"Guten Morgen, Herr Schmidt", sage ich, wenn ich mich an den Schreibtisch setze. Sie blicken, aus graublauen Augen, über Ihre Lesebrille und lächeln spöttisch. Über neunzig sind Sie auf der handsignierten Autogrammkarte, die gerahmt neben dem Computer steht.

Sie wurden geboren, als der Erste Weltkrieg endete. Attraktiv sehen Sie aus und vital. Wie machen Sie das, Herr Schmidt, dass Sie so präsent bleiben, auch drei Jahre nach Ihrem Verschwinden aus dieser Welt? Vermutlich waren Sie in der Tat ein Frauenheld, wie jene betonen, die heute die ewige Deutungshoheit über Ihr Leben beanspruchen.

Starke Bilder machten Sie schon zu Lebzeiten unsterblich. Vieltausendfach ausgeleuchtet wurde Ihr Gesicht. Von Kameras fühlten Sie sich verfolgt und suchten doch das Rampenlicht. Sie brauchten die Fotografen, und diese schätzten Ihr Gespür für die Magie des Augenblicks. Auch eine Elblotsenmütze beeinflusst die Karriere. Fotos gehen ins Herz, bleiben eher im Gedächtnis als Worte.

Ich habe Sie vor Augen als Schuljunge, später als Hamburgs Retter in der Not während der Sturmflut. Windzerzaust beim Segeln auf dem Brahmsee. Am Klavier in Langenhorn. Eng umschlungen mit Ihrer Frau Loki am Strand. Mit ernster Miene 1974 bei der Vereidigung zum Bundeskanzler. Unvergesslich die Szene in Peking mit Deng Xiaoping beim Essen mit Stäbchen. Es bleibt Ihr Geheimnis, wie Sie den fotografischen Zufall durch Gestik und Mimik unmerklich steuerten und zugleich Ihre Intimsphäre vollkommen abschirmten.

Am liebsten sind mir die Momente, die ich als Redakteurin mit Ihnen erlebte. Fast täglich arbeiteten Sie in Ihrem Büro im sechsten Stock am Speersort in Hamburg. Das gab mir, in der Etage darunter, ein beruhigendes Gefühl und spornte an. Sie waren der gute Geist der ZEIT-Redaktion. Die Fotografin Vera Tammen, die Sie für Ihre Autogrammkarte porträtierte, formulierte es so: "Helmut Schmidt ließ sich nicht gerne in Szene setzen. Es gab Wichtigeres für ihn. Das mochte ich an ihm. So konnte ich ihn fotografisch beobachten, und er war stets bei sich. Gerne wandte er den Blick in die Ferne über die Dächer der Stadt. Er hatte einen scharfen Geist, einen sanftmütigen Ausdruck in seinen letzten Lebensjahren und eine große Eleganz in seinem Habitus."

Das ist Ihnen jetzt, lieber Herr Schmidt, natürlich viel zu privat. "So ein Quatsch!" höre ich Ihre vertraute Stimme. Sie zünden sich die dritte Zigarette an, angeln mit dem Gehstock nach der Zuckerdose auf dem Tisch und wechseln rasch zur chinesischen Außenpolitik, zum deutschen Exportüberschuss, zur Islamisierung Afrikas, zu Bevölkerungswachstum und Armut. Rasant eilen Sie um den Globus, wie jeden Freitag, in unserer Politikkonferenz.

Die Macht der Bilder war da selten ein Thema. Dank Ihres erstaunlichen Gedächtnisses erinnern Sie sich aber an den 25. August 2000. Marion Gräfin Dönhoff saß, wie gewohnt, neben Ihnen. Auf Seite drei der ZEIT war Wladimir Putin mit einem Fernglas zu sehen. Am Horizont russische Schiffe im Eismeer. Sie mochten das Bild, waren nur entrüstet, dass es eine Fotomontage war. "Lesertäuschung" nannten Sie das und forderten, "Layout-Spielereien" deutlich zu benennen. Seither tragen alle Bilder in der ZEIT brav einen Hinweis, wenn sie verändert wurden.

Schade, dass niemand Sie mehr um Rat fragen kann. Wie schätzen Sie die Lage ein in Nordkorea und im Iran? Endlich eine Frau an der SPD-Spitze, freut Sie das? Und könnten Sie nicht Donald Trump mal die Leviten lesen?

Ich will Ihnen noch berichten, dass ich nun im Schwarzwald lebe, nicht weit von Mülhausen im Elsass, wo 1977 Hanns Martin Schleyer ermordet aufgefunden wurde. Aber Sie wollen von diesen schrecklichen Tagen sicher nichts mehr hören. Anfang 2015, als ich Sie nach der Konferenz zu Ihrem Büro geleitete, meinten Sie leise: "Die Welt ist unübersichtlich geworden. Ich bin ein alter Mann."

Als Journalist solle man um die eigene Befindlichkeit kein Gewese machen, mahnten Sie uns oft. Ich gestehe trotzdem, dass ich Sie vermisse. Hier wabern ab und zu dichte Nebelschwaden über die Berghänge. Dann träume ich, wie Sie auf einer Wolke Schach mit Loki spielen und genüsslich qualmen. Das wäre mein Jahrhundert-Foto.