Susanne Saygin hat erlebt, was die meisten nur als Horrormeldung aus TV-Reportagen kennen. Um 2001 wurde ihr Nachbarhaus in Köln-Ehrenfeld von 250 Migranten aus Bulgarien bezogen, obwohl dort nur Platz für 80 Menschen war. Ihre Sympathie mit den Menschen brach angesichts der chaotischen Verhältnisse schnell in sich zusammen. Ein älterer Nachbar von ihr fürchtete damals um sein Leben: "Hier kommen wir nur noch mit den Füßen voran und in der Kiste raus."

Dieser Satz steht jetzt in Susanne Saygins fulminantem Kriminalroman Feinde. Statt vor der Unlösbarkeit der Probleme zu resignieren, recherchierte sie fünf Jahre und packte die Ergebnisse in einen Thriller. Um "möglichst viele Leser zu erreichen", wie sie sagt. Der gefährlich guten Absicht zum Trotz ist ihr Debüt Feinde tatsächlich mitreißend geschrieben, der didaktische Zeigefinger ist abgefallen.

In bester Tatort-Manier werden die Kriminalkommissare von dem Kollegen, der zuerst am Fundort zweier Leichen war, aufgeklärt: "Zwei Zigo-Stricher. Nasenlöcher zugeklebt, in 69er-Stellung gebracht, Schwanz und Eier ins Maul, dann das Ganze mit Spanngurten fixiert. Na, was glaubst du, was die gemacht haben?" Doch es ging nicht um Sex, die beiden Toten gehörten zu einer Gruppe von "Arbeitsstrichern", Tagelöhnern aus Stolipinovo, der größten Roma-Siedlung auf dem Balkan. Mit der Osterweiterung der EU waren sie nach Köln gekommen, wo sie auf dem Bau arbeiteten.

Der türkischstämmige Hauptkommissar Can Arat könnte sich mit den Kollegen der Toten verständigen, wenn sie denn den Mund aufmachten. Aber die haben Angst um ihren Hungerlohn, eingeschüchtert von einer paramilitärischen "Stadionwacht". Arat gelingt es, einen jugendlichen Zeugen aufzutreiben, der die Bauunternehmen und die Leute kennt, die den Arbeitsstrich organisieren. Bevor der Analphabet aussagen kann, landet er jedoch unter einer U-Bahn. Arats Chefin Simone wird erpresst, der Kölsche Klüngel wehrt sich gegen die Bedrohung seiner Geschäfte. Jeder Erkenntnisfortschritt erhöht das Risiko für die Ermittler. Arat lässt sich krankschreiben, stützt sich auf alternative Netzwerke, reist nach Stolipinovo, erfährt die krasse Not der Arbeitssklaven und Zwangsprostituierten, gerät am Ende in Lebensgefahr. Saygin erzählt mit kompromissloser Härte, sie hat sich das alles in Bulgarien angesehen. Einen Ausweg aus dem Elend, eine Lösung? Gibt es nicht. Stattdessen erfindet Saygin eine märchenhafte Rettung für zwei. Das macht die Realität umso bitterer. So sind die Krimis, die unter die Haut gehen.

Susanne Saygin: Feinde. Heyne Hardcore, München 2018; 352 S., 12,90 €, als E-Book 9,99 €