Wir starten an der Basilika, wo Jesus angeklagt und gefoltert worden sein soll, wo die Residenz des Pontius Pilatus gewesen sein soll. Von dort geht es erst einmal bergab. Ich habe immer geglaubt, der letzte Weg von Christus wäre bergauf gegangen. Ehrlich gesagt kann ich mir gar nicht vorstellen, dass Jesus hier überhaupt gewesen sein soll. Dass wir nun einen Weg gehen, den der Sohn Gottes schon einmal gegangen ist. Alles sieht so profan aus. Wir kommen an dem Ort vorbei, wo Jesus gefangen gehalten worden sein soll. Der historische Ort ist im Keller eines griechisch-orthodoxen Klosters. Es geht zwei enge Treppen herunter in ein Kellergewölbe. Hier soll das Gefängnis des Barabbas und das des Heilands sein. Wir stehen vor den steinernen Nischen, die vielleicht zur Unterkellerung eines Gefängnisses gehört haben können, wie die Mönche sagen. Das hätte wohl sein können, allerdings macht es einen komplett unbeseelten Eindruck.

An einigen Wegpunkten der Via Dolorosa könnte man glatt vorbei laufen: hier die siebte Station. © Finbarr O'Reilly/Reuters

Ich hatte mir vorgestellt, dass die Stationen der Via Dolorosa in Jerusalem in Gold gefasst sind oder so. Aber dem ist nicht so. Manchmal gibt es an dem Ort eine kleine Kapelle, manchmal ein Kloster. Die Stationen sind auch nicht einheitlich gekennzeichnet, an einigen könnte man glatt vorbeilaufen. Kaum hundert Meter hinter dem Beginn des Passionsweges ist die Station, wo Christus das erste Mal gestürzt sein soll. Ich denke unwillkürlich: Oje, der ist aber ganz schön schnell gefallen. Erst später erinnere ich mich, dass er zuvor 40 Peitschenhiebe erhalten haben soll. Er musste dabei den etwa 25 Kilogramm schweren Kreuzbalken tragen, wahrscheinlich war er stark dehydriert, nur noch eine einzige offene Wunde. Vermutlich wäre ich in diesem Zustand keine fünf Meter weit gekommen.

Sein letzter Weg muss etwa 800 Meter betragen haben. Nicht viel – außer man ist schwer verletzt und in Todesangst. Wir kommen an die Stelle, wo Jesus seiner Mutter begegnete. Es ist eine winzige Kapelle, verbunden mit einem riesigen Souvenirshop. Ich wundere mich, dass man an vielen Stationen in den Kapellen allein vor dem Altar sein kann. Die Pilger scheinen nicht allzu scharf darauf zu sein, auf jedem Bänklein niederzuknien.

Nicht weit entfernt ist die Stelle, wo Jesus das Kreuz an einen dahergekommenen Bauern abgegeben haben soll. Offenbar war man besorgt, der Verurteilte würde die Hinrichtungsstätte nicht mehr lebend erreichen. Dann erfolgt der Aufstieg zur Richtstätte. Nun wird die Via Dolorosa eng und führt durch ein Spalier von Marktständen. Man kann sich schwer vorstellen, wie der Messias auf seinem letzten Weg an Weihrauch- und Honignougat-Ständen vorbeimusste. Irgendwie ist es auch schwer nachvollziehbar, dass der heilige letzte Weg des Christus durch so ein Halligalli führte – hätte man an der heiligen Straße nicht eine Art Verkehrsberuhigung durchführen können? Das kann man doch in jeder Kleinstadt. Ich bekomme den Eindruck, dass das Christentum in Jerusalem nicht so wichtig genommen wird. Es sieht alles ein bisschen improvisiert aus. Es wirkt etwa so, als würde man die Christen hier immer noch für einen Haufen Spinner halten, die ihrem Propheten hinterherrennen.

Mir fällt ein junger Mann auf, der mit einem Besen die Via Dolorosa kehrt. Er trägt einen neonorange Pullover. So etwa, wie ihn in Berlin die Müllmänner tragen, nur dass hier nicht BSR draufsteht, sondern JESUS. Ich schaue dem engagierten Straßenkehrer eine Weile zu und frage ihn, woher er kommt. Er kommt aus den USA. Er heißt Jay. "J. A.", spricht er die Buchstaben einzeln auf Englisch aus: "JESUS ALIVE". Jay erzählt mir seine Geschichte. Er erzählt sie bestimmt oft am Tag. Er habe eines Tages vom Herrn die Botschaft bekommen, er solle nach Jerusalem reisen und die heiligen Straßen kehren.

Ein Weg, der Pilger aus der ganzen Welt anzieht: Orthodoxe Christinnen aus Abchasien während einer Karfreitagsprozession © Gali Tibbon/AFP/Getty Images

Ich frage, wie ihm der Herr das gesagt habe. Jay meint, die Stimme sei auf einmal einfach in ihm gewesen. Er habe aber gezweifelt und Angst gehabt. Schließlich sei er noch nie in Jerusalem gewesen, und er habe auch nicht viel Geld besessen. Da habe er einen Traum gehabt. Er habe sich selbst als Frosch gesehen, der immer tiefer und tiefer in ein dunkles Wasser hineintauchte. Da habe er plötzlich Angst bekommen, ob er denn nicht schon zu tief getaucht sei, um wieder an die Oberfläche zu kommen. Dann aber sei eine Luftblase unter ihm aufgestiegen, die ihn sanft ergriff und nach oben trug. Und da sei ihm auch wieder eingefallen, was F.R.O.G. heiße: Fully rely on God. Verlass dich vollkommen auf Gott. Also stieg Jay ins Flugzeug und landete hier. Das sei nun fünf Monate her. Und seitdem lebe er von dem, was Gott ihm biete. Ich gebe ihm fünf Euro und gehe weiter. So sieht wohl fester Glaube aus. Armer Jay, denke ich mir. Da ist er schon einer der wenigen, die das Glück haben, Worte des Herrn in sich zu hören – und dann ist es so ein Quatsch. Wenn es Gottes Wille ist, dass Leute die Via Dolorosa kehren, die ja jeden Abend ohnehin von der Stadtreinigung gesäubert wird, dann bin ich nicht sehr scharf darauf, diesen Willen zu vernehmen.

Und dann stehe ich plötzlich vor dem Schrein, der Jesu Grab darstellt. Eine riesige Menschentraube steht davor, windet sich um die Grabstätte. Alle sind friedlich, obgleich man Stunden warten muss.

Plötzlich stehen wir vor der Grabeskirche. Sie wird durch ein von Hand gemaltes Schild ausgezeichnet. Sie steht mitten im Mauergewirr auf dem vermuteten ehemaligen Hügel Golgota. Es ist ein unförmiger Bau. Man kann gar nicht sagen, wo die Kirche anfängt und aufhört. Wenn man hineingeht, wird es nicht besser. Das Gotteshaus sieht aus wie ein Basar. Auf mehreren Stockwerken drängen sich kleine Kapellen aneinander. Es hat nichts Erhabenes wie etwa der Innenraum des Kölner Doms. Alle Konfessionen haben hier ihre Dependancen hineingebaut. Priester und Padres stromern umher, lenken die Flut an Christen, die in diesem Bau umherschwappt. Es sind alle Arten von Christen: Europäer, Asiaten, Russen. Sie klettern die Treppe zu der Stelle hoch, wo angeblich Jesu Kreuz in den Fels gerammt war. Man kann in ein Loch am Fuße eines Altars greifen und spürt den Fels. Auch ich greife hinein, bekomme aber nur den Tinnef zu fassen, den Leute vor mir hineingesteckt haben. Zettel mit Wünschen und Gebeten. Danach steigen wir wieder hinab und stehen vor dem Salbungsstein. Dem Stein, auf dem Jesus nach seinem Tod einbalsamiert worden sein soll. Der Salbungsstein ist umschwirrt von Asiaten, die ihre Taschentücher darauf reiben, damit etwas von dem Öl, das der Stein angeblich ausschwitzt, in ihrem Leben haften bleibt.

Und dann stehe ich plötzlich vor dem Schrein, der Jesu Grab darstellt. Eine riesige Menschentraube steht davor, windet sich um die Grabstätte. Alle sind friedlich, obgleich man Stunden warten muss. Ich betrachte die Christen um mich herum. Sie kommen aus allen Ländern, sprechen zig Sprachen durcheinander. So vielfältig ist also das Christentum, und ich hatte immer geglaubt, ich würde es kennen. Ich lasse mich vom Strom mittragen. Es wird immer ein bisschen gedrückt und geschoben. Aber alles mit Geduld. Die Stimmung ist friedlich. Ein Pater kommt vorbei und schwenkt Weihrauch. Und dann stehe ich plötzlich vor der kleinen Gruft. Es passen nur drei Menschen hinein. Ich bin zusammen mit zwei Italienerinnen darin. Mutter und Tochter.

Wir sind in einem schummrigen, von Kerzen beleuchteten Raum und stehen vor einem Steinblock. Dort war Jesus also aufgebahrt, wenn man der Geschichte Glauben schenkt. Eben war man noch in einer Menschenmasse, und nun hat man diesen einen Moment, fast allein mit diesem Ort. Alles ist ruhig und gut. Von diesem Stein aus ist er wohl auferstanden. Wir alle knien nieder und beten. Ich bete, denn plötzlich fühle ich: Ich bin tatsächlich an einem besonderen Ort. Es ist ein intimer Moment. So still ist es hier. Als wären wir allein. Und ich spüre die Gegenwart von irgendetwas tief in mir glühen. Es ist ein Ort, der zu meinem Glauben gehört. In diesem Moment bin ich voller Zuversicht: Die Glut wird mich wärmen, so fern ich mich auch fühle.