Was wird geschehen, wenn Großbritannien nicht mehr Mitglied in der Europäischen Union ist? Darüber streiten sich nicht nur die britische Premierministerin Theresa May und der EU-Unterhändler Michel Barnier. Darüber streiten sich auch viele Abgeordnete von Mays Conservative Party. Auch bei der Labour-Opposition gibt es keine einheitliche Linie.

Wieso auch, niemand weiß ja, wie die Trennung vollzogen wird – fünf Monate vor dem Austrittstermin. Im Angebot ist ein harter Brexit, bei dem im März das Vereinigte Königreich einfach nicht mehr Teil der Union sein wird. Möglich ist auch, dass die Briten im Binnenmarkt bleiben. Zwischen diesen beiden Optionen sind noch alle möglichen Kompromisse denkbar.

Berlin ist zum Sehnsuchtsort geworden

Sicher ist nur: Viele Briten, die ich kenne, wollen weg. Und das bedeutet bei immobilienbesessenen Londonern, dass sie nach neuen Wohnungen suchen, fernab der Insel. Für viele ist Berlin zu einem Sehnsuchtsort geworden. Das ist mehr als eine Beobachtung im Freundes- und Kollegenkreis. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers ist zu dem Schluss gekommen, dass Berlin wie auch Paris, Luxemburg und Madrid profitieren werden.

Dass gerade in Berlin seit Jahren die Preise steigen, schreckt wenige ab. Verglichen mit London ist Berlin günstig. Vergangenes Jahr sind laut Berliner Senat 30.077 Immobilien verkauft worden – für 18,2 Milliarden Euro und damit elf Prozent mehr als im Jahr 2016. Laut PricewaterhouseCoopers ist Berlin in Europa die beliebteste Stadt für Investoren. Auf Platz zwei, vier und sechs folgen München, Frankfurt und Hamburg.

Viele glauben, dass es eine sichere Option sei, sein Geld in Berlin anzulegen. Derweil stagnieren in London die Preise. Von Kollegen und Bekannten höre ich, dass sie Pläne zum Kauf eines Hauses auf das nächste Jahr verschieben. Sie glauben, dass nach März nächsten Jahres, wenn der Brexit vollzogen ist, die Preise fallen – und sie dann deutlich günstiger an eine Immobilie kommen.

Daher sind die Makler von London längst dabei, ihre Kunden auf das europäische Festland zu locken. In den Tageszeitungen machen Immobilienfirmen auf sich aufmerksam, indem sie Kaufanleitungen für Wohnungen und Häuser auf dem Kontinent als Anzeige schalten.

Anderthalb Zimmer für 200.000 Euro

Auch ich werde in die Rolle der Beraterin gedrängt. Bei Veranstaltungen im Londoner Finanzdistrikt komme ich immer wieder mit Kollegen ins Gespräch. Sobald ich erwähne, dass ich in Hamburg und Berlin gelebt habe, werde ich mit Fragen bombardiert. Erst vergangene Woche fragte mich eine 28-jährige Strategieberaterin zwischen Sekt und Schnittchen, ob sie bei einer Wohnung in Berlin-Lichtenberg zuschlagen solle. 200.000 Euro für anderthalb Zimmer.

Klar, wer in London lebt, weiß nicht immer, ob das Viertel, das einem in einer Anzeige angepriesen wird, auch gefällt. In den vergangenen Monaten habe ich in London Start-up-Unternehmer kennengelernt, die die verschiedenen Berliner Stadtteile für sich ausloten. Einer meiner ehemaligen Mitbewohner arbeitet bei einer E-Commerce-Plattform für Boutiquen, die gerade nach Berlin expandierte – es ist das erste Auslandsengagement der Firma.

Wegen der vielen, vormals leer stehenden Gewerbeflächen ist Berlin für Kreative und Künstler eine beliebte Alternative zu London. Zwar spricht sich langsam herum, dass Berlin nicht mehr paradiesisch billig ist. Trotzdem lieben junge Künstler die Stadt – und die interessieren sich auch für europäische Fördermittel und Stipendien, da kann es nicht schaden, wenn man in Europa seinen Wohnsitz hat. Ein aufstrebender Bildhauer, mit dem ich in einer Londoner Wohngemeinschaft lebte, ist derzeit auf Wohnungssuche in Berlin-Kreuzberg.

Auch Frankfurt ist in London im Gespräch, aber bei einer anderen Klientel. Viele Banken ziehen in die EU oder verlagern Personal dorthin. Nicht alle sind davon begeistert. Für so manchen klingt Frankfurt wie eine Strafversetzung, was nicht wirklich fair ist. Auch bei den Kreativen ist Frankfurt nicht besonders populär. Hohe Mieten, viele Banken – das klingt für viele wie London minus Kultur, und dazu viel kleiner.