Alfred Lichtenstein, gerade zurück vom Sommerurlaub an der Ostsee, promoviert in Erlangen in Jura und schickt sein Gedicht Sommerfrische an Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion nach Berlin. Dort erscheint es am 4. Oktober 1913. Der junge Doktorand, so spürt man, sehnt sich nach ein bisschen Apokalypse: "Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten, / hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce. / Wär doch ein Wind ... zerriß mit Eisenklauen / die sanfte Welt. Das würde mich ergötzen. / Wär doch ein Sturm ... der müßt den schönen blauen / ewigen Himmel tausendfach zerfetzen."

Am 7. Oktober 1913 steht mittags Schlag 12 Uhr in der Hubertusallee in Berlin-Grunewald vor der neuen Wohnung von Gerhart Hauptmann der Leiter der Daimler Motoren Gesellschaft, Niederlassung Berlin, der freundliche Herr Dr. Kroker. Und der neue Chauffeur, Herr Schmidtmann, ist auch schon da. Sie überbringen Gerhart Hauptmann seinen neuen Mercedes. Man posiert für den Fotografen. Der 50-jährige Hauptmann ist aufgeregt. Er notiert: "Neue Situation, neue Erfahrungen: Auto, Portwein, Berliner Wohnung". Sehr glücklich fährt er mit dem Wagen durch Berlin, "allein in herbstlich kühler Goldglut" auch zu seinem alten Haus in Erkner im Norden, wo seine drei älteren Söhne geboren wurden. Er glaubt, dass sich so die Vergangenheit und die Gegenwart und die Zukunft zusammenbinden lassen. Er weiß da nicht, dass sein Mercedes schon am 3. August 1914 vom Staat eingezogen und für militärische Zwecke an der Kriegsfront eingesetzt werden wird. Auch hier also: "Neue Situation, neue Erfahrungen".

An den Litfaßsäulen in Berlin hängt überall ein gelb-rotes Plakat, das zum Besuch der "Kolonial-Ausstellung" ins Passage-Panoptikum einlädt, Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße: "50 Wilde Kongo Weiber. Männer und Kinder in ihrem aufgebauten Kongodorfe". Und in Hagenbecks Tierpark in Hamburg läuft parallel die "Völkerschau Nubien". Zwischen all den afrikanischen Tieren stehen dort in diesen Tagen auch die Schillukkrieger in ihrer charakteristischen Stellung, auf einem Bein nämlich, und lassen sich bewundern. Das einzige Problem der Ausstellung ist deren Attraktivität. Hagenbeck brach die Sonderschauen bald ab – wegen des "krankhaften plötzlichen Verliebens etlicher junger Mädchen und auch Frauen in solche braunen Gesellen", wie ihm ein Freund es schilderte. "Die Nubier mit ihrem schlanken Wuchs und bronzenen Haut, nur wenig bekleidet, reizten die jungen Geschöpfe am meisten. Täglich konnte man ein solches verliebtes Mägdelein den Arm oder Hand eines solchen braunen Adonis eine halbe Stunde lang streicheln und befühlen sehen." Und was würde unser guter Gerhart Hauptmann wohl sagen zu diesen ungeplanten Auswirkungen deutscher Kolonialreichherrlichkeit? Neue Situation, neue Erfahrungen. Dass man die Perspektive auch herumdrehen kann, zeigte die herrliche "Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland", die in diesen Tagen in mehreren Folgen in der Zeitschrift Der Vortrupp erscheint. Darin schildert Hans Paasche sehr lustig deutsche Sitten und Gebräuche aus der Sicht eines fiktiven Mannes aus Schwarzafrika, all die seltsamen Trinkrituale der Deutschen, ihr Rauchen auf der Straße, ihre Besessenheit von Zahlen und Welthandel und Bruttosozialprodukt, ihr sinnloses Rennen durch die Straßen – und ihre Unfähigkeit, das Leben zu genießen.

Die Siemens AG meldet ein Patent an für die Telefonwählscheibe.

Das kann ja wohl kein Zufall sein: Die beiden Komponisten Claude Debussy und Maurice Ravel suchten sich ein interessantes Thema zur musikalischen Bearbeitung aus – nämlich haargenau dasselbe. Im Sommer und Herbst 1913 sitzen also, ohne voneinander zu wissen, sowohl Ravel als auch Debussy an ihren Klavieren und komponieren Musik zu Trois poèmes de Stéphane Mallarmé. Und sie hatten sich auch verrückterweise bei zwei von dreien dieselben Gedichte ausgesucht. Debussy schrieb an einen Freund: "Die Geschichte mit der Mallarmé-Familie und Ravel ist alles andere als lustig. Und ist es nicht außerdem merkwürdig, dass Ravel ausgerechnet dieselben Gedichte ausgewählt hat wie ich? Ist das ein Phänomen von Auto-Suggestion, das es wert wäre, der medizinischen Akademie mitgeteilt zu werden?"

In Paris arbeitete Mata Hari weiterhin an der allmählichen Einführung der Nacktkultur. Nachdem sich der deutsche Kronprinz ihrem Wunsch nach einem Vortanzen widersetzt hatte, konzentrierte sie sich wieder auf Frankreich. Nur mit kleinem Leibgürtel und Brustpanzer versehen, tanzte sie weiter durch ihr Leben, aber leider nicht mehr auf den Bühnen von Paris. Seit die Ballets Russes dort den Takt bestimmten, war Mata Hari etwas aus der Zeit gefallen. Doch ihren aufwendigen Lebensstil muss sie ja irgendwie finanzieren, und deshalb bietet sie im Herbst 1913, da sie die Spionage noch nicht als Erwerbsmöglichkeit entdeckt hatte, ihre Dienste in einer "Maison de rendez-vous" in der Rue Lord Byron 14 und gleich um die Ecke in der Rue Galilée 5 an, für 1000 Francs die Nacht. Im Garten ihres Landhauses im Vorort Neuilly-Saint James versucht sie zugleich noch ein bisschen den alten Glanz aufrechtzuerhalten. Und hier, im Schatten der Platanen, tanzt sie in diesem Herbst in ihrem Garten für den Fotografen des Tatler ihren berühmten javanischen Schleiertanz. Dazu die Bildunterschrift: "Die Tänze, die sie vorführte, vermittelten einen tiefen Eindruck von religiösen Riten, von Liebe und Leidenschaft und wurden hervorragend dargeboten." Ach, wenn das der deutsche Kronprinz doch sehen könnte.

Die Romanows begnadigen anlässlich ihres dreihundertjährigen Thronjubiläums Maxim Gorki, und er zieht im Oktober 1913 von Capri zurück zu Mütterchen Russland. Kaum angekommen, protestiert er sogleich gegen eine Aufführung von Dostojewskis Die Dämonen im Moskauer Künstlertheater, denn das Stück gebe der "krankhaften Botschaft Dostojewskis von Leiden und Demut eine lebensgefährliche Durchschlagskraft". Er könne, sagte Gorki, die gequälten und leidenden Russen in dem Roman nicht länger ertragen. Russland müsse wiederauferstehen: "Wir dürfen das Leiden nicht mehr lieben, sondern müssen es hassen lernen." Da spricht einer, der auf Capri gelernt hat, dass man das Leben durchaus lieben kann.

Zehntausende Menschen drängten in diesen Tagen aus allen Teilen des Landes zu den großen Feierlichkeiten nach Leipzig (Anlass ist die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, Anm. d. Red.). An den Frankfurter Wiesen lockte der Zirkus Barum mit seiner spektakulären Vorstellung von zehn wilden Löwen die Massen an. Nach der Abendvorstellung am 19. Oktober wurden die Tiere in einen von Pferden gezogenen Transportwagen gebracht, dem ein Wagen mit Bären folgte, weil sie noch in der Nacht vom Preußischen Freiladebahnhof in Leipzig zur nächsten Station aufbrechen sollten. Es herrschte dichter Nebel. Die beiden Kutscher der Wagen hielten spontan in der Berliner Straße in der Kneipe "Graupeter" an, um sich noch ein Bier zu genehmigen. Doch während die beiden selig vor ihrem frisch gezapften Bier saßen, bekamen draußen die Zugpferde des Bärenwagens Panik, dessen Wagendeichsel zertrümmerte die Rückwand des Löwenwagens, aus dem Loch schaute plötzlich ein fauchender Löwenkopf heraus, da drehten die Pferde des Löwenwagens durch, zogen ihn auf die Straße, wo er von einer Straßenbahn gerammt wurde – und acht wilde Löwen sprangen hinaus in die Freiheit. Großes Geschrei der Passanten, Verkehrschaos, ein Streifenpolizist, der in der Nähe war, eröffnete sofort das Feuer und orderte Verstärkung an. So begann die legendäre Leipziger Löwenjagd einhundert Jahre nach der legendären Völkerschlacht. Schon bald lagen fünf tote Raubtiere auf der Berliner Straße. Abdul, der Liebling der Zirkusdirektorin, wurde durch einen Steinwurf gereizt und griff einen Passanten an – daraufhin durchlöcherten ihn unglaubliche 165 Kugeln der Leipziger Polizisten. Und dann lagen also sechs tote Raubtiere auf der Berliner Straße.