Noch immer keine Ruhe

In Chemnitz gab es am 18. Oktober einen weiteren Angriff, diesmal auf ein türkisches Restaurant. Es ist das mittlerweile dritte ausländische Restaurant binnen weniger Wochen. Die Polizei will an solch gefährdeten Orten nun stärkere Präsenz zeigen. Auch würde geprüft, ob es einen Zusammenhang zwischen den Angriffen gebe.

Zunächst dachte sie, er habe nur etwas heruntergeworfen. Sie, Marjan Sharifi, stand in der Küche des Restaurants Safran in Chemnitz. Er, ihr Mann Masoud Hashemi, war draußen im Gastraum. Sie hörte einen Knall. Sie rief auf Persisch, laut, damit er es durch die geschlossene Tür versteht: "Hast du schon wieder etwas kaputtgemacht?!" Er antwortete: "Bleibt drin! Sie sind gekommen!" Dann Krach, Gebrüll.

So schildert Marjan Sharifi das, was am Sonntag, den 7. Oktober, gegen 22.30 Uhr in ihrem Lokal passiert ist. Die Polizei beschreibt es so: Drei Unbekannte mit Motorradhelmen auf dem Kopf hätten plötzlich das Safran betreten. Hätten sofort begonnen, mit Einrichtungsgegenständen nach dem Wirt Masoud Hashemi zu werfen. Ein Angreifer, berichtet die Freie Presse, habe den Hitlergruß gezeigt.

Zwei Tage nach der Tat liegt Masoud Hashemi noch immer im Krankenhaus. Und Marjan Sharifi versucht, stark zu sein. Im Safran läuft orientalische Musik, es riecht nach Tee. Erzwungene Normalität. Marjan Sharifi spricht Persisch, eine Freundin übersetzt. Nur auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet sie auf Deutsch: "Nicht gut." In den vergangenen Wochen haben zwei ihrer Mitarbeiter gekündigt, weil das Safran schon zuvor mit Hakenkreuzen beschmiert worden sei. Nun der Angriff auf ihren Mann.

Nach solchen Fällen beginnt die Routine der Ermittler: Die Polizei sucht Zeugen, sucht die Täter. Nur: Mit Routine allein wird Chemnitz seine Normalität nicht wiederfinden. Denn, und das fragen viele in der Stadt: Kann das, was im Safran geschehen ist, ernsthaft zur Chemnitzer Normalität werden? Muss man sich an solche Schlagzeilen etwa gewöhnen an einem Ort, in dem es früher friedlich war?

Der Übergriff auf das Safran ist ja nicht der erste. Die Attacken auf das jüdische Lokal Shalom sorgen bundesweit für Schlagzeilen. Geschäftsinhaber berichten von Hakenkreuzschmierereien, von Beleidigungen. Migranten schildern eine in den vergangenen Wochen zunehmend feindliche Stimmung. Und Michael Kretschmer, der Ministerpräsident (CDU), hat häufig erzählt, wie bewegend er vor allem ein Gespräch mit einer jungen Chinesin fand, die er am Rande eines Termins in Chemnitz traf. Sie erzählte ihm, dass sie sich früher wohlgefühlt habe in der Stadt. Plötzlich aber, nach dem Tod von Daniel H. am Rand des Stadtfestes im August; nach den teils rechtsextremistischen Demonstrationen in den Tagen danach – plötzlich werde sie auf offener Straße angerempelt, attackiert, belästigt. Geht das vielen Migranten in der Stadt so?

Wer sich umhört, stößt auf verschiedene Geschichten. Welche von Verzweiflung. Mitunter auch welche von Glück. In jedem Fall aber Geschichten von einer Stadt in innerer Unruhe. Man muss nur James Wamai Mwangi fragen.

Der 30-Jährige, Doktorand an der Technischen Universität der Stadt, sitzt auf einer Bank vor der Mensa. Er sagt: An die Blicke habe er sich gewöhnt – daran, als Mann mit schwarzer Haut immerzu gemustert zu werden. Aber seit Rechtsradikale demonstrierten, seit die Stadt im Zustand permanenter Nervosität ist, habe sich für ihn einiges verändert: Mwangi fühlt sich weniger frei. Es gebe für Ausländer mehr Dinge, vor denen sie sich fürchteten. Er überlege genau, in welche Clubs er gehe. Zu welchen Veranstaltungen.

Die Schlagzeilen aus Chemnitz bestätigen ihn in seiner Vorsicht: Erst Anfang Oktober ließ der Generalbundesanwalt mehrere Männer aus dem Raum Chemnitz festnehmen. Ihnen wird vorgeworfen, eine rechtsextreme Terrorzelle gegründet zu haben: "Revolution Chemnitz". Mit den Einheimischen, erzählt James Wamai Mwangi, sei es schwierig, über solche Themen zu reden. Sie würden ihn meiden. Immer wieder werde er angepöbelt, einmal habe ihm eine Gruppe den Ausstieg aus dem Bus versperrt. Und trotzdem gibt es etwas, das ihm noch mehr zu schaffen mache: "Das eigentliche Problem ist die Ignoranz." Man könne sehr einsam werden in Chemnitz als Fremder, sagt er. Er hat angefangen, ein Blog zu schreiben, mit Texten über den alltäglichen Rassismus. Gerade deutsche Freunde, sagt er, hätten ihm abgeraten, so deutlich zu sagen, was er denke, auch so deutlich zu kritisieren, wie wenig er sich unterstützt fühle in dieser Stadt. Aber wenn nicht er, und wenn nicht jetzt – wer solle es dann tun?

"Diese Situationen sind nicht das Leben"

Nicht alle Migranten in Chemnitz schildern Übergriffe. Aber viel zu viele erleben welche

Man kann, ein paar Kilometer vom Campus entfernt, jedoch auch ein gänzlich anderes Gespräch führen. Kanaan Peesapati, 23, steigt am Roten Turm im Stadtzentrum aus dem Bus. Er ist Masterstudent im Fach "Embedded Systems", das sich mit Computerelektronik beschäftigt. Die meisten Migranten in Chemnitz sind Studenten und Doktoranden, die Ausländerquote in der Stadt liegt bei acht Prozent. Kanaan Peesapati findet, das sagt er gleich dreimal, in Chemnitz alles großartig: die Stadt, die Leute, das Leben. Auch Peesapati hat schwarze Haare und dunkle Haut. "Aber ich habe hier nie Rassismus gespürt. Jeder ist freundlich zu mir", sagt er. Noch nie habe jemand etwas Unhöfliches zu ihm gesagt, wenn er mit einer Kamera am Schlossteich oder in Altchemnitz unterwegs gewesen sei. Wunderschön sei es da, "I love it", sagt Peesapati.

Die weniger schönen Seiten von Chemnitz hat er nur im Fernsehen gesehen. Als es Demonstrationen und Ausschreitungen gab, sei er gerade zu Hause, in Indien, gewesen. Und habe seine Stadt nicht wiedererkannt. "Ich konnte überhaupt nicht glauben, dass das der gleiche Ort sein sollte wie der, an dem ich Obst und Gemüse einkaufe", sagt er. Nachdem er nach Chemnitz zurückgekehrt sei, sei er deshalb aufgeregt gewesen: Ob alles noch sei wie vorher. Und? "Ja, zum Glück."

Zwei Migranten, zwei vollkommen konträre Erfahrungen. Doch alles ganz normal hier?

Man kann das Thaer Ayoub fragen, einen Schriftsteller, der seit 2015 in Chemnitz lebt. Er sagt: "Beide haben sie vollkommen recht." Denn wie man eine Stadt wahrnehme: Hänge das nicht immer von den eigenen Erfahrungen und Erwartungen ab? Ayoub sagt, er erlebe beides; Freundlichkeit und Fürchterliches.

Ayoub kam als Flüchtling aus Aleppo nach Chemnitz. Er selbst hat hier sehr wohl Rassismus erfahren, auch wenn er es anders nennt: Er spricht von "Situationen". Pöbeleien, Beschimpfungen. Die meisten ignoriere er aber, denn: "Diese Situationen sind nicht das Leben." Das Leben, das sei der Alltag – nicht die Leute, die ihm im Bus Schimpfworte hinterherriefen. Und übrigens auch nicht die 65.000 Menschen beim "Wir sind mehr"-Konzert. Das sei auch nur eine "Situation" gewesen.

Haben ihm die Demos nach dem Tod von Daniel H. Angst gemacht? Angst nicht, sagt er, aber Sorgen, "wie jedem in der Stadt. Wir sind doch alle nur noch mit einem beklommenen Gefühl auf die Straße gegangen." Inzwischen sei die Lage ruhiger. Die Stimmung habe sich gewandelt – und zwar, so sieht er das, eher zum Positiven. Das Verhalten der Rechtsextremen, ihre Aggressivität, habe manche Chemnitzer mutiger gemacht: Sie trauten sich nun eher, mit Migranten zu kommunizieren. Für ihn ist jetzt klarer, wer zu welchem Lager gehört: Die Ausländerfeinde träten heftiger, härter auf. Aber die anderen, die Wohlmeinenden, zeigten sich endlich auch, seien ebenfalls offensiver.

Ja, sagt auch Masoud Hashemi, der Wirt des Safran: Es gebe viele wunderbare Leute, die sich gemeldet und Hilfe angeboten hätten. Er ist jetzt aus dem Krankenhaus entlassen. Es geht ihm besser. Er sagt, er und seine Frau hätten Angst, dass noch einmal etwas passieren könnte, aber er "hofft und hofft", dass das nicht der Fall sein werde. Er will nämlich weitermachen, mit dem Safran, in Chemnitz.