Cochin, Indien

Bevor Ambika Thankappan am Morgen zur Arbeit fuhr, rief sie ihren Sohn an, um ihm mitzuteilen, dass ihre Welt untergehe. "Die Dörfer in der Nähe sind schon überflutet", erklärte sie ihm. "Jetzt kommt das Wasser zu uns." Arun, der gerade Verwandte besuchte, sprang auf sein Motorrad und machte sich im Regen auf den Heimweg. Er hatte Angst. Was würde er zu Hause vorfinden?

An normalen Tagen arbeitet Arun in einem Geschäft am internationalen Flughafen Cochin in Kerala, dem Bundesstaat an der Südwestküste Indiens. Ambika sammelt dort Gepäckkarren ein und reiht sie für die Reisenden auf. An normalen Tagen ist derweil auf der anderen Seite der Erde, im amerikanischen Immokalee in Florida, ein Mann namens Wilson Perez damit beschäftigt, Tomaten zu pflücken; und im kanadischen Toronto tun Klever Freire and Gabriel Otrin etwas, das 81 Millionen Menschen jeden Tag tun, ohne darin eine tödliche Gefahr zu sehen: Sie steigen nach der Arbeit im Büro in den Lift.

Doch dieser Text handelt nicht von normalen Tagen. Er handelt von jenen, an denen das Wasser kommt in Cochin, Immokalee und Toronto. Er gibt damit einen Ausblick auf eine Welt der steigenden Meeresspiegel, zunehmenden Fluten und extremen Niederschläge, die mit dem Klimawandel wahrscheinlicher wird. Die möglichen Folgen lassen sich an manchen Orten schon heute studieren.

Der 15. August 2018, der indische Unabhängigkeitstag, war für Arun und seine Mutter ein solcher Tag. Nach drei Tagen heftigen Dauerregens stieg in Cochin das Wasser unaufhaltsam. Normalerweise dauert die Fahrt von Aruns Verwandten bis zu seinem Heimatdorf eine Stunde. Doch in dem knietiefen Wasser war er zweieinhalb Stunden unterwegs. Vor allem machte er sich dabei Sorgen um Messi, seinen Hund, der ihn sonst zu Hause schwanzwedelnd begrüßte.

Als er endlich ankam, war er zunächst erleichtert. Das Haus stand noch nicht unter Wasser, Messi war im Hof in Sicherheit. Deshalb sah Arun zunächst nach seinen Nachbarn, die wie seine Familie auf den tief gelegenen, saftig grünen Feldern hinter dem Flughafen wohnen.

Der ist eigentlich ein ökologisches Vorzeigeprojekt: Der Flughafen Cochin ist weltweit der erste, der seinen Strom ausschließlich aus Sonnenenergie gewinnt. Aber an diesem Tag war auch am Flughafen nichts mehr normal. Dort stieg ebenfalls das Wasser und überflutete nach und nach die Solarpanels. Am Mittag durchbrach es die Mauer hinter der Rollbahn mit einer ähnlich explosiven Gewalt, wie wenn ein Staudamm bricht. Erschrocken sah Arun diesem Schauspiel zu. Er war auf eine Mauer geklettert, um sich einen Überblick zu verschaffen, und betrachtete wie hypnotisiert die Schlammflut – bis ihm schlagartig klar wurde: In Kürze würde das Wasser da sein.

Tatsächlich dauerte es nur Minuten, bis die Wassermassen ihr Haus überschwemmten und alles bewegliche Gut mit sich fortrissen: Betten, Drucker, Computer, Waschmaschine, Nähmaschine, Herd, Motorrad, Mixer, Radio, Fernseher. Arun versuchte noch, den Hund zu retten, doch in der schnell steigenden Flut konnte er Messi nicht mehr festhalten und musste ihn loslassen. In dem schlammigen Wasser konnte er nur sich selbst in Sicherheit bringen.

Wenn Wissenschaftler den Klimawandel beschreiben, arbeiten sie häufig mit dem Futur: Dann geht es darum, wie die Welt in 50, 100 oder 200 Jahren aussehen wird. Auch in dem 1,5-Grad-Bericht des Weltklimarates IPCC, der diese Woche veröffentlicht wurde, ist von Zukünften die Rede (siehe folgende Seite). Angesichts der derzeitigen Entwicklungen, prognostiziert der IPCC, werde die weltweite Durchschnittstemperatur bis 2040 um 1,5 Grad ansteigen (verglichen mit dem Niveau vor der Industrialisierung). Bis zum Ende des Jahrhunderts sei gar mit einem Anstieg um 4 Grad zu rechnen, wenn nicht "eine unverzügliche und radikale Senkung der globalen Emissionen in einem bisher beispiellosen Umfang" in Angriff genommen werde.

Doch was bei allen erschreckenden Zukunftsszenarios aus dem Blick gerät: Schon heute erlebt die Welt die Auswirkungen eines Temperaturanstiegs von 1 Grad. Und für immer mehr Menschen sind die Zeiten des steigenden Wassers bereits Realität. Sie sehen sich mit extremen Niederschlägen oder Überschwemmungen konfrontiert. Wenn die Temperaturen noch um ein halbes Grad weiter steigen, werden laut IPCC 46 Millionen Menschen in Gebieten leben, die "von dauerhafter Überflutung durch einen Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind". Dabei sind vor allem die Bewohner Asiens betroffen, in China, Indien, Bangladesch, Vietnam, Indonesien, Japan, aber auch die Menschen in Brasilien, in den USA oder den Niederlanden. Sie alle werden versuchen, sich an die steigenden Pegel anzupassen. Doch diese Veränderung hat schon heute ihren Preis.