Der entscheidende Satz fällt ungefähr in der Mitte des Films. "Wir sind doch kein Bücherlager", erklärt ein Bibliotheksmitarbeiter fast ein wenig entrüstet, "wir sind viel mehr." Genauso gut könnte der Angestellte einer Tankstelle, in der sich morgens um fünf schlaflose Rentner, überfeierte Nachteulen und müde Prostituierte versammeln, über seinen Arbeitsplatz sagen: Entschuldigung, wir versorgen hier doch nicht nur Fahrzeuge mit Benzin. Dieser Ort ist viel mehr.

Um das "mehr" geht es in dem knapp dreieinhalbstündigen Dokumentarfilm Ex Libris – Die Public Library von New York des 88-jährigen Frederick Wiseman. Er fasst eine Institution ins Auge, die mit 51 Millionen Medien und 92 Zweigstellen zu den größten und technisch modernsten Bibliotheken der Welt zählt. Aber er betrachtet sie nicht in ihrer Funktion als Sammel- und Ausleihstätte. Er betrachtet sie – was ungleich faszinierender, unterhaltsamer und lehrreicher ist – als sozialen Organismus.

Nach dreieinhalb Filmstunden hat man dreißigmal mehr Gesichter als Bücher gesehen. Man hat einem Feuerwehrmann zugehört, der sich in einer Bibliotheksfiliale den Mund fusselig redet, um Arbeitslosen die Jobs bei der New Yorker Feuerwehr schmackhaft zu machen. Man hat Patti Smith gelauscht, die mit ihren langen weißen Indianerhaaren auf der Bühne sitzt und berichtet, von Autobiografien eigentlich nichts zu halten, nun aber doch eine geschrieben zu haben. Man hat erlebt, wie Migrantenkinder Sprachunterricht erhalten.

Und man war Zeuge von Sitzungen des siebenköpfigen Leitungsgremiums der Public Library. Seit 2011 ist Anthony W. Marx ihr Präsident. Ein Thema regt ihn besonders auf: Drei Millionen New Yorker lebten in "digital darkness", hätten keinen privaten Internetanschluss. Die Bibliothek verleiht Router, die Nachfrage ist riesig, aber die Anmeldefristen sind lang, "fast ein halbes Jahr, das geht nicht". In einer anderen Sitzung klopft er mit den Fingerknöcheln ungeduldig auf die Tischplatte. "Wir müssen über die Obdachlosen reden." Sie dürfen sich in der Bibliothek aufhalten. Sollen sie da auch schlafen dürfen?

Natürlich kommt das Exemplar der Gutenberg-Bibel ins Bild, das zu den historischen Schätzen der Public Library zählt. Für ein paar Sekunden ist es, auf einer Vitrine liegend, zu sehen. Einen Ehrenplatz räumt ihm der Film nicht ein. In der darauffolgenden Szene stellt ein Archivar einer Besuchergruppe das ausgetüftelte System vor, nach dem er die Sammlung der Hundefotografien sortiert. Tausende Hundefotos. Mit vergnügtem Stolz hält er eine Mappe aus grauem Karton in die Höhe: "Hier drin befindet sich das Motiv 'Hunde in Bewegung'." In einem Auktionshaus hätte die Mappe neben der Gutenberg-Bibel nichts zu suchen. Bei Frederick Wiseman stehen sie gleichberechtigt nebeneinander.

Natürlich ist dieser Dokumentarfilm von seinem Wesen her eine Hommage: aber eine an die Symbiose von Bildung und brummendem Leben. An das vitale Verhältnis einer Tankstelle des Geistes zum Gemeinwesen einer Metropole. Immer wieder begibt sich die Kamera aus den Lesesälen, Archiven und Büros ins Freie, in den urbanen Außenraum, schwenkt über die Skyline von Manhattan, streift die benachbarten Straßenzüge entlang oder schaut den Leuten zu, die auf dem Rasen vor dem Bibliotheksgebäude in der Sonne liegen, dösen, knutschen, picknicken oder halt lesen.

Auch wenn die Bücher optisch weniger in Erscheinung treten als die Menschen – ihre Bedeutung ist in jedem Moment spürbar. Sie sind nicht weniger als der Kraftstoff, der den Organismus aus Feuerwehrmann, Hundefotoarchivar und Patti Smith, aus Mäzenen der New Yorker Upper Class und afroamerikanischen Communitys der Harlemer Zweigstellen in Bewegung hält. Gegen diese glanzvolle Huldigung des Kulturguts namens Buch fällt jede noch so gut gemeinte von Börsenvereinen oder Bildungsministerien ersonnene Lese-Kampagne als pädagogisch öde Notwehrstrategie ab.

Anthony W. Marx hat nicht nur die Digitalisierung des gesamten Bestands und die Einrichtung von PCs vorangetrieben, die den Besuchern kostenfrei zur Verfügung stehen. Er hat auch die soziale Idee der Public Library, ihr Wesen als Volkshochschule und Gemeinderaum, kurzum: als Ort gelebter Demokratie, intensiviert. Diese Idee aber gehört von Beginn an zur ethischen DNA der Bibliothek, deren monumentales Hauptgebäude an der Fifth Avenue im Jahr 1911 eröffnet wurde. Jeder New Yorker, so wünschten es die Begründer, sollte zu Fuß eine Zweigstelle erreichen können. Und so verlässt man das Kino mit einem simplen und glücklichen Gedanken, den man seit einiger Zeit nicht mehr gedacht hat. Amerika kann schon verdammt groß sein.