Der Vorgang dürfte in der Literaturgeschichte einmalig sein: 70 Jahre nach dem Tod des Autors taucht ein 1000 Seiten starker Text auf, der alles sprengt und auf den Kopf stellt, was man bisher über dessen Werk wusste und dachte.

Man könnte aber auch das Gegenteil behaupten: Alles, was man diesem Schriftsteller ohnehin immer schon an Exzentrizitäten und Abgründigkeiten zugetraut hat, wird jetzt auf wahrhaft durchgeknallte Art noch einmal bestätigt und sogar übertroffen.

Es geht um den Dichter Rudolf Borchardt, geboren 1877 in Königsberg, gestorben im Januar 1945 in Tirol. Lyriker, Kulturessayist, Übersetzer, begnadeter Polemiker und ein hochtouriger Selbststilisierer. Darin war er seinem Gegenspieler Stefan George nicht unähnlich, den er indes, vermutlich wegen dieser Ähnlichkeit, von Herzen hasste.

Borchardts Markenzeichen: radikaler Manierismus, elitäres Formbewusstsein. Sein selbst proklamiertes Programm: "schöpferische Restauration". Für seine Dante-Übersetzung schuf er eine eigene Kunstsprache, eine Mischung aus alemannischem Dialekt und einem geträumten Mittelhochdeutsch, mit der verglichen Dantes italienisches Original leicht zugänglich ist.

Jetzt ist aus seinem Nachlass ein Manuskript aufgetaucht. Und es ist ausgerechnet: ein Porno. Ein autobiografischer pornografischer Roman, dem der Herausgeber Gerhard Schuster den Titel Weltpuff Berlin gegeben hat. Wenn man nun annimmt, dass bei einem so lyrischen Feingeist wie Borchardt ein irgendwie sublimierter, geistig veredelter Porno herauskommen müsste, also weniger Trieb und dafür mehr Metapher, hat man sich geschnitten: Rein quantitativ, also gemessen an der Anzahl der Kopulationen pro Buchseite, stellt Borchardts Ausflug ins Reich der Sinne alles in den Schatten, was das Genre sonst zu bieten hat.

"Jungfrauen sind wir nicht, aber reine Mädchen mit anständigem Herzen"

Doch Weltpuff Berlin ist zugleich ein soziologisch sehr informierter Gesellschaftsroman, denn alle Frauen, mit denen der Protagonist ins Bett fällt, werden genauestens beschrieben, was ihre Herkunft, ihre Berufstätigkeit, ihre kulturellen Vorlieben, ihren Kleidungsstil, ihre Sehnsüchte und ihr Selbstbild betrifft. Alle Milieus, vom Hausmädchen bis zur Gräfin, vom Naturkind bis zum Vamp, sind vertreten, und alle Frauen verbindet ein unverklemmtes Verhältnis zu ihrer Lust. Sie nehmen sich, was sie wollen, und sind so explizit, als läge die sexuelle Revolution hinter ihnen. Ist das Ausdruck ihrer Selbstbestimmung oder eher die Männerfantasie Borchardts? Jedenfalls kommt die Autonomie der Frauen dem erotischen Appetit des Erzählers entgegen. Oder wie es eine von zwei Schwestern, die sich den "Rudi" teilen, einmal sagt: "Jungfrauen sind wir nicht, das gibt’s heut bei allein erwerbenden Mädeln überhaupt nicht, aber wenn nicht schon Liebe unrein macht, sind wir reine Mädchen mit anständigem Herzen."

Weltpuff Berlin ist ein fiebriges Sittengemälde des Berlins um 1900. Zwischen den Akten, wenn der viel gefragte Icherzähler Rudolf Borchardt (er trägt den Namen seines Autors) von einem Bett zum nächsten muss, sieht man ihn am Straßenrand stehen und nach einem Taxi winken, um dann durch Berlin zu "brausen" (ein Lieblingswort Borchardts). Der Stadtraum strahlt bereits etwas von der ungesunden Erregtheit expressionistischer Großstadtgemälde aus. Es ist auch ein Roman der Beschleunigung, und das nicht nur, weil sein Protagonist angesichts seiner Gefragtheit öfter außer Atem kommt. Ganz im Sinne des Zeitalters der Nervosität heißt es einmal: "Dann sass ich kribblig nervös ruhelos vor meinem Beefsteak, wie ein in einem Kasten auslaufender Kreisel, der überall an Wände prallt, aber zu viel Wirbel hat, um umzufallen."

Die Verbindung aus Dauervögelei und Sprachmächtigkeit hat etwas sowohl Groteskes wie Faszinierendes. Schon der erste Satz des Romans kann es mit Novellenanfängen aus der Feder Heinrich von Kleists aufnehmen: "Ich war ein junger Mensch von vierundzwanzig Jahren, als ich in der Universitätsstadt G etwas ausgefressen hatte und mit allen Anzeichen der Familienschande nach kurzem Zwischenakte nach Berlin ins elterliche Haus befohlen wurde." Die Eröffnungsszene des Romans entspricht der biografischen Situation Rudolf Borchardts im Jahr 1901. Auch dem realen Vater Borchardts, einem vermögenden jüdischen Bankier, war der Geduldsfaden gerissen, weil der Sohn seine altphilologischen Studien nicht abschloss, sondern sich von der Familie aushalten ließ.

Potenz wie ein Superhero

Die Wut brodelt im Erzähler. Er entkommt dem eher symbolischen Hausarrest, indem er sich einem Strom sexueller Abenteuer überlässt. Seine Libertinage ist auch eine Rache am kleinmütigen Spießertum seines Vaters. So "braust" er durch Berlin, und wo immer er hinkommt, in eine Bar, in ein Restaurant, in eine Bibliothek, in einen Massagesalon, zu Freunden, sind da Frauen, die ihn vom Fleck weg begehren. Nach ein wenig geistreichem Wortgeplänkel, das einen an Choderlos de Laclos’ Gefährliche Liebschaften erinnert, greifen die Hände der Frauen auch schon nach seinem "Steifen", der ihn nie im Stich lässt: "Ich verliess sie eine Stunde später, ohne mich erschöpft zu haben, während sie mir mit den letzten zärtlichen Küssen gestanden hatte, sie könne 'nicht mehr Piep sagen'."

Ein Liebesakt folgt dem anderen, immer reibt sich Fleisch an Fleisch

Ein Liebesakt folgt dem anderen, immerfort reibt sich Fleisch an Fleisch. Und Borchardt, der nicht nur von Adorno zu den sprachmächtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts gezählt wird, setzt all seine Formulierungskunst ein, um die unzähligen Kopulationen in allen anatomischen Details zu beschreiben. Für den Fall einer Verfilmung ließen sich die aufgeführten Stellungen choreografisch präzise nachspielen. Der Leser des Jahres 2018 staunt, wie wenig sich das sexuelle Vokabular in den letzten 100 Jahren verändert hat: Da wird gevögelt, gerammelt, genagelt, gebimst und gearschfickt. Offensichtlich ist das sexuelle Vokabular doch nicht in gleichem Maß dem Sprachwandel ausgesetzt wie andere Wortfelder.

Die harte Währung jedes Pornos ist die Erregung, die er beim Leser hervorruft. Ist Weltpuff Berlin erregend? Sagen wir so: Die Erregungskurve ist abfallend. Während man am Anfang noch gierig der nächsten Sexszene entgegenhechelt, kommt es bald zu einem Spannungsabfall, weil der Erzähler immer sein Ziel erreicht. Es gibt keine Widerstände.

Psychologisch ist das grotesk, für die Spannungsdramaturgie ein Problem. Aber es hat auch etwas bizarr Erhabenes, dass der Formtraditionalist Borchardt, der berühmt dafür war, alle Gattungen des abendländischen Literaturkanons noch einmal mustergültig zu entfalten, dies auch mit eiserner Konsequenz im Falle des Pornos tut. Er bleibt den Regeln der Gattung treu, deren oberstes Gesetz die Redundanz ist. Das machte schon den Klassiker der literarischen Pornografie, Marquis de Sades Justine oder Vom Missgeschick der Tugend, trotz aller funkelnden Grausamkeit ein wenig langatmig. Borchardt unternimmt keinen Versuch, aus der Wiederholungsschleife auszubrechen. Er will das Genre nicht dramaturgisch, nur sprachlich literarisieren.

Weltpuff Berlin hätte ein virtuoser psychologisch-erotomanischer Gesellschaftsroman werden können, aber Borchardt wollte einen Porno schreiben. Man mag das bedauern, gerade wenn es einem um Erregung geht. Denn diese ist umso intensiver, je realistischer das Setting. An Weltpuff Berlin ist nichts realistisch, auch wenn der Erzähler wie ein Bauingenieur die Länge seines erigierten Penis mit 18 Zentimetern angibt und für seinen Erfolg bei Frauen eine physiologische Erklärung bereithält: "Mein Penis (...) passte sich wie nach Mass in den gebogenen Gang der Scheide ein und dehnte sie auch im Längssinne; es entstand eine abnorme Spannung der bereits kitzelempfindlichen Teile, und da ich sie aus dem Kreuz heraus unter Schwung zu nehmen pflegte, so war die Wonne oft sofort erreicht."

Es ist eine Phantasmagorie, in der der Held über eine Potenz verfügt wie ein Superhero. So realistisch die Sexszenen beschrieben werden, so unrealistisch ist ihre Häufigkeit. Ein Autor, der sich rühmt, sechs Mal hintereinander kommen zu können – was für ein Projekt hat der eigentlich am Start?

Ist das eine erotische Allmachtsfantasie angesichts der realen Ohnmacht gegenüber dem Vater? Ist es Manierismus? Ist es eine Fingerübung oder gar eine Parodie? Dafür ist es zu dick und glüht auch zu sehr von existenziellem Fieber. Komisch ist es immer wieder, oft auch hanebüchen-komisch wie jede überdimensionale Sexfantasie, aber ironisch nie. Es ist nicht leicht, das psychologische Motiv, aus dem das Buch entstanden ist, genau zu bestimmen. Man darf gespannt sein, wie die Borchardt-Forschung in ihrem Borchardt-Bild den Platz freischaufeln wird, in den dieses gewaltige Monstrum reinpasst.

Dass Borchardt seine ganze Sprachkraft in den Dienst einer ausufernden Sexfantasie stellt, hat etwas grandios Spleeniges. Einmal betrachtet der Erzähler alte japanische Holzschnittbücher. Da heißt es: "Eins war so pornographisch, dass ich lachen musste." Das ist vielleicht auch eine Selbstbeschreibung seines eigenen Romans.

Eine erotische Utopie

Weltpuff Berlin spielt 1901, geschrieben aber hat es Borchardt erst 1938/39 in Italien, wo er – der große Mussolini-Bewunderer, den die Nazis indes zurückstießen wegen seiner jüdischen Herkunft – die meiste Zeit seines Lebens wohnte, als wäre er ein zweiter Dante im Exil. In seinen Schriften weist nichts auf dieses Buch hin. Niemand wusste davon, bis der Borchardt-Herausgeber Gerhard Schuster im Literaturarchiv Marbach, wo des Dichters Nachlass lagert, 2012 auf das Manuskript stieß. Mit der Erlaubnis von Kaspar Borchardt, dem ältesten Sohn des Dichters, ordnete er das lückenhafte und nicht abgeschlossene Manuskript und fertigte, weil die Blätter brüchig waren, Kopien an – finanziert wie fast alles, was Borchardt betrifft, durch Heribert Tenschert, der zu den weltweit führenden Antiquaren für kostbare Drucke und mittelalterliche Handschriften zählt, ein leidenschaftlicher Borchardt-Verehrer und Mäzen, in dessen "Edition Tenschert bei Rowohlt" jetzt auch Weltpuff Berlin erschienen ist (Reinbek 2018; 1086 S., 35,– €).

Während der Arbeit an der Ausgabe starb Kaspar Borchardt, und sein Bruder Cornelius sprach sich gegen eine Veröffentlichung aus. Zu diesem Zeitpunkt war Rudolf Borchardt allerdings schon über 70 Jahre tot, das heißt, seine Werke sind urheberrechtlich nicht mehr geschützt. Cornelius Borchardt kann also nur das physische Manuskript sperren, nicht mehr jedoch den immateriellen Text.

Heribert Tenschert, ein Freund des Elitären, grämte es durchaus, dass Borchardt immer nur ein Autor für die happy few gewesen ist. "Mit diesem Roman", sagt er nun, "steht Borchardt dort, wo er hingehört: in der ersten Reihe!"

Auf jeden Fall in der ersten Reihe der ästhetisch-pathologischen Exzentriker. Borchardt war eine genial abgründige Persönlichkeit. Wenn Platons Wort, wonach die Dichter lügen, je auf einen zutraf, dann auf ihn. Er war ein buchstäblicher Lügner, aber auch einer, der – wie Oscar Wilde – an die überlegene Wahrheit der Fiktionen glaubte. Außerdem waren seine Eitelkeit und seine Ansprüche so hoch, dass Letztere nur auf krummen Wegen zu erfüllen waren. Berühmt war er auch für seinen jüdischen Selbsthass. Er sah sich als Lordsiegelverwahrer der deutschen Kultur, die er allerdings nicht blutsmäßig-völkisch definierte, sondern geistig. Die Nazis haben sich davon nicht täuschen lassen und ihn verfolgt. In seinem berühmten Sonett auf sich selbst wird ein Blick in den Spiegel evoziert, und dann heißt es: "Ich betete: ich möchte dies nicht sein!"

Selbstbewunderung und Selbsthass liegen bei Borchardt nahe beieinander. Er glaubte fest daran, dass nur das wahr ist, was durch Sprache erschaffen wird. Weil seine Sprachkraft grenzenlos war, ist folglich auch seine Sexualkraft grenzenlos.

Weltpuff Berlin hat übrigens zwei Eigenschaften nicht, die man bei einem Porno erwarten würde: Weder ist es zynisch noch je lieblos. Zu den Wonnen gehört auch immer ausführliches Küssen, und der Erzähler schließt jede Frau, wenn auch nur kurz, in sein Herz. Es ist eine erotische Utopie: wie der Mensch die Erdenschwere verlieren könnte, wenn er sich nur den Energieentladungen einer grenzenlosen Promiskuität überließe. Frau von Treek, Mutter zweier reizender Töchter, sagt einmal: "... (D)er Feind ist Lauheit, Convention, Herzensträgheit, Bourgeoisie – schaffen Sie es uns vom Hals." Und darauf folgt ein erzählerischer Höhepunkt des Romans: Die drei Frauen und Rudolf verkleiden sich orientalisch, und wie in einer neuen Scheherazade denken sie sich, im Wechsel von Worten und Taten, neue erotische Geschichten aus. Man kann diese neuen Geschichten aus 1001 Nacht nicht lesen, ohne Rudolf Borchardt für eines der größten und irrsten Erzählgenies des 20. Jahrhunderts zu halten.