dafür einen Preis

Die vielen Paketautos verstopfen Deutschlands Innenstädte, weil sich viele Menschen ihre im Internet bestellten T-Shirts einzeln liefern lassen. Und das Flugchaos traf auch deshalb so viele Passagiere, weil die sich daran gewöhnt haben, für 29 Euro nach Mallorca zu fliegen. Gratisversand und Billigflieger haben erst jenen Verkehr erschaffen, unter dem das System bald zusammenbrechen könnte. Je billiger das Angebot, desto größer die Nachfrage.

Doch nur weil etwas nichts kostet, heißt das nicht, dass es keinen Preis hat. Den Preis für das Immer-mehr-Reisen für immer weniger Geld zahlen nicht nur Fluggäste, die Jahre in Terminals vergeuden, oder Anwohner, die unter dem Verkehrslärm krank werden.

Den wahren Preis zahlen osteuropäische Lastwagenfahrer, die als Billignomaden ihre Bahnen zwischen Mittelspur und Seitenstreifen ziehen. Oder hiesige Paketboten, die ihre Körper verschleißen. Den Preis zahlen auch unterbezahlte Flugbegleiter von Ryanair, die Pfandflaschen aus Sitztaschen klauben, um sich ein paar Cent dazuzuverdienen.

Und noch jemand zahlt für den Mobilitätswahn: die Umwelt. Der Weltklimarat hat in seinem Sonderbericht gerade ein beispielloses Handeln gefordert, um die Klimaziele noch zu erreichen und steigende Meeresspiegel, Dürren und Extremwetter zumindest einzudämmen. Der Verkehr verursacht fast ein Fünftel der hiesigen Treibhausgasemissionen.

Was tun? Da gibt es das Lager, das auf eine technische Revolution vertraut und glaubt, alle Probleme ließen sich lösen, wenn es nur gelänge, den Verkehr effizienter und sauberer zu machen: mit E-Autos etwa, mit elektrisch betriebenen Paketdrohnen oder Flugtaxis. Die Menschen könnten dann weiterhin so viel reisen wie bisher, jedoch mit besserem Gewissen. Doch stehen Elektroautos nicht im Stau?

Besser wäre es, die Gewohnheiten zu ändern. Muss der Wochenendtrip nach Barcelona wirklich sein? Warum das Bier nicht beim Händler um die Ecke holen, statt es kastenweise vom Amazon-Boten an die Tür bringen zu lassen?

Aber allein an den guten Willen zu appellieren wäre wohl naiv. Man müsste sich schon den mächtigsten Lenkungsmechanismus der Marktwirtschaft vornehmen: den Preis. Soll der Preis fürs Reisen die sozialen und ökologischen Kosten abdecken, muss Verkehr teurer werden. Das wirksamste Instrument wäre die Einführung einer Steuer auf den Ausstoß von CO₂. Die würde vor allem das klimaschädliche Fliegen und Autofahren verteuern.

Für sozialen Ausgleich könnte eine Klimadividende sorgen, die die Einnahmen aus der Steuer an die Bürger zurückgibt – und zwar an jeden denselben Betrag. Wer weniger CO₂ verursacht als der Bevölkerungsschnitt, würde Geld sparen. Ärmere Menschen profitierten, weil sie meist seltener fliegen und weniger Auto fahren.

Und noch eine Gewinnerin gäbe es: die Bahn, das umweltfreundlichste aller Verkehrsmittel.

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