Die meisten Volksbegehren enden wie die "Don't smoke"-Kampagne: auf dem Abstellgleis. © Alexej Schurkin für DIE ZEIT

Mit Häme sollte die blaue Panik übertüncht werden. Es haben 881.569 Österreicher das Volksbegehren Don’t smoke unterschrieben. Doch seit Montag vergangener Woche betont die FPÖ unentwegt, dass es nun mal leider nicht 900.000 waren. So viele also, wie es ab dem Jahr 2022 braucht, damit eine verbindliche Volksabstimmung stattfinden muss. So steht es im Regierungsprogramm der schwarz-blauen Koalition.

Knapp daneben sei eben auch vorbei, lautet der Tenor. Der bemühte Sarkasmus hat einen Grund: Die FPÖ wurde mit ihren eigenen Waffen geschlagen.

Keine Partei verlangte, als sie in der Opposition war, derart lautstark nach mehr direkter Demokratie. Und jetzt? Jetzt müssen sich die Freiheitlichen winden und drehen, um aus dieser Nummer wieder herauszukommen. Das heißt: Erklären, warum direkte Demokratie zwar eine gute Sache sei, nur jetzt leider nicht zur Anwendung kommen könne. Dass das Rauchverbot in der Gastronomie nicht eingeführt wird, war nämlich eine unverhandelbare Bedingung der FPÖ in den Koalitionsgesprächen.

Doch das Problem der Blauen mit der direkten Demokratie reicht weit über ein Wahlversprechen hinaus. Die Partei hat die Idee, mehr Macht dem Volk zu übertragen, gehörig missverstanden.

Direkte Demokratie lässt sich nicht nebenbei einführen wie die Erhöhung der Maximalgeschwindigkeit auf der Autobahn. Oder anders: Wer behauptet, man könne dieses Instrument der demokratischen Mitbestimmung mir nichts dir nichts implementieren, der ist unehrlich. Wer verlangt, in Österreich eine direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild zu installieren, und nicht mehr anzubieten hat als Volksbegehren, die zu einer verpflichtenden Volksabstimmung führen, der greift zu kurz. Kurzum: Der möchte nichts anderes, als komplexe ProBleme zu banalen Ja/Nein-Lösungen reduzieren.

Und dies erst noch so, dass lediglich große Interessenverbände ihre Anliegen durchbringen könnten, Minderheiten hingegen kaum. Allzu hoch ist die Hürde von 900.000 Unterschriften in einem Land mit 8,8 Millionen Einwohnern.

Wer es ernst meint mit der direkten Demokratie, der muss erkennen, dass das Vorhaben kompliziert und spannend, aber ebenso aufreibend und nicht zuletzt riskant wäre: Mehr Mitsprache des Volkes würde die Republik radikal umpflügen.

Das musste auch die Schweiz erfahren, die hierzulande immerfort als Musterbeispiel für ein Land herhalten muss, in dem das Volk noch gehört wird und mitbestimmen kann. FPÖ-Politiker werden nicht müde, dieses Vorbild zu bemühen, wenn sie ihrem Wunsch nach mehr Mitbestimmung Nachdruck verleihen wollen.

Aber die direkte Demokratie wurde in der Schweiz nicht von heute auf morgen eingeführt. Sie ist ein Kind des 19. Jahrhunderts, dem ein erbitterter Streit vorausging. Jahrzehntelang debattierten Rechtsgelehrte und Politiker über den Ausbau der Volksrechte.

Im jungen Staat, die moderne Schweiz wurde erst 1848 gegründet, mussten sich Kantone mit Landsgemeinden, Bürgerversammlungen unter freiem Himmel, Kantone mit reinen Parlamentssystemen und solche mit ausgebauten Volksrechten zusammenraufen. Zunächst einigten sie sich auf ein repräsentatives System.

Erst nach zwei Jahrzehnten drehte der Wind, denn nun bekämpfte die neue demokratische Bewegung das liberale Establishment. Referenden und Initiativen galten fortan als eine "logische" und "natürliche" Folge, eine notwendige Korrektur der alten Macht, und sie wurden gleichzeitig zu einem Blockadeinstrument der Konservativen gegen die liberalen Freisinnigen. Von den Gegnern hieß es schon damals, nicht ganz zu Unrecht: Mit zu starken Volksrechten drohe "eine stete Durchkreuzung des Wirkens der Wissenden und Verstehenden durch die Nichtwissenden und Nichtverstehenden" und damit die "Hemmung allen Fortschrittes".

Und heute? Das Initiativrecht wird weidlich genutzt, die Eidgenossen wachsen mit direkter Demokratie auf, Abstimmungen und die dazugehörigen Diskussionen sind Alltag. Und zwar auf allen politischen Ebenen: in Gemeinden, Kantonen und Bund.

Der Preis dafür: In der Schweiz geht vieles langsam voran, im Guten wie im Schlechten. Bekanntestes Beispiel ist das Frauenwahlrecht. Es wurde erst in den 1970er-Jahren eingeführt; und die letzten Reste davon vor nicht einmal 30 Jahren. Eine Regierung wie die von Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache, die jede Woche ein neues Projekt lanciert, sie wäre bei den Eidgenossen undenkbar. Das System wäre mit dem speed kills-Tempo überfordert.