Ihre vier Ziele hat die Partei der Freien Wähler (FW) in Bayern erreicht: Sie konnte die Alleinherrschaft der CSU brechen, erreichte mit 11,6 Prozent ein zweistelliges Ergebnis und liegt damit vor der AfD. Und sie wird aller Voraussicht nach die nächsten fünf Jahre in Bayern mitregieren – in einer bürgerlich-konservativen Koalition mit der nicht mehr ganz so mächtigen CSU. Aber können die das überhaupt: regieren?

Auch wenn sich CSU und FW bislang nicht sonderlich leiden konnten, sind sie natürliche Bündnispartner. Es gibt kaum inhaltliche Differenzen, die Freien Wähler plädieren ebenso für eine Stärkung der Heimat, der Familien, der ländlichen Regionen. Sie sind Fleisch vom Fleische der Christlich-Sozialen Union.

Wie viele lokale, nicht parteigebundene Gruppen in anderen Bundesländern gehörten auch die bayerischen Freien Wähler Ende der Siebzigerjahre zum Verband kommunaler Wählergemeinschaften. Der wollte die etablierten Parteien herausfordern und stellte deshalb in der Kommunalpolitik eigene Kandidaten und Wahllisten auf. Doch Bayerns Freie Wähler wollten mehr.

1997 gründeten sie eine Partei und zogen 2008 in den Landtag ein. Auf Anhieb gewannen sie über zehn Prozent und trugen schon damals dazu bei, die absolute Mehrheit der CSU zu brechen. Die entschied sich allerdings für eine Koalition mit der FDP – in der Hoffnung, die FW würden sich schnell zerreiben und wieder verschwinden. Ein Trugschluss, denn die Freien Wähler sind mittlerweile tief verwurzelt in der bayerischen Lokalpolitik.

Dort, in den ländlichen Kommunen, haben sie reichlich Regierungserfahrung gesammelt. Die FW stellt zurzeit zehn Landräte, Hunderte Bürgermeister und einige Tausend Gemeinderäte. Etliche Mandatsträger haben schon früher in der Politik mitgemischt – damals noch mit einem CSU-Parteibuch. In weiten Teilen sind die Freien Wähler eine Abspaltung der CSU, entstanden aus Protest gegen die wachsende Selbstherrlichkeit der seit Jahrzehnten meist allein regierenden Christsozialen.

Die FW begreift sich in erster Linie als Sprachrohr ländlicher Interessen. Ihre Wähler sind bodenständig, konservativ und laut Umfragen eher männlich und überwiegend mittleren Alters. Der FW-Vorsitzende Hubert Aiwanger, ein Landwirt aus Niederbayern, nennt die Freien Wähler eine "Macher- und Vor-Ort-Partei". Mal kämpft sie gegen eine Stromtrasse durchs Ackerland, mal gegen einen neuen Nationalpark, mal für, mal gegen die Ansiedelung eines Industriebetriebs, je nach Stimmung in der betroffenen Region. Die FW ist gegen eine dritte Startbahn für den Münchner Flughafen und für kostenfreie Kita-Plätze anstatt des Familiengeldes, das der CSU so wichtig ist.

Bei der Landtagswahl erhielt die FW Stimmen von fast allen Parteien, die meisten von CSU-Wählern – 160.000. Abgeben musste sie 60.000 Stimmen an die AfD. Das war wohl die Antwort auf ihren Schwenk zur politischen Mitte in der Flüchtlingspolitik. Eine Weile klang Aiwanger fast wie ein AfDler, als er Kanzlerin Merkel als "Totengräberin der inneren Sicherheit" beschimpfte. Doch etliche Bürgermeister der Freien Wähler verlangten Mäßigung. Ihnen saßen daheim ihre Bäcker und Klempner im Nacken, die Flüchtlinge dringend als Azubis und Fachkräfte brauchen. Aiwanger drehte bei, ganz nach seiner Devise: "Wir machen, was die vor Ort sagen." Wendig sind die Freien Wähler allemal – auch das keine schlechte Voraussetzung, um zu regieren.