Etwas abgekämpft sitzt Cao Lijun, 32, auf der Couch, zwischen Stofftieren und Windelpackungen, die sich bis zur Decke türmen. In der Küche klappert der Großvater mit dem Geschirr, im Schlafzimmer tollt die Großmutter mit den zwei jüngsten Kindern. Als Cao wenige Wochen nach der Geburt ihrer zweiten Tochter merkte, dass sie wieder schwanger war, hätten sie und ihr Mann nächtelang abgewogen: Sollten sie abtreiben – oder das Kind bekommen und dafür Strafe zahlen? Ihr Mann habe gesagt: "Wenn sich einer auf die Suche nach uns macht, sollten wir ihn nicht an der Tür abweisen." Also zahlten sie mehrere Monatsgehälter Bußgeld für Robby, heute ein Jahr alt, und zogen aus Pekings Innenstadt ins Umland – dort drückt mancher Kindergarten beim dritten Kind ein Auge zu.

Eine Familie mit drei Kindern ist in China nach wie vor offiziell verboten. Dabei liegen mehr Kinder eigentlich im Interesse der Regierung. Nach vier Jahrzehnten staatlicher Geburtenkontrolle ist die Bevölkerungsstruktur Chinas in eine dramatische Schieflage geraten: Die Geburtenrate zählt inzwischen zu den niedrigsten der Welt. Die Chinesen sind zu alt, zu männlich und zu wenige. Von 2021 an droht in vielen Regionen Arbeitskräftemangel, schätzen Experten, und von 2050 an werden mehr Rentner in China leben, als die Vereinigten Staaten Einwohner haben. In der Geschwindigkeit der Überalterung hat China inzwischen sogar Japan überholt. Deshalb steht das radikalste demografische Experiment der Geschichte wohl vor dem Ende.

1980 verordnete Chinas Reformpräsident Deng Xiaoping die Ein-Kind-Politik, in der Überzeugung, eine hohe Bevölkerungszahl sei hinderlich für den Wohlstand. Nun aber plagt die Regierung die gegenteilige Frage: Wie kann der Staat die Geburtenzahlen wieder ankurbeln? Und ist das per Anweisung von oben überhaupt noch möglich?

Bereits seit 2015 gilt für alle Eltern in China die Zwei-Kind-Regel. Den Abwärtstrend in den Geburtenstatistiken hat das jedoch nicht gestoppt: 2017 kamen 17,2 Millionen Neugeborene zur Welt, 630.000 weniger als im Jahr zuvor. Für 2018 sehen die Prognosen noch düsterer aus. Demografen wie der Pekinger Forscher Huang Wenzheng vom Center for China and Globalization schätzen, dass dieses Jahr nur 15 Millionen Babys geboren werden – fünf Millionen weniger, als sich die Regierung erhofft. Die Geburtenrate ist so niedrig, dass das nationale Statistikamt inzwischen keine offiziellen Zahlen mehr veröffentlicht. Huang und andere Demografen schätzen die Geburtenrate auf höchstens 1,3 Kinder pro Frau – sie liegt deutlich unter den Werten westlicher Industrieländer wie Deutschland (1,6) oder den Vereinigten Staaten (1,7).

Bislang scheiterten Reformen auch an der mächtigen Familienplanungsbehörde, jener Institution, die Frauen zu Abtreibungen und Sterilisationen zwang und zeitweise eine halbe Million Beamte beschäftigte. Weitere 80 Millionen "Freiwillige", oftmals Dorfälteste, wachten bis in die letzten Winkel des Landes über schwangere Frauen und meldeten Verstöße gegen die Geburtengesetze. Strafzahlungen wurden für Provinzen zur überlebenswichtigen Einnahmequelle. Es galt: "Große Städte leben vom Landbesitz, arme Regionen von der Geburtenkontrolle." Doch im September wurde die Familienplanungsbehörde aufgelöst. Und es mehren sich die Hinweise darauf, dass die Geburtenbegrenzung ganz abgeschafft wird.

Im Entwurf des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches, das 2020 in Kraft treten soll, fehlt der Begriff Familienplanung ganz. "Anders als seine Vorgänger ist Präsident Xi überzeugt, dass ein starkes China eine große Bevölkerung braucht", sagt der Forscher Huang Wenzheng. Im Sommer appellierte die parteinahe Volkszeitung mit den Worten "Kinderkriegen ist eine nationale Angelegenheit" an das patriotische Pflichtgefühl der Chinesen.

Doch der Kurswechsel kommt bei jungen Chinesen nicht gut an. Nach dem Erscheinen des Volkszeitungs-Artikels wurde in den sozialen Netzwerken Ärger laut. "Sind wir noch Menschen oder nur 'Fruchtbarkeitsressourcen' für den Staat?", lautete ein viel geteilter Kommentar. Nachdem kurz darauf zwei regierungsnahe Akademiker die Einrichtung eines "Reproduktionsfonds" forderten, durch den Geld an Eltern mit zwei Kindern umverteilt werden sollte, war auf Sina Weibo zu lesen: "Bis vor Kurzem sollte das zweite Kind abgetrieben werden, und jetzt soll ich Strafe zahlen, wenn ich keines möchte?" Und: "Wovon soll ich zwei Kinder ernähren? Vom Sozialismus?"