Ein Bad im Licht

Nach einem Tag mit Westwind, der mir die Nordsee um die Beine spritzt und den Sommerschal von den Schultern weht, lasse ich mich aufs Bett fallen, noch Sand zwischen den Zehen.

Das Zimmer sperrt den Wind aus, sein Sausen und Zausen. Aber die Insel ist noch um mich. Die Farbe des Meeres erkenne ich im matten Grün der Wände, das Bett ist wolkenweiß, der Teppich erinnert in seinem Hell- und Dunkelgrau an die Schattierungen des Sandes am Strand. Na ja: fast.

Über dem Bett wird das Foto eines einsamen Wattwanderers gerade von der Abendsonne beschienen. Überhaupt das Licht auf der Insel: Es streift die reetgedeckten Friesenhäuser und lässt die Pferderücken auf den Wiesen glänzen. Die 15 Minuten Fahrt von der Inselstadt Wyk im Osten nach Utersum ganz im Westen waren ein Bad im Licht, und obwohl das Hotel Waastwinj nicht direkt am Strand liegt, sondern ein paar Hundert Meter vor dem Deich, spüre ich auch hier die Weite von Föhr, das rundlich im nordfriesischen Wattenmeer liegt.

Mein Zimmer hat eine kleine Terrasse, der Haupteingang des Hotels liegt um die Ecke. Ebenso das Restaurant Hennigs, benannt nach dem Hotelier Roluf Hennig. Der ist hier aufgewachsen, als das Haus noch von seinen Eltern geführt wurde und Hotel Post hieß. In diesem Jahr hat er es zusammen mit seiner Frau Ellin komplett erneuert. Die Klinkerfassade ist geblieben, die Zimmer und das Restaurant wurden renoviert.

Das Hotelrestaurant ist altbekannt im Ort, aber neu eingerichtet. © Hotel Waastwinj

Roluf Hennig und seine Frau sind Föhringer, die sich von den Föhrern insofern unterscheiden, als sie auf Föhr geboren sind – und geblieben. Viele Föhringer haben im vergangenen Jahrhundert die Insel verlassen, zu karg war das Leben, bevor Touristen kamen. Auch drei Tanten von Ellin Hennig sind in den Sechzigern nach New York ausgewandert, per Schiff, dem Westwind entgegen. Daher der friesische Name: Waastwinj. Daher auch die Idee, den Hotelflur als Schiffsbauch zu stilisieren: mit Bullaugen und Fotografien von Tauen und Tampen.

Wenn er nicht gerade an der Rezeption sitzt, trifft man Roluf Hennig im Restaurant. Hier weist er einem den passenden Platz zu: mal zum Frühstück mit frischem Matjes und Föhrer Käse die Bank unter der großen Uhr; mal zum Abendessen mit Haxe vom Husumer Lamm das Separée. Von fast jedem Platz sieht man hinaus über die Felder. Am Abend sind alle Tische belegt, nicht nur Hotelgäste kommen. Für die knapp 500 Einwohner von Utersum war das Restaurant schon immer Treffpunkt. Es war ein Politikum, als Hennig das Hotel, das er geerbt hatte, an einen Investor verkaufte, um es neu aufstellen zu können. Er pachtet es nun. "Investor" klang bedrohlich, nach viel Geld und wenig Herz. Die Utersumer hatten Sorge, Hotel und Restaurant würden zu teuer werden, zu Sylt. Föhr wirkt bodenständiger als die Nachbarinsel. Auf Sylt, erzählt man sich hier, könnten die Einheimischen die Mieten nicht mehr bezahlen und müssten inzwischen auf dem Festland wohnen, um jeden Morgen zur Arbeit auf die Insel zu pendeln.

Aber die Sorge war unbegründet. Ellin und Roluf Hennig wollten keinen "Sylter Schnickschnack", wie er es nennt. Sondern ein Hotel, das sich so anfühlt, wie sie selber sind. Hennig sucht eine Weile nach dem treffenden Ausdruck. "Wir sind ja einfache Leute", sagt er. Und so sollte das Hotel sein: "Einfach, ja, und toll."

In der Rezeption hängt eine wandfüllende Luftaufnahme des Dorfs Utersum, von hinten beleuchtet wie ein überdimensionales Dia. Roluf Hennig kann auf dem Foto den Weg zum Fahrradverleih zeigen oder den zum Meer. Der kürzeste Weg führt allerdings raus auf den Hof: Da steht ein Schäferwagen, zur Sauna umgebaut. Man sagt Hennig Bescheid, und ein wenig später sieht man aus den Wagenfenstern die Wolken vorbeieilen, schwitzt und tritt danach im Handtuch aufs frische Gras und an die Luft, die nach dem aufgeheizten Holzgeruch noch salziger riecht, nach Wacholder und Rosen.

Danach schlägt Roluf Hennig vor, ich solle mich doch noch mal in den Wind stellen, für den Sonnenuntergang von Utersum: Ich gehe also die Landstraße entlang, vorbei an der Wiese, über der im Wind zwei Drachen knattern, vorbei am Spielplatz und am Denkmal für Hans Rosenthal, der immer wieder in Utersum urlaubte und an dessen herzliche, höfliche Art Hennig sich gut erinnert. Am Strand setze ich mich auf die Treppe des Rettungsturms. Im Nordwesten zeichnet sich der Schattenriss von Sylt ab, im Süden sind die Ausläufer von Amrum zu erkennen. In der Mitte, direkt vor mir, steht die Sonne zwei Finger breit über dem Horizont und taucht die Insel in Farben, die mir bisher im Hotel nicht begegnet sind: Rot und Gold.

Jaardenhuug 2, 25938 Utersum, Tel. 04683/96 33 30, waastwinj.de. DZ ab 119 €