Selbst für das Trubel gewohnte israelische Parlament war es eine drastische Szene: "Apartheid!", riefen mehrere arabische Abgeordnete, zerrissen Bündel von Papier und warfen die Fetzen in die Luft – den Entwurf eines Gesetzes, welches das Plenum Sekunden zuvor angenommen hatte. Bei dem geschmähten Dokument handelte es sich um ein neues Grundgesetz, Mitte Juli verabschiedet, in deutschen Medien meist lose als "Nationalstaatsgesetz" übersetzt. Es definiert und betont den jüdischen Charakter des israelischen Staates und hat vorrangig symbolischen Charakter. Dennoch hat es innerhalb und außerhalb des Landes erbitterte Debatten entfacht, die auch drei Monate später nicht abgeklungen sind.

Einige der lautesten Stimmen dabei gehören arabischen Christen – auf beiden Seiten des Meinungsspektrums. Als Minderheit innerhalb der Minderheit haben sie einen komplizierten Status: Viele jüdische Israelis sehen sie schlicht als Araber; viele muslimische Araber betrachten sie ihrerseits mit Misstrauen. Das Nationalstaatsgesetz drängt die Christen dazu, sich zu entscheiden, auf welcher Seite sie stehen.

Auch unter der jüdischen Mehrheit ist das Gesetz umstritten: Die Knesset passierte es mit sechs Stimmen Unterschied, kurz darauf protestierten Tausende jüdische Israelis dagegen, gemeinsam mit Drusen und Arabern. Doch die Debatte wäre längst von anderen abgelöst, erhielten nicht arabische Politiker und Aktivisten den Druck aufrecht. Zu den lautesten Kritikern des Gesetzes zählt die Knessetabgeordnete Aida Touma-Sliman, die aus einer arabisch-christlichen Familie stammt.

Die 54-Jährige sitzt seit 2015 für die arabisch dominierte kommunistische Partei "Chadasch" ("Neu") in der Knesset, wo sie sich einen Namen gemacht hat mit ihrem energischen Eintreten für Frauenrechte, aber auch die palästinensische Sache. Das neue Gesetz beschreibt sie als "Apartheid-Gesetz", das an "dunkle Diktaturen" erinnere. Es "produziert nicht nur rassistische Segregation in Israel", schrieb sie in einem Meinungsbeitrag für die linke israelische Zeitung "Haaretz", "es schlägt auch die Tür zu für eine gerechte diplomatische Lösung einer Gründung eines palästinensischen Staates."

Dabei enthält das Gesetz viel Altbekanntes: Es legt Dinge wie Feiertage, Hymne, Flagge und Kalender fest, die längst Realität sind. Zugleich jedoch benennt es das "geeinigte Jerusalem" als Hauptstadt Israels, obwohl große Teile der internationalen Gemeinschaft den Ostteil zur Hauptstadt eines palästinensischen Staates machen wollen. Ferner begrüßt das Gesetz die Errichtung explizit jüdischer Städte und legt fest, dass nur Juden das Recht auf die Verwirklichung von Staatlichkeit in Israel haben. Solange dieser Satz sich auf das international anerkannte Territorium des Landes bezieht, ist er unproblematisch, zumindest für all jene, die das Existenzrecht Israels als jüdischen Staat anerkennen (was viele arabisch-israelische Politiker nicht tun: Sie fordern stattdessen einen religiös neutralen "Staat aller Bürger").

Doch weil die endgültigen Grenzen Israels im Vagen liegen, solange der Konflikt mit den Palästinensern schwelt, interpretieren manche den Satz so, als gälte er auch für das Westjordanland – womit er die Gründung eines Palästinenserstaates ausschlösse. Zudem stuft das Gesetz das Arabische, bis dato zweite Amtssprache, zur Sprache mit "besonderem Status" herunter. Weil Israel, wie Deutschland, keine Verfassung hat, erhält das Gesetz den Rang eines Grundgesetzes.

Nicht alle arabischen Christen mögen sich der drastischen Wortwahl der Abgeordneten Touma-Sliman anschließen. Ihr Unbehagen teilen jedoch viele. "Das Gesetz treibt eine gefährliche nationalistische Agenda voran, die alle Nichtjuden ausschließt oder zumindest weiter marginalisiert", meint etwa Botrus Mansour aus Nazareth. Der 52-Jährige ist Co-Vorsitzender der Lausanne-Initiative für Versöhnung in Israel-Palästina, einer Bewegung christlicher Araber sowie sogenannter messianischer Juden, die an Jesus glauben.

Auch offizielle Kirchenvertreter meldeten sich zu Wort: Das Lateinische Patriarchat in Jerusalem ließ verlauten, das Gesetz "mag zwar keine praktischen Folgen haben, doch es sendet ein unmissverständliches Signal an die palästinensischen Staatsbürger Israels, dass sie in diesem Land nicht zu Hause sind". Der griechisch-orthodoxe Patriarch in Jerusalem warnte, das Gesetz stärke die "Institutionalisierung von Rassismus".

Dennoch ist das Meinungsbild nicht einheitlich. Die Christen haben eine besondere Stellung innerhalb der arabischen Minderheit Israels. Sie sind überdurchschnittlich gebildet: 70 Prozent der jungen Christen erreichen die Hochschulreife, anteilig mehr als jede andere Bevölkerungsgruppe, einschließlich der jüdischen. Sie gelten als politisch moderater, besser integriert in die Mehrheitsgesellschaft als Muslime und engagieren sich auffällig oft in Friedensbewegungen.