In seinem neuen Sachbuch The Fifth Risk beschreibt der Journalist Michael Lewis den Moment, in dem Donald Trump erfährt, dass er die Präsidentschaftswahl gewonnen hat, folgendermaßen: "Trump starrte wortlos auf den Bildschirm, wie ein Mann, der beim Poker bloß einen Zwilling auf der Hand hat und dessen Bluff gerade aufgeflogen ist." Zu keinem Zeitpunkt während des Wahlkampfes nämlich, schreibt Lewis, hätte Trump wirklich geglaubt, dass er die Wahl gewinnen würde. Und nun sitzt er geschockt da, während im Hintergrund der neue Vizepräsident Mike Pence aufsteht und versucht, seiner Frau einen Kuss aufzudrücken. Die aber wendet sich ab: "Jetzt hast du, was du wolltest! Nun lass mich bitte in Ruhe."

Ich glaube, man sollte solche Szenen im Hinterkopf haben, bevor man sich Gedanken macht über dieses große Fernsehinterview mit Melania Trump, das sie dem Sender ABC gegeben hat. Weil die First Lady, die in der Aufnahme vor irgendeinem Wasserloch in der kenianischen Savanne sitzt, darin erklärt: "Ich halte mich für das größte Opfer von bullying auf der Welt."

Ich stelle mir vor, wie Melania vor und nach dem Gespräch ratlos auf diese Tiertränke irgendwo in Afrika gestarrt hat und dabei noch einmal vergeblich zu rekonstruieren versuchte, wie zum Teufel sie eigentlich aus ihrem heimischen Novo Mesto, Slowenien, an diesen Ort geriet, um Interviews zu geben und Staatsbesuche zu absolvieren, weil ihr Mann nicht selbst nach Afrika will.

Ihr wird vielleicht jener Abend in New York 1998 durch den Kopf gegangen sein, an dem sie dem damaligen Geschäftsmann Donald Trump erstmals begegnete. Trump war mit einem Date im selben Restaurant wie Melania, sah sie dort, schickte – ich weiß nicht, wie das geht, aber so soll es gewesen sein – sein Date auf die Damentoilette und fragte Melania dann schnell nach ihrer Nummer. Melania wusste, dass Trump ein sogenannter ladies’ man war, und erlaubte ihm lediglich, ihr seine Nummer zu geben, woraufhin Trump ihr all seine Nummern gab – Office, Wohnung, Handy und so weiter.

Sie wird ihn dann wohl irgendwann angerufen haben, hatte also die Wahl. Insofern ist mein Mitleid mit Melania nicht grenzenlos, aber groß und echt. Kein Mensch ist Herr seines Schicksals, Frauen in dieser Welt sind es grosso modo noch weniger. Unterdessen glaube ich ihr und stelle mir ihr Dasein schwer vor. Keine Ahnung, wie es bei ihr zu Hause ist, nichts von dem, was ich über Melanias Ehemann höre, lässt hoffen, dass er ein aufmerksamer Partner wäre. Im Gegenteil steht zu befürchten, dass das bullying, Schikane und Mobbing, eben schon zu Hause anfängt.

Es ist unglücklich, dass dieser Typ, den sie damals heiratete – vielleicht nicht nur aus Liebe, sondern auch aus dem Gedanken heraus, dass es für sie, ein nur leidlich erfolgreiches Model, hernach materiell leichter würde im Haifischbecken New York, honi soit qui mal y pense –, dass dieser Typ also wirklich Präsident wurde und Melania in eine Rolle geriet, die sie selbst so wenig gesucht hatte wie Mrs. Pence jene als Madam Vice President. Wenn man, wie Melania, einen Mann heiratet, dessen Reichtum an Geld seine Armut an Charme kaum wettmacht, dann doch wahrscheinlich in der Überzeugung, dass man wenigstens seine liebe Ruhe haben wird.

Stattdessen wird der Windbeutel Präsident und sie auf die große Bühne geschleudert. Ein groteskes Schicksal, in dem sie, weitestgehend unschuldig, nicht bloß überfordert Politik machen soll, sondern auch mitkriegen muss, wie kübelweise der leidlich versteckte Unrat des Ehemanns ausgegraben wird. Und sie selbst wird dann auch noch ständig mit jenem Hass überschüttet, den ihr Gatte und dessen scheußliche Gang bei vielen Menschen hervorrufen.

Say a prayer for Melania, ich meine das ernst. Sie ist eine Art negative Ikone, in der sich die Brutalität mancher Männer und die Hilflosigkeit und forcierte Blindheit von deren Frauen kristallisiert. Melanias Existenz ist durch das Dasein ihres Mannes definiert, das mag das Schicksal aller First Ladys sein. Gleichzeitig wird bei ihr aber klar, wie überkommen dieses, bestimmt von einem Mann erdachte, Amt ist. Und dann soll es auch noch von allen Frauenleben, ladies’ lives, die beste Version sein. Vorbild, Traum für alle Frauen.