Auch in Deutschland entsteht politisch instrumentalisierte Desinformation aus fehlerhaften Berichten. "Absurde Dieselpanik! Im Büro ist 20 Mal mehr Stickstoffdioxid erlaubt als auf der Straße". So titelte Focus Online im Sommer 2017. Vor allem die AfD erkannte schnell das strategische Potenzial dieser Meldung. In der Sendung Anne Will provozierte die AfD-Frontfrau Alice Weidel die Politiker in der Talk-Runde mit der Frage, warum in geschlossenen Räumen 950 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter in der Luft erlaubt seien – an viel befahrenen Straßen aber nur 40 Mikrogramm. Das zeige doch den Unsinn der Debatte.

Keiner der Talk-Gäste war in der Lage, diese Aussage richtig einzuordnen. Auch die Moderatorin wusste nicht, dass der höhere Grenzwert von 950 Mikrogramm nur für hoch belastete Produktionsstandorte wie etwa Schweißereien gilt, die kurzfristig das normale Maß überschreiten dürfen. Der ARD-Faktenfinder mühte sich zwar nach der Sendung um Aufklärung. Als die Nachricht korrigiert wurde, war die Falschmeldung politisch bereits instrumentalisiert worden.

Der Fall zeigt exemplarisch, wie heute mit scheinbaren Tatsachen Politik gemacht wird. Gerade bei Themen mit Wissenschaftsbezug, bei denen viele Bürger und Politiker keine eigene fachliche Expertise haben können, wirkt der selektive Umgang mit Fakten bestens. Wer in komplexen Debatten Verwirrung stiftet, erhöht nicht nur die allgemeine Konfusion, sondern auch die sogenannten Suchkosten für gute Informationen.

Nun kann man nicht von jedem Politiker verlangen, dass er die Feinheiten der Grenzwert-Bestimmungen aus dem Effeff kennt. Umso wichtiger sind Wissenschaftler, die sich in Debatten vernehmbar einmischen, versachlichen und Fehldeutungen richtigstellen. Ebenso braucht es kompetente Journalisten, die wissenschaftliche Erkenntnisse einordnen, Hintergründe recherchieren – und Kollegen korrigieren, wenn sie einer Desinformation aufsitzen.

Deshalb ist es gut, dass die neue Bundesforschungsministerin Anja Karliczek die Wissenschaftskommunikation fördern will. Karliczek bezeichnet es gar als einen der Schwerpunkte ihrer Politik, "das Vertrauen in und das Interesse an der Wissenschaft" zu fördern und damit die Demokratie selbst zu stärken. Das klingt zunächst nach einer Worthülse, doch mit Blick auf Beispiele wie die Stickoxid-Konfusion – oder auch den Streit um Glyphosat – wird klar, wie wichtig es heute ist, mehr wissenschaftliche Rationalität in öffentliche Debatten zu bringen. Wie das gelingen kann, will Ministerin Karliczek am kommenden Montag mit Experten aus Medien und Wissenschaft diskutieren. Die Zeit dafür ist reif.

Vor knapp zwanzig Jahren haben sich die deutschen Wissenschaftsorganisationen – nach angloamerikanischem Vorbild – erstmals zur professionellen Kommunikation der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit verpflichtet. Seit dem PUSH-Memorandum ("Public Understanding of Sciences and Humanities") ist viel passiert. Mittlerweile gibt es bundesweite Wissenschaftsjahre mit Bürgerdialogen und Ausstellungen. Hochschulen veranstalten Vorlesungen für Kinder, Universitäten lange Nächte der Wissenschaft, und viele größere Forschungsinstitute haben Pressesprecher und Marketingfachleute.

Zugleich aber haben die öffentlichen und privaten Medien ihre Wissenschaftskompetenz abgebaut. Sendeplätze wurden gestrichen, Wissenschaftsseiten bei Regionalzeitungen eingestellt, viele Fachjournalisten haben ihren Beruf aufgegeben und sind in die PR gewechselt. Dabei war Wissenschaft noch niemals so bedeutsam wie heute. Bis in die letzten Poren unserer Gesellschaft ist sie vorgedrungen. Und fast jedes politische Thema hat eine wissenschaftliche Dimension.

Genau deshalb sollte die Wissenschaft häufiger Teil der öffentlichen Diskussion sein; genau daraus erwächst der Wissenschaft eine gesellschaftliche Verantwortung, die Wahrheit auch dann zu sagen, wenn Menschen diese nicht hören wollen; und genau daher braucht es eine viel stärkere Förderung der wissenschaftlichen Expertise im Journalismus.