Zu Beginn dieses Endlos-Sommers war es der AfD gelungen, mitten in Berlin ein mächtiges Zeichen zu setzen. 5.000 Demonstranten waren mit großen deutschen Flaggen vom Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor gezogen. Ein Fahnenmeer über der Spree im strahlenden Sonnenschein – das verschaffte der Partei der giftelnden Untergangspropheten für eine gelungene Sekunde den Auftritt, den sie sonst nie fertigbringt: schwungvoll, froh, optimistisch. Und stolz, auf Deutschland. Man rieb sich die Augen.

Wie ist es einer Partei, die das Land praktisch täglich in Schutt und Asche redet, die seine vom Volk gewählten Repräsentanten "Deutschlandabschaffer" nennt, geglückt, sich sein wichtigstes Symbol anzueignen? Und wie nimmt man es ihr wieder ab?

Einige Teilnehmer der #unteilbar-Demonstration am vergangenen Wochenende wollten es mit Offensive versuchen. "Ich lasse mir die Fahne doch nicht von den Rechten wegnehmen", lautete die halb trotzige, halb verzweifelte Parole – denn es ist ja längst geschehen. Manche postierten sich vor dem Grundgesetz aus Pappmaschee, das im Zug getragen wurde. Schnell mussten sie feststellen, dass die Deutschlandfahne – als einzige von allen Fahnen – vom Veranstalter "unerwünscht" war. Einem wurde sie weggerissen, andere mussten sich praktisch im Viertelstundentakt erklären. "Die Flagge ist gerade unglaublich von rechts konnotiert", sagte die Organisatorin Theresa Hartmann dem Tagesspiegel . Gerne die Regenbogenflaggen aus dem Queer-Block, gerne "Refugees welcome", aber für Nationalstolz wolle man nicht stehen.

Und da hat man schon einen Teil der Erklärung dafür, dass es der extremen Rechten immer öfter gelingt, das Hambacher Fest, das Deutschlandlied oder die schwarz-rot-goldene Fahne für sich zu reklamieren: All das ist einem Teil der Linken fremd, zuwider oder bestenfalls gleichgültig. "Deutsch mich nicht an!" ist eine Parole, die man öfter auf Anti-AfD-Demonstrationen sieht. Man hat es mit einem verzweifelten politischen Tango zu tun: Gerade weil die AfD danach greift, weicht der Rest zurück. Linke haben die Fahne wie kontaminiert rechts liegen gelassen – und da ist die AfD gekommen und hat sie aufgehoben.

Dabei waren "wir", als Gesellschaft, schon mal weiter. Es war Entspannung eingekehrt in Sachen Deutschland, nicht erst nach der WM 2014. Die großen Schlachten schienen geschlagen, die gegnerischen Lager über die nationale Frage nicht länger verfeindet – immer auf der Grundlage, dass man das, was deutsche Soldaten in zwei Kriegen getan haben, durch kein dröhnendes Lob ungeschehen macht. Es ist heute kaum noch vorstellbar, dass ein Bundespräsident gehen muss, weil er die Selbstverständlichkeit ausspricht, dass Deutschland seine Interessen auch militärisch verteidigt.

Liebe kann man bekanntlich nicht befehlen oder herbeibassen. Aber die Tatsache, dass die grüne Bundesspitze ihre Sommertour unter die Losung "Sind des Glückes Unterpfand" gestellt hatte und unverdrossen zu Nationaldenkmälern hingepilgert war, sorgte – trotz einiger Irritationen in den eigenen Reihen – für genau die Wiederaneignung, die so dringend nötig ist.

Was heißt "wieder". Natürlich steigt man nicht zweimal in denselben schwarz-rot-goldenen Fluss: Nie ist man fertig mit der deutschen Geschichte, alles wird ständig neu bewertet. In Serien wie Babylon Berlin (Weimar) oder Weissensee (DDR) spürt man, dass es ständig in uns arbeitet. Sagt man technokratisch "Wende", oder sagt man "Friedliche Revolution"? Das gilt übrigens auch für andere: Weder Franzosen noch Briten und ganz sicher nicht die Amerikaner wissen heute noch mit der früheren Sicherheit zu sagen, wer sie sind.

Aber es steckt gerade in der Ambivalenz der schweren deutschen Symbole – von der Fahne über das Lied bis zum Reichstag – ein Schutz vor Gedröhn und Rechthaberei. Ausgerechnet eine Demonstration, die sich "unteilbar" nennt, muss sich doch erinnern, dass genau die Einheit in der Revolution von 1848 das große Befreiungsthema war! Es ist schön zu sehen, dass 250.000 Leute lächelnd miteinander spazieren gehen, um für Offenheit, Freundlichkeit und Zivilität zu werben. Deutschlandfahnen hätten obendrein noch betont, dass alle wussten, wo sie sind.