Man könnte über das gerade auf Deutsch erschienene Buch Bluets der amerikanischen Autorin Maggie Nelson wenige Sätze schreiben (etwa so: Die Erzählstimme des Textes hat eine obsessive Liebe für die Farbe Blau, außerdem liebt sie einen Mann, der sie verlassen hat. Das Buch ist ein lyrisch-essayistisches Schmerzprotokoll dieses Verlusts und Ausdruck ihrer Sehnsucht und Suche nach der Farbe Blau, wobei beides, der Mann und die Farbe, mitunter in eins fällt). Man könnte über Bluets aber auch eine wortreiche Abhandlung schreiben, die der Frage nachgeht, was die Liebe und das Göttliche sind und ob es da einen Unterschied gibt.

Man könnte auf Grundlage der Lektüre darüber schreiben, was Sehen und Erkenntnis bedeuten, warum der Mensch allein ist, allein bleibt und wie er damit fertigwerden soll, wobei all die anderen Themen, um die es in Bluets geht, da noch nicht mitgerechnet sind: Es geht um Depression und Selbstmord, um Sex und weibliches Begehren, um das Schreiben und die Frage, was man da eigentlich macht als Autorin und warum – beziehungsweise wie. Die letzte Frage (Wie schreiben?) stellt sich im Übrigen auch der Rezensentin, die unter dem Lektüreeindruck von Bluets steht. Denn dieses Buch hat kein Fleisch und keine Knochen, es ist ein traurig schöner Nebel, den man kaputtzubeschreiben befürchtet, wenn man ihn zu fassen versucht.

Es geht darin gewissermaßen um alles, und alles zu beschreiben, ohne für dieses Alles einen Namen zu haben, an dem man sich ein bisschen festhalten könnte, ist ein wenig so, als müsste man etwas Blaues beschreiben, ohne das Wort blau benutzen zu dürfen. Maggie Nelson ist dafür bekannt, dass sich ihre Bücher einer eindeutigen Genre-Zuordnung entziehen. Die Argonauten etwa, ihr New York Times-Bestseller über die Transition ihrer Lebenspartnerin zum Mann und ihre eigene Verwandlung zur Mutter ist Essay, Memoir, Erzählung und theoretische Auseinandersetzung zugleich, was völlig folgerichtig ist. Denn ebenso, wie sich das Lebensmodell von Nelson und ihrem Partner einer eindeutigen Kategorie verweigert, verweigert sich auch ihr Text jeder Zuordnung.

Auch von Bluets lässt sich nicht genau sagen, was das ist: Eine Meditation über die Farbe Blau könnte man es nennen, bestehend aus 240 durchnummerierten Kurztexten, die durch das Thema Blau zusammengehalten werden, wobei die erzählerischen Momente auf ein Minimum reduziert sind. Man weiß nur, dass ein erzählendes Ich einen Mann vermisst, der es wegen einer anderen Frau verlassen hat, man weiß, dass eine Freundin einen schweren Unfall hatte und dass das Ich ein bisschen obsessed mit Blau ist, also alle möglichen Sachen unternimmt, um der Farbe Blau näher zu kommen (Reisen zu blauen Bildern und Orten; Sammeln von blauen Gegenständen und Gefühlen). Man könnte das Verfahren ein planvolles Im-Kreis-Assoziieren nennen. Ansonsten: keine Handlung.

Und insofern ist der Text zwar durch das Blau und den vermissten Mann zentriert, aber eben vor allem durch das Ich. Wie sieht es die Welt, und was denkt es dabei? Die Denkbewegungen dieses Ichs wiederum befinden sich im andauernden Tanz mit seinen Lektüreerfahrungen. Der Zuschauer (Leser) sitzt da und sieht ein komplexes philosophisches Gedankenballett zum Thema Blau (Schmerz, Liebe, Sinn), elegant ausgeführt von einem akribischen Ich, das seinen Job sehr ernst nimmt. Es liest also alles zum Thema Blau und bezeichnet die Auseinandersetzungen mit Farben von Wittgenstein und Goethe (Werthers Frack war blau, by the way) als seine Hauptquellen.

Man erfährt, welche Denker, Autoren und Künstler auf welche Weise mit Blau verbunden waren (Leonard Cohen, Billie Holiday, Andy Warhol, Yves Klein und Joan Mitchell zum Beispiel) und dass das Universum nicht blau, sondern eher beige ist (auch interessant: Erwachsene mögen Blau, Kinder eher Rot, außerdem schmücken Seidenlaubenvögel-Männchen ihre Lauben mit blauen Gegenständen, um Seidenlaubenvögel-Weibchen anzulocken). Mal sind diese Kurztexte prosaisch, mal eher lyrisch, immer aber hat man danach das Gefühl, man habe gerade eine Träne heruntergeschluckt.

Bedauerlicherweise ist jedoch auch der Beschreibungsversuch "Meditation, die nach Tränen schmeckt" komplett unzureichend, denn das klingt zu sehr nach melancholisch-solipsistischer Yoga-Lyrik, und so ist dieser Text nicht. Er ist brutal und trotz seiner Unfassbarkeit präzise. Kurztext Nr. 199 zum Beispiel: "Denn sich zu wünschen, man könne vergessen, wie sehr man jemanden geliebt hat, und dann tatsächlich zu vergessen – das kann sich zeitweilig anfühlen wie das Schlachten eines schönen Vogels, der sich durch nicht weniger als durch Gnade dazu entschieden hat, in deinem Herzen sein Nest zu bauen."