Von den vier großen Ideologien des 20. Jahrhunderts ist in Deutschland nur noch eine wirklich stark: nicht der Kommunismus, nicht der Faschismus, nicht einmal der Liberalismus, sondern einzig – der Attentismus, das Warten als politisches Prinzip.

Monatelang wartete das ganze Land auf die Wahl in Bayern, weil vorher geordnetes Regieren leider, leider nicht möglich sei – Sie wissen schon, der Horst und der Markus und der Alexander, die Rache, der Ehrgeiz und die Intrige, da ist leider nichts zu machen.

Und dann fand endlich, endlich diese ominöse Wahl statt, und sie enthielt sogar eine glasklare Botschaft an die große Koalition in Berlin: Bis hierher und nicht weiter! Macht eine andere Politik, mit anderem Personal, sonst wählen wir euch in Grund und Boden! Und was war die Reaktion der Regierung? Im Großen und Ganzen nur eines: Wir müssen weiter warten – diesmal auf die Wahl in Hessen. Jetzt irgendeine auffällige Bewegung zu machen, das könnte dem tapferen Volker Bouffier (CDU) oder dem wackeren Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) alles verderben. Also tut man: nichts.

Warum kann Seehofer die Politik einer Regierung zerstören, der er selbst angehört?

Und die CSU, die sich für Hessen wenig interessiert, fügt noch hinzu, sie müsse laut Verfassung binnen eines Monats eine Koalition mit den Freien Wählern – also mit etwas Ähnlichem wie sich selbst – zimmern, was die Mitglieder dermaßen unter Stress setzt, dass sie nicht auch noch die Schuldigen am Wahldesaster zur Rechenschaft ziehen können. Mit anderen Worten: Horst Seehofer, der in einem einzigen Sommer so viel politische Glaubwürdigkeit vernichtet hat wie andere in ihrem ganzen Leben, darf weiter seinen Launen frönen.

Durch diesen immerwährenden Attentismus wird wohl das Momentum verplempert, das die lang erwartete Bayern-Wahl doch hätte haben können. Laut Hegel erlischt der Prozess im Resultat – aber der war Philosoph. Bei der deutschen Politik des Jahres 2018 läuft es anders: Das Resultat ersäuft im Prozess.

Wer sich dieser Tage in Berlin umhört, der erfährt, dass nach der Hessen-Wahl – dann aber ganz bestimmt – etwas passiert. Also etwa, dass Angela Merkel gedrängt werden könnte, als Parteivorsitzende nicht wieder anzutreten. Oder dass Andrea Nahles gestürzt wird. Dazu ist zweierlei zu sagen: Der Sturz eines SPD-Vorsitzenden ist weder eine Tat noch ein Ereignis, sondern ein sich regelmäßig vollziehendes Ritual wie Halloween oder Allerseelen. Und was Merkel angeht, so gefährdete ein Verzicht auf den Parteivorsitz ihre Position als Kanzlerin, was wiederum die Koalition als solche gefährdete, weil diese nicht die Kraft hätte, einen neuen Kanzler zu wählen, was wiederum in Neuwahlen enden könnte, die für beide Koalitionspartner verheerend ausgehen würden. So jedenfalls spricht zurzeit Berlin. Damit ist man am Quell des Attentismus angekommen – da, wo die pure Angst aus dem märkischen Sandboden sprudelt.

Diese Angst ist es, welche die Groko blind macht fürs Offenkundige: Woran liegt es wohl, dass einer wie Seehofer die Politik einer Regierung zerstören kann, der er selbst angehört? – An einer Kanzlerin, die vor drei Jahren eine spektakuläre Tat vollbracht hat und danach keine mehr, die halbwegs an diese heranreichen würde. Und was ist das für eine Regierungspolitik, die nur bei Kammerkonzert-Ruhe verständlich und nur unter Zuhilfenahme einer Lupe sichtbar ist? Was so leicht wirkungslos zu machen ist, dem wohnt keine Kraft inne. Und warum bricht immer wieder Hysterie aus unter den Schwarzen wie den Roten? Weil die Gefühle der Menschen und die tiefen Erschütterungen der Welt durch eine emotionsarme, wortkarge Sachpolitik nach Art von Merkel, Scholz und Nahles politisch nicht mehr beherrschbar sind.

Darin liegt das Betriebsgeheimnis der Regierung: Die Angst erzeugt das lähmende Warten, der mürbe Koalitionsvertrag gebiert die Hysterie. Darum kommen Zweifel auf an der Nach-Hessen-geht’s-los-Theorie: Kriegt die SPD dort dreimal so viel Prozent wie in Bayern (Hurra!) und die CDU immerhin so viel, dass Bouffier Ministerpräsident bleibt (Na also!), was geschieht dann in Berlin? Genau: Weiter so und alles von vorn.

Gegenfrage: Ist es ganz denkunmöglich, dass personelle Veränderungen und ein echter Politikwechsel vor einer Wahl den Wahlkämpfern helfen könnten? Antwort: Je später der Knall, desto toter die Volksparteien.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio