Manchmal reicht ein Satz dafür, dass in einem Menschen etwas kaputtgeht. Barbara Ludwig hörte diesen Satz am 1. September 2018. Es war der Samstag eine Woche nach dem Tod von Daniel H. Sie war zu Fuß auf dem Heimweg, als ihr plötzlich ein Mann entgegenbrüllte: "Hey! Red mit uns! Wie lange biste noch im Amt?!"

Der Spruch war harmlos im Vergleich zu dem, was Barbara Ludwig, 56, in den Tagen zuvor an den Kopf geworfen worden war. Doch als sie nach Hause kam, konnte sie kaum noch eine Nachricht auf dem Handy schreiben, die Finger trafen keine Tasten. Sie saß nur da und zitterte, eine halbe Stunde lang. Ihr war kalt.

"Das hatte ich noch nie", sagt sie. "Da hat sich alles entladen." Alles – das sind die Tage und inzwischen Wochen, die hinter ihr liegen. Tage im Ausnahmezustand für Chemnitz. Tage im Ausnahmezustand für Barbara Ludwig. Tage, an denen sie, die SPD-Oberbürgermeisterin, von Termin zu Termin eilte, um den eskalierten Hass in ihrer Stadt zu sehen, zu erklären – und ihn selbst zu verstehen. Oft genug schlug dieser Hass ihr dabei selbst entgegen. Es gab Veranstaltungen, auf denen sie ausgebuht, halb niedergebrüllt wurde.

Und jetzt? Der Normalzustand ist in Chemnitz noch immer nicht eingekehrt, aber die meisten Kameras sind abgezogen. Nur Barbara Ludwig eilt weiter. Sie kämpft jetzt gegen das Bild, das die Kamerateams, die Journalisten von Chemnitz gezeigt haben. Gegen das Bild, das Chemnitz aber auch von sich selbst erzeugt hat. Ludwig kämpft, damit ihr die Stadt nicht kaputtgeht. Und auch sie selbst will nicht kaputtgehen.

Ein Dienstagnachmittag im Oktober, in ihrem Büro. Herbstsonne scheint durchs Fenster. Barbara Ludwig trägt ein Outfit, mit dem sie in Chemnitz selbst dann noch auffallen würde, wenn sie nicht die Bürgermeisterin wäre: lila Jackett, lila Socken, lila Lackschuhe mit leichtem Plateau. Ein dazu passender Lippenstift. Ludwig zieht sich gerne auffällig an. Ein paar Tage später, beim Termin mit dem Fotografen der ZEIT, wird sie eine Krawatte tragen.

Jetzt, hier im Büro, wenn sie über die vergangenen Wochen spricht, über die Tage der Krise, wirkt sie noch immer erschöpft. Und ein bisschen so, als ob sie selbst nicht glauben könnte, was ihr widerfahren ist. Erinnerungen kommen ihr nur, wenn man konkret danach fragt. Im Rückblick, sagt sie, verschwimme vieles. "Es ist schwer, die Tage im Nachhinein auseinanderzuhalten. Sie sind in der Erinnerung irgendwie verschmolzen." Waren diese Tage nur schlimm, oder gab es auch Lichtblicke? Barbara Ludwig überlegt, antwortet zunächst nicht. Was war denn das Schlimmste? "Dass ein Mensch gestorben ist." Und für sie persönlich? "Die Wucht der Ereignisse."

Sie weiß nicht mehr, was sie am Sonntag, dem 26. August, vor dem Schlafengehen gedacht hat – dem Tag nach dem Tod von Daniel H., als erstmals Rechtsextreme durch Chemnitz gelaufen waren. Sie weiß nicht mehr, was sie am Montag dachte, am 27. August, als auf den Straßen der Stadt 591 Polizisten 7500 Demonstranten gegenüberstanden. Aber sie weiß, dass irgendwann ein Gedanke in ihrem Kopf immer präsenter wurde: Da hat sich ein Graben aufgetan in Chemnitz, in dem vieles verschwinden kann.

Die Frage ist, ob der Graben auch zwischen ihr und den Chemnitzer Bürgern verläuft. Und wie groß dieser Graben inzwischen ist.

Einer hat ihr vor die Füße gespuckt. Andere brüllten sie nieder. Manchmal hat sie Angst

Dass es einen Graben gibt, hat das "Sachsengespräch" gezeigt, in der Woche nach Daniel H.s Tod. Michael Kretschmer, der Ministerpräsident, hatte zum Bürgerdialog geladen. Ihn ließen die Bürger noch halbwegs ausreden. Barbara Ludwig dagegen erntete die ersten Buhrufe, da war sie gerade einmal beim "geehrte". Die, die dann brüllten, warfen ihr vor, dass sie sich nicht genug vor jene Chemnitzer gestellt habe, die bei den Demos mitliefen, obwohl sie nicht rechtsextrem seien. Dutzende Kameras haben das Sachsengespräch festgehalten. Halb Deutschland bekam den Eindruck, dass da eine Stadt gegen ihre Oberbürgermeisterin steht. Barbara Ludwig sah erschüttert aus an diesem Abend.

Jetzt, im Büro, streitet sie nicht ab, dass das ein einschneidendes Erlebnis für sie war.

Ihr sind die letzten Wochen nahegegangen. Nicht nur mental, auch körperlich. Das bestätigen viele, die mit ihr arbeiten; das gibt sie auch selbst zu. "Es ist nicht mehr so unbeschwert", sagt sie. Die Kritik sei hemmungsloser geworden. Zwar meldeten sich auch Leute bei ihr, um ihr Unterstützung zuzusprechen. Sie stehe mit Politikern in ganz Deutschland in Kontakt, bei denen es rechtsextreme Vorfälle gab. Aber es kam auch vor, dass sie durch Chemnitz lief und ihr jemand vor die Füße spuckte. Manchmal hat sie Angst. Sie glaubt, dass man das als Oberbürgermeisterin nicht haben sollte.