Die georgische Messe wurde gefeiert über der ARD-Arena, es gab sensationelles georgisches Essen (Khachapuri, Khinkali usw.), sehr viel georgische Elektromusik (Tbilissi ist ja das neue Party-Berlin), heftigen georgischen Tanz (das Nationalballett, Männer mit Schwert und Schild, atemberaubende Frauen), erschöpfende Georgien-Diskussionen (im Weltkontext, an Wendepunkten usw.). Außerdem das georgische Alphabet (eines der ältesten der Welt) als Holzskulpturen, die bereits eine skandinavische Stimmung erzeugten (Gastland 2019: Norwegen). Die größte Entdeckung: Lyrik und Dichter aus Georgien, die in die oberste Weltliga gehören, wie (große Empfehlung) Nika Jorjaneli und sein Band Roter Schein: "Im Sommer vergeht kein Tag, ohne dass kleine Vögel in meine Küche fliegen. / Ein kaum zu hörendes Geräusch auf dem Linoleumboden verrät ihr Erscheinen, / das sind ihre winzigen Füße. / Und ich – ich weiß auch nicht warum – scheuche die Vögel nach draußen."
Iris Radisch

Er macht also den Anfang, sie hat dafür das letzte Wort; dazwischen ein Wechselgesang in jener "Zweistimmigkeit", die die Jury bei den diesjährigen Friedenspreisträgern gehört hatte. Mit einer zweisamen Choreografie lösten Aleida und Jan Assmann ihr Dankesredenproblem in der Paulskirche: am Pult lehrend oder derweil an der Wand dahinter lehnend, darin mehrfach einander abwechselnd. Ein Paartanz vor und zurück, in Anmut und Würde, der zuvor vom Laudator Hans Ulrich Gumbrecht auf klug schillernde Punkte gebracht worden war. Der Tanz endete mit dem Philosophen Karl Jaspers: "Wahr ist, was uns verbindet!" Dort vorn hatte man es gesehen: Auch für das Denken ist die Form entscheidend.
Alexander Cammann

Samstagnachmittag, von der Messe zurück nach Hamburg im ICE 576. Nachgezählte 490 Fahrgäste sind an Bord. 101 von ihnen sind am Smartphone, 49 am Tablet oder Notebook. 73 unterhalten sich, 28 schlafen, 30 hören Musik (oder einen Podcast?). Nur fünf telefonieren. 63 Fahrgäste gucken einfach so rum und machen nichts. Eine Frau strickt, eine andere stopft mit einer Zigarettenstopfmaschine Zigaretten. Neun Bahnfahrer lesen ein Magazin, zwölf Zeitung. Immerhin 51 aber lesen in einem Buch (außerdem sieben weitere auf einem Kindle). Darunter sind folgende Titel erkennbar: Alle, außer mir von Francesca Melandri, ein Roman von Jojo Moyes, Enlightenment Now von Steven Pinker (auf Englisch), Das Mädchen Wadjda (und viele weitere Jugendbücher), Der letzte Befehl: Ein Jack-Reacher-Roman; ein Buch, auf dem hinten "Teuflisch gut!" steht, Einführung in die Beratungspsychologie, Mit der Faust in die Welt schlagen von Lukas Rietzschel, außerdem Unendlicher Spaß (der Leser ist aber eingeschlafen, das Buch liegt vor ihm im Netz), ein Gereon-Rath-Krimi und 21 Lessons for the 21st Century von Yuval Noah Harari (auf Englisch). Weiterhin wird in der ersten Klasse das neoliberalismuskritische Sachbuch Der Weg zur Prosperität gelesen. Zwei Mädchen (achte Klasse?) haben beide eine lilafarbene Suhrkamp-Ausgabe von Mutter Courage dabei. Eine Frau liest Noten. Und im Bordbistro (eingeschränktes Angebot, Kaffee erst ab Kassel) ist ein Mann vertieft in den Roman Archipel, der gerade den Buchpreis gewann. Er trägt beim Lesen eine Sonnenbrille.
Lars Weisbrod