Wenn Kerstin Claus den Namen des Täters googelt, muss sie nicht lange suchen: Er arbeitet noch immer als evangelischer Pfarrer. Claus ist mit 14 Jahren als Schülerin missbraucht worden. Der Täter war ein Mann, dem sie vertraute: ihr Pfarrer und späterer Religionslehrer an einem evangelischen Internat in Bayern. Mitte der 1980er-Jahre war das. Einige Jahre später zeigte Kerstin Claus den Mann bei der Landeskirche an. Er wurde nicht ernsthaft bestraft. Etwas Geld musste der Pfarrer spenden. Kurz darauf verließ er seine damalige Gemeinde, um seine Karriere innerhalb der evangelischen Kirche anderswo fortzusetzen. "Die bayerische Landeskirche hat bei der Aufarbeitung meines Falls in vielen Punkten versagt", sagt Claus heute. "Sie hat erst nicht aufgeklärt und dann versucht, diesen Fehler zu vertuschen." Die Mutter von zwei Kindern hat lange als Fernsehredakteurin gearbeitet. Sie engagiert sich heute im Betroffenenrat der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, dem wichtigsten deutschen Gremium in der Sache.

Fälle wie der von Kerstin Claus passen nur schwer ins Selbstbild der evangelischen Kirche. Ein Pfarrer als Täter, der am Ende kaum bestraft wird – so etwas kennt man eher aus dem Katholizismus, wo der Klerikalismus angeblich blüht und in Kombination mit zölibatär unterdrückter Sexualität Missbrauch überhaupt erst möglich gemacht haben soll. So ermittelte eine groß angelegte Studie, die Wissenschaftler im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellten und jüngst in Fulda präsentierten, dass es in den letzten 70 Jahren mindestens 1677 Täter gegeben haben soll. Wahrscheinlich jedoch waren es sehr viel mehr.

Während der Katholizismus weltweit von Missbrauchsskandalen erschüttert wird, gerät aus dem Blick: Auch der Protestantismus hat eine Missbrauchs- und Vertuschungsgeschichte aufzuarbeiten, die kaum weniger schockierend ist. Bislang lautet die evangelische Lesart jedoch: Klerikalismus und unterdrückte Sexualität gibt es im Protestantismus nicht, ergo ist er besser gegen Missbrauch geschützt. Ein Trugschluss, meint Kerstin Claus. Auch hier sei die Zahl der Opfer groß, die der Täter auch.

Zudem habe die evangelische Kirche sich das Ausmaß des Missbrauchs in den eigenen Reihen noch gar nicht eingestanden: "Die evangelische Kirche behandelt jeden Fall nach wie vor als Einzelfall." Eine Vernetzung der Betroffenen sei so genauso wenig möglich wie eine systematische Analyse des Problems. In der katholischen Kirche ist man da schon weiter. Dort wurde man durch den Druck der Öffentlichkeit zur Aufarbeitung gezwungen. Eine unabhängige deutschlandweite Studie, wie sie die Deutsche Bischofskonferenz jüngst in Fulda vorlegte, ist in der evangelischen Kirche bislang undenkbar.

Diese Aufklärungslücke ist den Funktionsträgern durchaus bewusst. So erklärte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm kürzlich: "Entsprechend der Struktur der evangelischen Kirche waren die Aufarbeitungsprozesse lokal und regional verortet." Ob man das nun angesichts der Erkenntnisse über den Missbrauch in der katholischen Kirche ändere, müsse diskutiert werden. Gegenüber Christ&Welt verweist ein EKD-Sprecher noch auf die Synode der evangelischen Kirche im November in Würzburg. Dort soll der Umgang mit sexuellem Missbrauch ein Schwerpunktthema sein.

Doch was heißt das? Was genau könnte der Diskussionsprozess ergeben? Fragt man wie Christ&Welt in den Landeskirchen an, ob eine eigene evangelische Studie nötig ist, hört man viel Unentschlossenes bis Abwehrendes: "Eine eigene Erhebung halten wir aktuell nicht für notwendig" (Anhalt); "Es gab keine Veranlassung, eine derartige Studie in Auftrag zu geben" (Bremen); "Derzeit nicht in Planung" (Oldenburg); "Werden darüber beraten" (Kurhessen-Waldeck); "Nicht geplant" (Rheinland); "Wir haben Interesse an einer umfangreicheren Aufarbeitung" (Westfalen).

Dabei zeigt der Fall von Kerstin Claus, dass auch in der evangelischen Kirche das Versagen und die Vertuschung systemisch waren: 2003 kommen bei Kerstin Claus nach der Geburt ihres Kindes die Erinnerungen an den Missbrauch und ihren Peiniger wieder. Sie erkennt, "wie ungeheuerlich es eigentlich war, was der Pfarrer mir angetan hat". Sie zeigt ihren Täter bei der Kirche an. Lange hört sie nichts. Später kommt heraus: Die evangelische Landeskirche in Bayern hat zwar ein Disziplinarverfahren eingeleitet, sie, das Opfer, aber gar nicht erst angehört. Obwohl der Pfarrer teilweise gestanden hatte, war das Verfahren gegen eine Spendenzahlung eingestellt worden. Niemand hatte Claus darüber informiert.

402 Betroffene haben sich bislang gemeldet

2010, als Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg eine monatelange Diskussion über Missbrauch durch katholische Kleriker auslösen, fragt sie bei ihrer Landeskirche nach. Sie zeigt ihren Täter sogar ein zweites Mal an. Den nunmehr zwei Anzeigen zum Trotz bleibt der Pfarrer jedoch im Dienst der evangelischen Kirche. Heute leitet er Kurse für Eltern, die mit ihren Kindern in der Pubertät Probleme haben. Das 2010 wiederaufgenommene Verfahren hatte die Kirche mit der Begründung beendet, dass ein Vergehen lediglich einmal geahndet werden könne. Nur Kontakt zu Kindern und Jugendlichen sollte der Pfarrer nicht mehr haben. In einem Schreiben entschuldigte sich die Landeskirche bei Kerstin Claus. Es habe bei der ersten Anzeige im Jahr 2003 "Verfahrensmängel" gegeben.

Demokratisch, transparent, basisnah – das ist die Kirche ihrem Selbstbild nach. Und nach den Missbrauchsskandalen, die 2010 die katholische Welt erschütterten, haben die Landeskirchen durchaus Präventionskonzepte erarbeitet und vereinzelt Untersuchungskommissionen ins Leben gerufen. Im Fall von Kerstin Claus gab die evangelische Kirche sich jedoch über Jahre verschlossen und unbarmherzig. Das erste Verfahren gegen ihren Peiniger leitete ein Oberkirchenrat, der den Beschuldigten seit Jugendtagen kannte. Ein Unding, glaubt Claus. Jede unabhängige Beurteilung würde durch eine derartige Befangenheit unmöglich gemacht.

Kerstin Claus ist derart empört, dass sie beschließt, ihre Geschichte öffentlich zu machen und sich für andere Missbrauchsopfer zu engagieren. Fortan sitzt sie auf Podien, referiert in den Landeskirchen über Opferschutz und Aufarbeitung und ist immer wieder überrascht, wie wenig selbst hochrangige Funktionäre in der EKD noch heute über das Thema sexueller Missbrauch wissen oder öffentlich dazu sagen wollen. "Die Kirche verwechselt noch immer zu oft Disziplinarverfahren mit Aufarbeitung." Zu selten gehe es in diesen Verfahren um die Betroffenen. Kerstin Claus ist überzeugt: Die Aufarbeitung müssten externe Experten übernehmen. "Dafür brauchen sie Zugang zu allen Archiven."

Wer Missbrauch künftig verhindern will, muss auch einen Überblick über die Fälle der Vergangenheit haben, um so Risikofaktoren und systemische Ursachen zu erkennen – so sehen es Missbrauchsexperten. Fragt man die evangelischen Landeskirchen, von wie vielen Taten sie Kenntnis haben, bekommt man ein statistisches Durcheinander zur Antwort: Jede Landeskirche legt andere Untersuchungszeiträume zugrunde, hat andere Informationsquellen. Manche kennen nur die Taten der unmittelbaren kirchlichen Mitarbeiter, andere geben auch die Diakonie mit an – ein Bereich, in dem es wegen der vielen Kinderheime oft zu Missbrauch kam: Die Hannoversche Kirche weiß von 108 Fällen, die Württemberger von 104, die bayerische Landeskirche von etwa 30, im Rheinland wurde insgesamt gegen 27 Pfarrer ermittelt, in Westfalen sollen es nur zwei Täter gewesen sein. Eine einheitliche Systematik scheint es nicht zu geben. "Es kann nicht sein, dass die evangelische Kirche noch immer keine Gesamtzahlen der Missbrauchsfälle kennt", sagt Kerstin Claus.

Die EKD kennt nur eine Zahl: 402. So viele Betroffene haben sich bislang bei den Missbrauchskommissionen der zehn Landeskirchen, dem Familienministerium und der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gemeldet. Die EKD räumt aber ein, die Zahl sei "nur begrenzt aussagekräftig". Es dürfte wohl deutlich mehr Opfer geben.

Canisius-Kolleg, Kloster Ettal, Aloisiuskolleg – der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ist mit bekannten Tatorten und einer größeren Zahl von Betroffenen verbunden. In der evangelischen Kirche verteilen sich die Missbrauchstatorte übers Land, nicht selten mit einem einzigen Betroffenen. Auch das trägt wohl dazu bei, dass das Thema unterschätzt wird. Doch es gibt auch im Protestantismus Missbrauchsfälle in größerem Umfang. Dazu zählen die Ereignisse in der Nordkirche: Mindestens 14 Pfarrer haben hier über Jahrzehnte Jugendliche sexuell missbraucht. Auf 500 Seiten haben unabhängige Juristen und Missbrauchsexperten die Taten im Auftrag der Landeskirche analysiert und ihre Empfehlungen ausgesprochen. In Umfang und Untersuchungstiefe gilt der Bericht als Ausnahme in der evangelischen Kirche.

Ein Pfarrer nutzte in einer Gemeinde in der Nähe von Hamburg etwa die Jugendarbeit für seine Taten. Er war beliebt bei Jugendlichen, galt als besonders locker, fuhr Kinder zum Musikunterricht und wurde übergriffig auf Jugendfreizeiten. Er schenkte Alkohol an Kinder aus, lud Jugendliche in sein Zelt ein und missbrauchte sie dort. Beim Seelsorgegespräch öffnete er plötzlich seine Hose. Am Anfang, so steht es im Untersuchungsbericht, fühlten sich einige Kinder geschmeichelt, dass sich der Pfarrer ihnen zuwandte. Als es zum Missbrauch kam, erhöhte der Pfarrer den Druck auf seine Opfer: Wer nicht schweigen wollte, wurde bedroht. Wer opponierte, gemobbt.

"Die Kirche hat immer nur so viel zugegeben, wie sie musste"

Für ihren Bericht wird die Nordkirche noch heute von Mitgliedern der Unabhängigen Kommission gelobt. Er zeigt, was man anderswo versäumt. An vielen Stellen enthält der Bericht immer wieder Hinweise auf systemisches Versagen: 1999 etwa, als sich die ersten Opfer meldeten, reagierten die Verantwortlichen in der evangelischen Kirche nicht anders als ihre katholischen Mitbrüder: Es wurde vertuscht. Der Pfarrer wurde versetzt, hatte als Religionslehrer aber weiterhin Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Selbst Jahre später agierten Spitzenvertreter der Kirche in Sachen Aufklärung nicht so diskursfreudig, wie man sich auf Kirchentagen gerne präsentiert: Ein Bischof lamentierte über "üble Nachrede und Vorverurteilungen" in der Medienberichterstattung. Der eingesetzte Krisenstab widmete der Außendarstellung der Institution mindestens so viel Aufmerksamkeit wie dem Kontakt zu den Opfern. Es sei im Krisenstab vor allem darum gegangen, "den öffentlichen Ruf der Kirche zu schützen", schreiben die Studienautoren.

Heiner Keupp sitzt in der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Er ist einer der führenden Missbrauchsexperten in Deutschland. Keupp hat den Fall des katholischen Klosters Ettal aufgearbeitet. Spricht man mit ihm über das Verhalten der evangelischen Kirche, wird er deutlich. Proaktive Aufklärung habe es auch unter den Protestanten nur sehr selten gegeben. "Die evangelische Kirche hat immer nur so viel zugegeben, wie sie gerade musste", sagt der Professor für Sozialpsychologie an der Uni München.

Auch heute noch sei die Zuständigkeit für die Konzepte gegen sexuellen Missbrauch in vielen Landeskirchen eher weiter unten im Organigramm zu finden. "Es ist so gut wie nie Chefsache. Manchmal macht es jemand mit einer halben Stelle. Anderswo betreut dann die Gleichstellungsbeauftragte das Thema irgendwie mit." Auch Jahre nachdem sich nach den Enthüllungen am katholischen Canisius-Kolleg in beiden Kirchen viele Missbrauchsopfer meldeten, sieht Keupp ein Konzepte-Wirrwarr unter den Landeskirchen. "Wegen der dezentralen Organisation der Kirche gibt es keine verbindlichen Leitlinien für den Umgang mit einem bekannt werdenden Fall sexuellen Missbrauchs. Jeder macht es anders." So gebe es noch immer keine von der EKD finanzierte unabhängige Zentralstelle, an die sich Missbrauchsopfer wenden können. "Es ist falsch, dass das Angestellte der Kirche selbst übernehmen, mit all ihren Loyalitätskonflikten."

Dass man trotz aller umfangreichen Präventionsprogramme und Leitlinien gerade bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch noch diverse Defizite aufarbeiten muss, haben inzwischen auch leitende Protestanten erkannt. Sie ahnen wohl, dass ihre Kirche nicht auf alle Zeit im Schatten der Katholiken in Ruhe gelassen wird. So verbreitete die EKD im September, die katholische Studie war gerade veröffentlicht, ein Papier unter Journalisten. Das Thema: ein neuer Sechspunkteplan aller Landeskirchen. Die wesentlichen Aspekte: Opfer sollen sich bald an eine zentrale externe Stelle wenden können, die den Fall dann weiter betreut. Erstmals will die EKD die deutschlandweite Größenordnung des Problems erfassen und eine zentrale Fallstatistik einführen. Ein Rat mit Beauftragten, der vor allem aus Bischöfen besetzt wird, soll die Aufarbeitung des Themas betreuen und es ganz oben in der Hierarchie ansiedeln.

"Das ist immer noch recht dünn", sagt dazu jemand, der sich in vielen Gremien mit sexuellem Missbrauch befasst. Eine Fallstatistik ersetze keine Studie, die zumindest an die Tragweite der katholischen Erhebung heranreiche und systematisch Akten auswerte. Auch der protestantische Weg, die Verantwortung zu teilen und statt einem Ansprechpartner derer gleich fünf zu benennen, diene nicht gerade der Transparenz und Effizienz. Dass sich Vertrauen vor allem über eine vertrauenswürdige Person verkörpern lässt, ist ja für Kirchen keine neue Erkenntnis: Wer aber ist der Kopf der EKD in Talkshows oder auf Podien, wenn es um das Thema Missbrauch geht? Wer verkörpert die Gesamtverantwortung für das Thema? Betroffene und Missbrauchsexperten jedenfalls haben immer wieder einen prominenten Missbrauchsexperten für die gesamte EKD gefordert. Die katholische Kirche hat den Trierer Bischof Stephan Ackermann, der das Thema für sie betreut.

Die Zeiten, in denen die evangelische Kirche nur selten bundesweiten öffentlichen Aufklärungsdruck zu spüren bekam, nähern sich ihrem Ende. "Die katholische Studie ist eine Zäsur für beide Kirchen", sagt der Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Johannes-Wilhelm Rörig. Er will die Aufklärung nicht allein den Kirchen überlassen, sondern einheitliche Standards einführen. "Mir geht es besonders um die Aufarbeitung von Fällen, die verjährt sind, bei denen also keine Staatsanwaltschaft mehr ermittelt", sagte er Christ&Welt. Rörig hat Gespräche mit den Kirchen begonnen. "Am Ende könnte zum Beispiel in einem Staats-Kirchen-Vertrag für diese Fälle garantiert werden, dass Betroffene und unabhängige Experten Akteneinsicht erhalten." Die Kirchen würden damit ihre Deutungshoheit bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen verlieren – ein weitreichender Schritt.

Kerstin Claus hat sich schon ganz persönlich entschieden: In ihrem alten Beruf als Fernsehjournalistin arbeitet sie nicht mehr. Sie will künftig ihre ganze Zeit und Energie dafür aufwenden, gegen sexuellen Missbrauch und für eine bessere Aufarbeitung zu kämpfen.