Im Theater ist die Szene ein Klassiker, und sie geht ungefähr so: Ausgekämpft und mit kalter Wut sitzen ein paar Menschen auf der Bühne herum und sind sich spinnefeind. Es gibt keine Verständigung mehr, jedes Wort bedeutet für jeden etwas anderes. Einer murmelt "Gerechtigkeit!", der andere brüllt: "Das ist Sozialismus!" Nur ein Wort geht noch, und jeder weiß, was gemeint ist. Das Wort ist Sex.

Wer den semantischen Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten beobachtet, dem drängt sich diese Szene auf – dann, wenn politische Positionen mit metallischem Hass aufeinanderprallen, wenn die Wörter in der Luft zerspringen und die Gemeinsamkeit der Demokraten unter sich begraben. Nur ein Thema, so scheint es, bringt die Parteien noch im erbitterten Streit zusammen, das Thema sexuelle Gewalt, zuletzt im Fall von Brett Kavanaugh, dem drei Frauen versuchte Vergewaltigung vorgeworfen hatten. Donald Trump peitschte seinen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof durch; er verhöhnte eine der Klägerinnen, äffte sie nach und entschuldigte sich bei Kavanaugh für das schreckliche Leid, das ihm der linke Mob angetan habe. Die Beliebtheitswerte des Präsidenten stiegen.

Warum eigentlich, muss man fragen, halten die Konservativen ihrem obszönen Präsidenten noch die Treue? Warum nur hüllen sich prüde christliche Republikaner in lautes Schweigen – die Hüter der Moral und die Wächter über die unbefleckte Reinheit der amerikanischen Herzen? Weil sie wissen, dass es in diesem Kulturkampf nicht allein um moralische Verfehlungen geht. Es geht um die Wiedergeburt der Nation und die moralfreie Potenz amerikanischer Macht. Trump hat es versprochen: "Der Amerikanische Traum ist tot. Ich werde ihn größer machen als je zuvor."

Amerikas konservativer Machtpol ist fest entschlossen, die Nation von einem – vermeintlich – hysterischen Moralismus zu befreien, von Sprachregelungen und Denkweisen, die das Land in eine Disziplinargesellschaft verwandelt hätten, in ein stickiges, überreguliertes Treibhaus. Das natürliche Verhältnis zwischen den Geschlechtern, die vitale Wirtschaft, die souveräne Politik, einfach alles werde kontrolliert. "Wir leben", klagt Trump, "in sehr beängstigenden Zeiten für junge Männer. Jemand beschuldigt dich, und dein Leben ist vorbei." Gegen den moralischen Despotismus des liberalen Establishments hilft offenbar nur eine Revolution. Und wie jede Revolution beginnt sie mit einer Übertretung, mit dem Bruch einer sittlichen Norm.

Man reibt sich die Augen. Der Jargon von Befreiung und Tabubruch, der bekanntlich bei den Linken zu Hause ist, hat die Seiten gewechselt, denn am Pranger steht eine Identitätspolitik, die zweifellos großen Unfug hervorgebracht hat. In den Augen der Konservativen handelt es sich dabei um eine egozentrische Selbstfindungsideologie, die die Gesellschaft zersplittert und freie Menschen mit spießigen Tabus über korrekte Erotik quält, während sie – so Francis Fukuyama im neuen Spiegel – das Wichtigste vergisst: das nationale Ganze.

Amerikas Konservative, das ist ihr Trick, wenden die These von der sexuellen Unterdrückung gegen ihre Erfinder. Diese These hatte in den Sechziger- und Siebzigerjahren Konjunktur und ging ungefähr so: Bis zum Beginn der Moderne war der Gebrauch der Lüste schamlos natürlich, er war wild, schmutzig und frei. Das änderte sich mit der Erfindung des Kapitalismus. Nun mussten die Körper passgenau für die Produktion abgerichtet und diszipliniert werden, sie wurden zertifiziert, formatiert und reguliert. Was dann noch von der romantischen Liebe übrig blieb, das opferte der Bürger auf dem Altar der Ehe.

Linke Philosophen folgerten daraus: Wer den Sex befreie, der emanzipiere die Gesellschaft, und ausgerechnet der Kapitalismus werde dabei behilflich sein. Für den Philosophen Herbert Marcuse war schon Ende der Sechzigerjahre der revolutionäre Augenblick gekommen. Der Kapitalismus habe Mangel und Lebensnot beseitigt, keinem müssten noch unnötige Entsagungen und Zwänge auferlegt werden. Nun könne die entfremdete Gesellschaft befreit und eine ambivalente Sexualität in Erotik verwandelt werden – in eine Gabe.

Naturgemäß stellen sich die Rechten unter "Befreiung" etwas ganz anderes vor. Zunächst einmal halten sie die Idee der Aufklärung, man könne die Natur humanisieren, für ein Hirngespinst, denn die Natur sei nun einmal grausam, roh und düster, kurz: Sie sei ein dionysischer Urgrund, in dem die Lebensmächte von Lust und Gewalt im Kampf liegen. Nur aus dem Kampf der Lebensmächte, das ist der zweite Gedanke, gehen große Werke, große Kulturen und große Nationen hervor, und das bedeutet im Umkehrschluss: Wer die dunklen Lebensmächte befreit und renaturiert, der befreit die Gesellschaft zur alten Größe. Wer sie dagegen ins Korsett der linken Moral sperrt, wer Starke schwächt und Schwache stärkt, der endet in Mittelmaß und Wahn. Genau das sei Amerika passiert. Die USA waren die Nummer eins, dann kamen die Clintons und Barack Obama.