Es sind wilde Geschichten, die James Baldwin erzählt, von Mord und Totschlag, Verrat und Rache, verbotenem Sex, unehelichen Kindern, von Liebes- und religiösem Wahn. Doch wenn man das alles nur aneinanderreiht und auf das Thema Rassentrennung bezieht, bekommt man das Besondere dieses Buchs nicht in den Blick.

Zum Beispiel das kompositorische Geschick Baldwins: Beale Street Blues, sein fünfter Roman aus dem Jahr 1972, beginnt mit einer Szene im Gefängnis, in den New Yorker "Katakomben". Fonny sitzt wegen eines falschen Vergewaltigungsvorwurfs ein. Seine Geliebte Tish, im dritten Monat schwanger, hält die Trennung durch die Besucher-Glaswand kaum aus. Ein paar Seiten später – ein Rückblick – lernt sich das Paar kennen, in der Schule, beide sind noch ein halbes Kind. Tish ratscht Fonny bei einer Rauferei einen Nagel in die Wange. Blutend läuft er ihr hinterher. Sie erinnert sich: "Er packte mich und spuckte mich durch seine neue Zahnlücke an. Er traf direkt in meinen Mund, und das, glaube ich, fand ich so demütigend, dass ich aufschrie und losheulte. Schon komisch. Vielleicht hat sich mein Leben in genau dem Moment verändert, als Fonny mir in den Mund spuckte."

Baldwin erzählt häufig von solchen kryptosakralen Augenblicken der Wende im Leben. Hier in Beale Street Blues entsteht im Moment der Vereinigung, des Schlagens und des Spuckens, die reine Liebe, das göttliche Zentrum der Welt, dessen Verteidigung die gesamte Kraft des Romans gilt.

Nur die reine Handlung betrachtend, erzählt Beale Street Blues gewissermaßen eine aberwitzige Kommandoaktion zum Zwecke der Familienzusammenführung: Tishs Familie will den unschuldig Einsitzenden freibekommen, koste es, was es wolle. Und es kostet eine Menge. Alle überstrapazieren ihre Möglichkeiten. Die Mutter reist bis in die Slums von Puerto Rico, Fonnys Vater stirbt an der Anstrengung, am Ende ist es das verfluchte Geld, das Fonny befreit, das gehasste amerikanische Schmiermittel, von dem es in einer schönen, aphorismusfähigen antikapitalistischen Tirade heißt: "Der weiße Mann, mögen seine Eier verschrumpeln und sein Arschloch verrotten, der will doch, dass wir uns Sorgen machen ums Geld. Das ist sein Spiel." Am Ende besteht die Rettung in einer schnöden Kaution. Man kann das Realismus nennen.

Ironisch schreibt Baldwin nicht, aber er hat starken Witz. Der liegt oft in der Dramaturgie der Ereignisse, den unaufgeklärten Widersprüchen, den kuriosen Ambivalenzen. Andererseits muss man aber auch die starke moralische Schwarz-Weiß-Zeichnung erwähnen. Die letzten Fragen sind bei ihm immer schon geklärt.

Zu den komischen Effekten gehören heute auch gewisse Teile der dialogischen Passagen, die tief hineinführen in das soziale und emotionale Unterfutter der Personen. Das Brutale streift hier manchmal das Lächerliche. Die Übersetzerin Miriam Mandelkow hat das Feine der Struktur und das manchmal Grobe der Diktion dieses Romans gut verknüpft. Heute, in einer Zeit der Rückschläge, erinnert er uns daran, welche Kraft der humane Fortschritt gekostet hat.

James Baldwin: Beale Street Blues. Roman; aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow; dtv, München 2018; 213 S., 20,– €, als E-Book 17,99 €