Der Text ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Buch "Like A Rolling Stone", das am 31. Oktober im Jaron-Verlag erscheint.

Man muss nur am Leben bleiben, schon wird man Zeitzeuge. Den Mauerfall verschlief ich in Genf, auf meiner ersten kirchlichen Dienstreise in die Schweiz. Den 3. Oktober 1990 erlebte ich im Weißen Haus zu Washington, als eingeschlichener Ehrengast. Keineswegs verpasst habe ich den Soundtrack zur Wende. Dem Umbruch klang Musik voran. Die großen Westkonzerte in der DDR waren Glasnost-Glockenspiele.

In der frühen DDR kollidierten Rock ’n’ Roll und Staatsideologie. Rock war Westmusik. 1971 setzte ideologisches Tauwetter ein. Die Konfrontation zwischen den Blöcken entkrampfte sich. In Bonn regierte die sozialliberale Koalition. Zum Thema Westmedien erklärte Honecker, man könne sie ein- und wieder ausschalten. Die dazwischen befindliche Zeitspanne definierte er nicht. SED-Chefideologe Kurt Hager dekretierte: "Unsere Tanzmusik kann sich niemals in den Fesseln westlicher Moden, aber andererseits auch nicht in einem abgeschlossenen Treibhaus entwickeln." Dieser Satz und dieser Kurt Hager brachten Bob Dylan, Joe Cocker, Bruce Springsteen nach Ost-Berlin – viele Jahre später.

Ich kam 1978 als Theologiestudent nach Berlin. Einem Südostharzer Rock-Jazz-Folk-Gourmet aus dem Bannkreis des Hessischen Rundfunks war das Frontstadt-Gedöns von Rias und AFN unbekömmlich. Aber ich fand das Meine, vor allem nachts. Donnerstags zwischen halb eins und halb drei lauschte ich, die Hand am Schalthebel des B93-Spulengeräts, dem Rias- Moderator Christian Graf, der Hörerwünsche erfüllte. Ich sehe mich nachts am Münzfernsprecher Ecke Schwedter Straße/Kastanienallee. Besetzt. Besetzt. Endlich meldet sich Christian Graf und notiert mein Begehren. Und spielt zwei Donnerstage später I’m Coming On von Ten Years After "für Christoph aus Ost-Berlin". Heute wimmelt es in der hippen Kastanienallee auch nachts, doch die finstere Straße von 1984 vergesse ich nie.

Der DDR-Rundfunk hielt dagegen. DT 64 etablierte die Sendung Duett – Musik für den Rekorder. Jeden Nachmittag gab es zwei Blöcke von 25 Minuten mit aktueller Rockmusik, getrennt nach Ost und West. Die neuen Alben von Van Morrison, Neil Young, den Rolling Stones empfing man via DT 64 komplett. Welche Wandlung! Die Musik des Westens war angekommen. Was noch fehlte, waren die Musiker.

1987 wurden die beiden größten deutschen Städte 750 Jahre alt: West-Berlin und Ost-Berlin. Beiderseits der Mauer erblühte zum Stadtjubiläum die Gastspielkultur. Man wetteiferte, natürlich völlig souverän. Das Jubiläumsjahr brachte mich zum Sonntag. Die kulturpolitische Wochenzeitung war ein Ventil-Blatt für Intellektuelle. Sie erschien im Aufbau-Verlag und genoss unübliche DDR-Freiheiten, in einer gedeckelten Auflage von knapp 20.000 Exemplaren.

Harald Hauswald kannte ich länger. Wer staatsfern auf Achse war, begegnete unweigerlich diesem Straßenfotografen mit Bart, Hippie-Mähne und der unentbehrlichen Kippe. 1954 in Radebeul geboren, kam Hauswald 1977 nach Berlin. Viele seiner Bilder zeigen Schattengeschöpfe des Lebens, doch er schoss die Menschen nicht ab. Haralds Herz ist warm, wie sein Humor. Seinen Spott reservierte er für den Pomp und die Narrheit der Macht. Hauswalds Motive sah man im ganzen Land. Hauswalds Fotos sah man nicht. Keine staatliche Zeitung druckte sie. Er war verboten. Gesetzwidrigerweise hatte er für westdeutsche Journale – stern, Geo – gearbeitet und somit seine Arbeitskraft in den Dienst des Klassenfeinds gestellt. Einzig Kirchenzeitungen standen ihm noch offen. Nun bat ich ihn, John McLaughlin und Paco de Lucía zu fotografieren. Er tat’s, der Sonntag druckte. Beim Bob-Dylan-Konzert herrschte dann ein generelles Fotoverbot, doch Harald gelangen exklusive Bilder. Fortan akzeptierte ihn der Sonntag.

Mir verschaffte der Auftragsbrief des Sonntag Einlass in die belagerten Musikarenen. Ich erinnere mich an Peter Maffay. Der Lederbarde spielt am 11. März 1987 in der Werner-Seelenbinder-Halle – keinen Schlagerrock, sondern ein kraftvolles Konzert. Die Halle umwimmeln Kartensucher. Ein Fan bietet sein Moped zum Tausch. Ich erinnere mich an den 5. April 1987. Vormittags um elf spielen im Kino Kosmos John Mayall & The Bluesbreakers. Nachmittags um drei gibt es ein weiteres Mayall-Konzert, für das ich kein Ticket habe – ich verberge mich bis zur zweiten Show im Kosmos-Klo. John Mayall erklärt dem Publikum: Heute morgen bat mich ein Guy in der Lobby um Rolling With The Blues, das spielen wir jetzt für ihn. Der Guy bin ich.

Beim Hinausgehen sagt jemand: Das kommt alles viel zu spät. Nicht für mich. Ich eile zum Palast der Republik. Um acht spielt dort Carlos Santana, für 4000 Kartenbeglückte. Dreieinhalb ekstatische Stunden später liegen sich Santana und sein Drummer Buddy Miles weinend in den Armen. Santana erklärt später, er sei mit vielen Vorurteilen in dieses Ostblockland gekommen. Das Publikum habe ihn überwältigt. "Es ist das Größte, was uns in den letzten Jahren passiert ist. Es gab plötzlich kein Ost und kein West mehr. Es war mein bestes Konzert seit Langem."