Helmut Schmidt gehörte noch knapp jenen Jahrgängen an, die, wie es in der nationalistisch aufgeheizten Atmosphäre der Weimarer Republik hieß, im Krieg geboren wurden für den nächsten Krieg. Angesichts der verlorenen Jahre und der Verheerungen an Leib und Seele hätte diese Generation mit Fug und Recht als "zornige Generation" auftreten können. Doch die Untaten des NS-Regimes und seiner Institutionen – zu denen auch große Teile der Wehrmacht gehörten – erstickten jeden Zornesschrei. Wie die meisten Deutschen begriff auch Helmut Schmidt erst nach 1945, dass es sich nicht um Grausamkeiten handelte, wie es sie in jedem Krieg gibt, sondern um vorsätzliche Verbrechen: um einen gezielten rassistischen Vernichtungskrieg und die systematische Ausrottung aller Juden, deren das Regime und seine Helfer in Europa habhaft werden konnten.

Diese Erkenntnis war der Grund, warum der Kriegsheimkehrer Helmut Schmidt sich für die Politik entschied – entgegen allen Versuchungen, konfliktfreieren Lebensplänen zu folgen. Schmidt hatte Glück, dass er während der knapp fünf Monate, die er 1941/42 als Zugführer einer Einheit der leichten Flak in Russland eingesetzt war, nicht in die Nähe von Vernichtungsaktionen geraten war. Falls doch – wären ihm die Augen früher geöffnet worden? Diese Frage trieb ihn bis zu seinem Lebensende um: "Dass jemand in großer Zahl fabrikmäßig Menschen ermordet", war für ihn "der Grund, weshalb mir mein eigenes Volk nach wie vor ein bisschen unheimlich ist". So gestand er 65 Jahre später dem befreundeten amerikanischen Historiker Fritz Stern, der mit seiner Familie 1938 noch rechtzeitig das Land verlassen konnte.

Heute ist weithin vergessen, dass das "Opfernarrativ", wie es neudeutsch heißt, bis Ende der Fünfzigerjahre nicht den Opfern der rassistischen Kriegsführung galt, sondern den Opfern von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung sowie den gefallenen Wehrmachtsoldaten. Von den führenden Politikern der frühen Nachkriegszeit wagte es nur der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher im Februar 1947, öffentlich für die Wiedergutmachung an den Juden einzutreten. Durch seine zehnjährige KZ-Haft war er ein Repräsentant der 1945 von den Alliierten befreiten Minderheit in Deutschland. Es gehört zu seiner politischen Tragik, dass er die Verhandlungen mit den Besatzungsmächten sofort von Gleich zu Gleich führen wollte.

Helmut Schmidt gehörte zur besiegten Mehrheit der Deutschen – und stand Konrad Adenauer politisch näher, der, taktisch sehr flexibel und in öffentlichen Äußerungen zurückhaltender, die deutsche Souveränität schrittweise zurückzugewinnen versuchte. Schmidt begriff zwar, dass Schumacher sich um die nationalen Belange kümmerte, schon damit nicht SED und rechtsradikale Gruppen sich ihrer bemächtigten. Zugleich aber sah er, dass ein zu forsches Auftreten der Sache eher hinderlich sein würde.

Nach seiner Wahl in den Bundestag 1953 schloss sich Schmidt in der SPD-Fraktion früh dem informellen Kreis um Fritz Erler an.

Erler war als führender Kopf der Berliner Widerstandsgruppe "Neu Beginnen" 1939 zu zehn Jahren Haft in Konzentrationslager und Zuchthaus verurteilt worden. Einem Todesmarsch im April 1945 konnte er knapp entfliehen. 1949 wurde er mit 36 Jahren als einer der jüngsten Abgeordneten in den Bundestag gewählt. Mit seiner geschliffenen Rhetorik, seinem Sachwissen und seinem strategischen Weitblick besaß er Talente, die ihn schon in jungen Jahren zu einem tonangebenden Parlamentarier werden ließen, in dem namhafte Journalisten den "Kanzler von übermorgen" sahen. In den Augen Schmidts war er die "lange vermißte Leitfigur im Bonner Politikbetrieb".

Sein Meisterstück gelang Erler 1956, als er aus der Opposition heraus zusammen mit Abgeordneten der Union und der FDP der Regierung Adenauer eine Wehrverfassung aufzwang, die Schluss machte mit der "absolutistischen Freizone" außerhalb von Verfassung und Parlament, die sich die preußische Monarchie 1862 nach ihrem Sieg im Heereskonflikt geschaffen hatte und die nach 1918 von der Reichswehrführung angesichts des Desinteresses der demokratischen Parteien zum Schaden der Weimarer Republik faktisch fortgesetzt worden war. Schmidt wurde zusammen mit dem militärpolitischen Berater der SPD-Fraktion Friedrich Beermann zu Erlers wichtigstem Mitstreiter bei der Durchsetzung dieser Verfassungsreform, die in der eigenen Partei und Fraktion auf erhebliche Widerstände stieß. Dabei war sie ein wichtiger Schritt, um das Parlament zum zentralen politischen Faktor zu machen.

Die logische Fortführung hin zu größerer Souveränität wäre eine Notstandsverfassung gewesen, welche die alliierten Vorbehaltsrechte ablösen und bei einem inneren Notstand die Bundeswehr als Verstärkung der Polizei den Innenministern von Bund und Ländern unterstellen würde – doch dafür fand sich damals keine Mehrheit. Zu sehr war noch die Meinung verbreitet, dass ein Notstand "die Stunde der Exekutive" sei. Erst zwölf Jahre später, im Protestjahr 1968, wurde, unter Schmidts Mitwirken, eine entsprechende Verfassungsänderung durchgesetzt, die den Notstand zur "Stunde des Parlaments" machte.

Bei den vielstündigen Beratungen im Parlament bewies er Geduld, Offenheit und die Fähigkeit, Gegenvorschläge und Ergänzungen zu integrieren. Das dabei gewonnene Vertrauen half ihm später als Minister und als Kanzler, auch schwierige Zeiten durchzustehen. Für die scharfe Kritik an den Notstandsgesetzen, wie sie vor allem von der außerparlamentarischen Opposition formuliert wurde, hatte er hingegen kein Verständnis. Als Vertreter der Linken wie Oskar Negt im Mai 1968 vom "inneren Faschisierungsprozeß der Bundesrepublik" sprachen, sah er darin eine Parallele zu den Schmähungen, die einst die Gegner der Weimarer Republik gegen die parlamentarische Demokratie gerichtet hatten.