So wird sie gern erzählt, die Geschichte von den Anfängen der Demokratie: als eine Chronik von Revolution und Gewalt, Unten gegen Oben, Gut gegen Böse sowieso, als ein Weg vom Dunkel ins Licht, voller Abenteuer, Blut und Tränen.

Doch nicht nur die Politikwissenschaft kann diese Darstellung nicht bestätigen. Sei es in Lateinamerika oder während des Arabischen Frühlings: Wenn die reformerischen Kräfte mit ihren zeitraubenden Vorschlägen ins Hintertreffen geraten, endet revolutionärer Aufruhr häufig in neuer Autokratie. Auch historisch betrachtet erscheint die Rolle von Revolutionen ambivalent.

Gewiss, die Französische Revolution zerrüttete die alte Welt und drängte Europa in eine neue Zukunft. Andererseits hemmten ihre grausamen Exzesse über Jahrzehnte hinweg die Demokratisierung, weil sie als Mahnung zur Ruhe und als Argument für Königstreue dienten. Nicht zuletzt in Frankreich hielten die Herrschenden dem Volk die Revolutionsgewalt als abschreckendes Exempel vor, sei es während der Restauration von 1815 bis 1830 oder unter Napoleon III.

Ähnlich war es 1848: Die Barrikadenkämpfe bereiteten vielen Neuerungen den Weg. Zugleich aber verdanken sich die demokratischen Entwicklungen zu einem nicht geringen Teil den liberalen Reformern, die sich gegen Gewalt aussprachen, während die Ausschreitungen zur Bestärkung reaktionärer Ordnungsvorstellungen dienten.

Wer den Blick auf Revolutionen verengt, übersieht zudem die treibende Kraft der Regierenden und der gebildeten Eliten. Häufig ergriffen sie die Initiative für mehr Volksbeteiligung. Dem gegenüber steht immer wieder ein bemerkenswertes Desinteresse des Wahlvolks. Egal ob in den deutschen Ländern, in den USA oder in Frankreich: Vielfach ging in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten zur Stimmabgabe.

Nicht zuletzt trägt die Überbetonung revolutionärer Entwicklungen zur Unterbelichtung von Frauen in der Demokratiegeschichte bei. Darauf verwies erst jüngst die amerikanische Politologin Dawn Teele in einer international vergleichenden Studie zum Frauenwahlrecht. Natürlich haben in den meisten Revolutionen auch Frauen gekämpft. 1848 vermittelte Emma Herwegh zwischen den Revolutionären, und Amalie Struve versuchte mit ihrem Mann, im südwestdeutschen Lörrach eine Republik zu errichten. Alles in allem aber waren Revolutionen Männersache.

Dass die Geschichte des Frauenwahlrechts bisher wenig Beachtung gefunden hat, ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich. In Deutschland zumal, wo man sich bis heute scheut, die reiche Geschichte der demokratischen Entwicklungen und Traditionen zu erzählen. Insbesondere die Aufbrüche im Kaiserreich geraten selten in den Blick, so übermächtig ist nach wie vor die Beschwörung des Untertanengeists und der autoritären Tradition.

Weithin gilt deshalb die Annahme der Sozialistin Clara Zetkin als gesetzt, das Frauenwahlrecht sei ein "Geschenk" der Novemberrevolution gewesen, das die neue Reichsregierung am 30. November 1918 in Gesetzesform goss. Viel zitiert wird auch die Rede der Sozialistin Marie Juchacz vom 19. Februar 1919 in der Weimarer Nationalversammlung – die erste Rede einer Frau im deutschen Parlament: "Ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat."

Wer nicht an die Revolution als vornehmste Ursache glauben mag, hält sich häufig an den Krieg: Das Frauenwahlrecht sei nichts anderes gewesen als eine Belohnung für die patriotischen Dienste der Frauen an der "Heimatfront".