Der Online-Modehändler About You ist eines der erfolgreichsten deutschen Start-ups. Tarek Müller hat es aufgebaut. Ein Gespräch über Pokerkoffer, Gründergeist und digitale Bildung

DIE ZEIT: Herr Müller, wieso hassen Sie die Schule?

Tarek Müller: Ich hasse Schule nicht.

ZEIT: Auf Ihrer Webseite haben Sie eine alte E-Mail an Ihre Eltern veröffentlicht. Darin erklären Sie ihnen, dass Sie die Schule hassen.

Müller: Na ja, ich war 18 und wollte abbrechen. Da musste ich strategisch vorgehen.

ZEIT: Was hat Sie denn an der Schule gestört?

Müller: Ich habe keinen Mehrwert gesehen. Ich war damals schon vier Jahre Unternehmer. Und mir war klar, dass ich das bleiben wollte. Das Basiswissen, das ich brauchte, hatte ich nach der zehnten Klasse. Und den Rest konnte ich im Netz besorgen. Von Personen, die viel kompetenter waren als meine Lehrer.

ZEIT: Was für Wissen?

Müller: Alles, was ich über den Tag hinweg nicht verstanden hatte. Bis heute mach ich das. Das Letzte, was ich recherchiert habe, waren Spieltheorien in Verhandlungssituationen.

ZEIT: Sie haben in Ihrer E-Mail auch geschrieben, dass Sie sich Schulwissen in 20 Minuten draufschaffen könnten.

Müller: Nur den Bruchteil, der nötig ist, um den Test zu bestehen. Das wollte ich damit sagen. Mit ein bisschen arabischer Übertreibung.

ZEIT: Ihre Mutter ist Ärztin aus Ägypten.

Müller: Genau. Meine Mama hat in Ägypten Medizin studiert und ein deutsches Abi auf einer deutschen Nonnenschule gemacht. Bei einem ihrer Deutschland-Besuche hat sie meinen Papa kennengelernt.

ZEIT: Wer war denn weniger begeistert von den Schulabbruch-Plänen?

Müller: Meine Mama. In der arabischen Welt aus einer Akademiker-Familie zu stammen und nicht zu studieren – das ist das Schlimmste. In meiner Familie sind viele Ärzte und Professoren. Meine arabische Oma fragt heute noch manchmal, wann ich anfange zu studieren. Und zwar Maschinenbau, Jura oder Medizin. Alles andere gilt dort als Kinderkram.

ZEIT: Wie wurden Sie so früh Unternehmer?

Müller: Mit 13 habe ich einen Computer bekommen. Bei einem Internetspiel baute ich für mein Team eine Webseite. Aber wir brauchten einen Server. Der kostete fünf Euro. Ich schlug vor, Werbung auf unserer Seite einzubauen. Nachdem ich das geschafft hatte, ging ich schlafen. Als ich aufwachte, hatten wir einen Euro verdient. Ich habe das über Nacht optimiert. Als ich aus der Schule zurückkam, hatten wir noch mal drei Euro verdient. Ein unglaublicher Betrag. Mein Taschengeld lag bei zwei Euro im Monat. Da habe ich sofort aufgehört mit Computerspielen und immer mehr Seiten hochgezogen. Dafür gab es Schecks von Google, weil ich deren Werbesystem nutzte. Das fing mit hundert Dollar an, dann wurden es fünfhundert, dann dreitausend. Irgendwann fragte der Filialleiter der Bank: "Wo kriegst du das her?" Da erklärte ich ihm das. Er sagte, dass ich einen Gewerbeschein brauchte. Ich googelte Gewerbeschein. Und habe dann mit 15 ein Gewerbe angemeldet, mit der Unterschrift meines Vaters. Als Nächstes handelte ich online mit Produkten, die in Deutschland schwer zu beschaffen waren, etwa Pokerkoffer und Shishas. Danach folgten noch 15 weitere Online-Shops.