"Der letzte Tag, an dem Angela Merkel noch selbst über ihre Zukunft entscheiden kann, ist der Montag nach der Hessen-Wahl."

Der Mann, der das sagt, aber nicht genannt werden möchte, ist keiner von denen, die in dem langen Endspiel um Merkels Nachfolge eigene Karten haben. Er ist einer, der so sehr Teil der CDU ist, dass sein Wort Gewicht hat. Und der trotzdem so weit weg ist vom Epizentrum des Bebens, das sich ankündigt, dass er möglicherweise erkennt, was man aus der Nähe kaum mehr sehen kann. Oder will.

Entscheiden, das heißt in dieser Logik: abtreten – freiwillig. Mindestens als Parteivorsitzende, vielleicht sogar als Kanzlerin.

Der Tag nach der Hessen-Wahl, das ist der 29. Oktober. Möglich, heißt es auch bei denen, die näher dran sind, am Epizentrum und auch an der Kanzlerin, dass nach dieser Wahl endgültig alles aus dem Ruder laufe, möglich, dass Merkel selbst noch einmal alles auf den Prüfstand stelle, schließlich lebe auch die Kanzlerin in der Wirklichkeit. Wobei "alles" in diesem Fall heißt: die Frage, ob diese Koalition noch einmal flottzukriegen ist. Dass Merkel sich vom Parteivorsitz trennt, aber Kanzlerin bleibt, gilt als ausgeschlossen. Merkel hat das immer wieder bekräftigt.

Am Montag dieser Woche steht der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier in Berlin vor einem Plakat ("Jetzt geht’s um Hessen") und memoriert mit flehendem Optimismus drei Sätze:

"Streit wird bestraft, konstruktive Arbeit wird belohnt."

"Hessen ist anders."

"Jetzt geht’s um Hessen."

Was er nicht sagt: In Hessen wird nicht nur ein neuer Landtag gewählt, in Hessen wird auch über Merkel abgestimmt. Selbst wenn die Hessen das gar nicht beabsichtigen sollten.

Ach, Hessen? Seit Monaten hatte das politische Berlin auf die Wahl in Bayern gestarrt, als wäre von dort eine entscheidende Veränderung zu erwarten. Nach einer historischen Niederlage, so die Erwartung, würde die CSU kaum um eine tiefgreifende Erneuerung herumkommen, weder in Bayern noch in Berlin könne es ein Weiter-so geben. Nun ist die historische Niederlage da – und unverfroren, schnell und verblüffend erfolgreich setzten die Verlierer alles daran, den Anschluss an die gute alte Normalität zu halten. Kurz nach der ersten Hochrechnung wurde von jedem CSU-Vertreter das Mantra der "Stabilität" ausgerufen, herrscht in den Tagen danach Veränderungsresistenz (siehe Seite 4). Personelle Konsequenzen sind verschoben, und auch zu einer anderen Politik sieht sich die CSU-Führung von ihrem künftigen Koalitionspartner kaum veranlasst. Ein führender CDU-Politiker bringt es auf den Punkt: "Die Loser tun so, als seien sie bei der Bekanntgabe der Niederlage nicht im Raum gewesen."

Stattdessen wird der Druck auf Merkel verlagert – es kann ja nicht sein, dass nach diesem Chaos-Sommer einfach gar nichts passiert. Sollte die CDU in Hessen einbrechen oder Bouffier gar sein Amt verlieren, so schätzen es auch Merkel-treue Christdemokraten ein, gäbe es bei den Christdemokraten kein Halten mehr.

In der CDU herrsche das "Sofa-Syndrom", hat in der Spätphase der Ära Kohl ein damals junger Wilder beklagt, Peter Müller, der heute Verfassungsrichter ist. Gemeint war: Alle sitzen da und warten ab, was Kohl macht. Auch unter Merkel herrschte lange ein Sofa-Syndrom: Die Partei war klinisch tot, alle schauten nur noch auf die Vorsitzende. Doch seit einiger Zeit hat sich die Lage gewandelt: Merkel sitzt auf dem Sofa ihrer Überzeugungen, während um sie herum Betriebsamkeit herrscht. Alle schauen nach vorn, und Merkel ist noch da, aber gleichzeitig schon weg – ein gefährlicher Zustand.

Es ist im Nachhinein immer schwer zu sagen, wann der Machtzerfall begann. War das lange vor 2015, als immer mehr Unionsabgeordnete gegen den Kurs der eigenen Regierung stimmten? Oder war das der Moment, als der Erste vom Sofa aufstand, Jens Spahn, und immer mehr Widerworte gab? War es beim CDU-Parteitag 2016, als Spahn im Verbund mit den Jungen einen Beschluss gegen den Doppelpass durchboxte, obwohl die Kanzlerin das nicht wollte?

Inzwischen muss sich jedenfalls nicht mehr Spahn für Beschlüsse verantworten, die er in der Partei durchgesetzt hat, sondern Merkel dafür, dass sie diese für obsolet erklärt. "Warum soll ich als Delegierter zu einem Parteitag fahren, wenn unsere Beschlüsse dort keine Relevanz haben?", wurde Merkel jüngst beim Deutschlandtag der Jungen Union gefragt. Eine Antwort blieb sie schuldig. "Wie beabsichtigen Sie, politische Führung herzustellen?", fragte ein anderer. Er glaube nicht, dass ein Neuanfang "mit Ihnen noch möglich ist".

Wolfgang Schäuble formulierte es diese Woche nicht ganz so brachial, aber bemerkenswert deutlich. "Sie ist nicht mehr so unbestritten ...", so Schäuble in einem Interview des SWR über Merkel. Sollte sie jedoch beim Parteitag im Dezember wieder als Vorsitzende kandidieren, werde sie "voraussichtlich" im Amt bestätigt werden. Besser wäre es aber, wenn nicht. Diesen Satz sagte Schäuble nicht. Gehört haben ihn trotzdem die meisten.

Ist es Zufall, dass ausgerechnet Wolfgang Schäuble sich jetzt am weitesten vorgewagt hat? Immerhin, der Mann hat Erfahrung darin, Kanzlern, die sich für unverzichtbar halten, die Außenperspektive nahezubringen. Vor 20 Jahren ließ er als Fraktionschef der Union im Bundestag Helmut Kohl wissen, dass seine Chancen auf Wiederwahl so gering seien, dass er seinen Entschluss, 1998 wieder anzutreten, besser noch einmal überdenken solle. Doch Kohl wollte nichts überdenken. Er wollte weitermachen. Das will Merkel auch.

Ausgerechnet Kohls Nachfolgerin nähert sich nun dem Zustand an, in dem die Vorstellung der eigenen Unverzichtbarkeit jegliche Veränderung des Status quo unsinnig erscheinen lässt. Im Herbst 2017 hat sie sich dazu entschlossen, noch einmal anzutreten. Das zieht sie jetzt durch. Selbst ein Teilrückzug erscheint da als Kapitulation. Seit Gerhard Schröder 2004 glaubte, seine prekäre Lage dadurch verbessern zu können, dass er den SPD-Vorsitz an Franz Müntefering übergab, ist Merkel felsenfest davon überzeugt, dass der Verzicht auf den Parteivorsitz unweigerlich das Ende einer Kanzlerschaft einleitet. Und damit auch das Ende der Regierung. Dass Merkel den Parteivorsitz übergeben und danach die gesamte Legislaturperiode durchhalten könne, heißt es in ihrer Umgebung, sei "völlig illusorisch".

Erst mal "Friedhofsruhe"

Merkel will ihr Machtsystem stabil halten. Sie ähnelt darin nicht nur der CSU, sie scheint auch zu übersehen, dass Veränderungsresistenz in einer hochgradig instabilen Lage kaum neue Stabilität hervorbringen kann. Denn das Erscheinungsbild der Koalition Merkel IV ist noch verheerender als das der schwarz-gelben Regierung davor. Ununterbrochen benennen die beteiligten Parteien die gravierenden Probleme, für deren Lösung sie sich zuständig erklären. Gleichzeitig verschwindet schon jeder Lösungsansatz im internen Konflikt. Jüngstes Beispiel: das Diesel-Problem. Das Publikum hatte noch Mühe, die Lösung zu verstehen, da gaben sich die Koalitionäre schon wieder gegenseitig die Schuld daran, dass nichts passiert.

Merkels einzige Äußerung nach der Bayern-Wahl erschöpfte sich in der Beteuerung: "Ich muss als Bundeskanzlerin mehr Sorge dafür tragen, dass die Resultate unserer Arbeit sichtbar werden." Es sei "viel Vertrauen verloren gegangen". Nur, wie man diesen Missstand beheben könnte, dazu fehlt jeglicher Fingerzeig. So ist die große Koalition zu einem Förderprogramm für Politikverdrossenheit geworden, das beide Volksparteien in eine historische Abwärtsspirale zwingt.

Es ist das Privileg der Jungen, der Alten und derer, die nicht mehr im Zentrum stehen, das zu sagen, was viele denken. Doch auch bei den Aktiven ist aus dem Nörgelchor, der Merkels Politik seit einigen Jahren begleitet, eine immer unverhohlenere, immer offenere Debatte geworden. Öffentlich sagt es nach wie vor keiner, aber es ist schon ziemlich atemberaubend, wie offen am Rande von Vorstandssitzungen – zum Beispiel in Berlin am letzten Montag – eine Zukunft ohne Merkel erörtert wird. Sicher, im Präsidium habe man länger über den Diesel als über Bayern gesprochen, sagt ein Landeschef. Abgerechnet werde später, nach Hessen. Jetzt werde erst mal "Friedhofsruhe" einkehren, sagt ein anderer aus dem Vorstand, schließlich wolle keiner schuld sein an einem schlechten Ergebnis für Bouffier. Doch auf einer schiefen Ebene kann man nicht auf Halten spielen, und so gerät fast unweigerlich Merkels Rolle als CDU-Vorsitzende ins Visier.

Es sind längst nicht mehr nur die ewigen Kritiker, die Merkel-muss-weg-Fraktion, die die Kanzlerin infrage stellen. "Geht es noch mit ihr?", das fragen sich inzwischen auch die Liberalen, diejenigen, die sich gar keinen anderen inhaltlichen Kurs wünschen. Manche machen sich Sorgen um die eigene Zukunft, manche um die Volkspartei CDU und die Frage, was aus der Demokratie wird, wenn die Konsensmaschinen SPD und CDU nicht mehr funktionieren. Aber fast alle hegen inzwischen Zweifel, dass Merkels Stabilitätsdoktrin wirklich noch Stabilität erzeugt – geschweige denn Zukunftshoffnung.

Dass es die Kanzlerin automatisch schwächt, wenn sie den Parteivorsitz abgeben würde, überzeugt selbst viele Merkelianer nicht mehr. Warum sollte etwa eine Annegret Kramp-Karrenbauer plötzlich einen Kurswechsel einfordern, der in der Mehrheit der Partei vermutlich gar keine Mehrheit fände? Umgekehrt wird aus Sicht der Zweifler ein Schuh draus: Merkel beharrt auf dem Parteivorsitz, füllt ihn aber immer weniger aus und lässt ihn so zum bloßen Machtvehikel verkommen. Gleichzeitig verwehrt sie anderen, die Rolle auszufüllen und dem Selbstanspruch der Partei gerecht zu werden.

Die nächste Etappe im zähen Ringen um die Macht ist bereits markiert: Eine Woche nach der Abstimmung in Hessen geht der Vorstand der CDU in Klausur. Auf der Tagesordnung stehen die Vorbereitung des Bundesparteitags Anfang Dezember und die Debatte um das Grundsatzprogramm. Eine Diskussion über die Parteivorsitzende und Kanzlerin ist – noch – nicht vorgesehen.

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