Manchmal schließt sich eine Lücke im kulturellen Angebot, von der man bis dahin gar nicht wusste, dass es sie gab. So verhält es sich mit dem Hörkiosk, einer Reihe, die zwei Hamburger Journalistinnen konzipiert und ins Werk gesetzt haben. Hörkiosk geht so: Das interessierte Publikum versammelt sich zur gegebenen Stunde bei freiem Eintritt, schweigt und spitzt die Ohren. Dann beginnt die Vorstellung, und mit ihr stellen sich die Vorstellungen ein. Denn zu sehen gibt es nichts außer den anderen Gästen und dem Raum. Zu hören gibt es ein Feature oder ein Hörspiel von einer Stunde Länge.

Anfangs sind manche im Publikum verwirrt ob der ungewöhnlichen Situation, da anders als bei einem Konzert weder eine Bühne noch eine Band den Blick auf sich ziehen. Doch schon nach wenigen Minuten wendet sich der Blick nach innen, verschwindet die konkrete Situation unter der Imagination des Erzählten. Ein großartiges Erlebnis, das an die Versenkung bei einer Meditation erinnert. Und für das Hamburger Kulturleben eine Erfrischung. Auch im Alltag gibt es das ja nicht: Wir hören zwar alle aus Strippen und Stöpseln in Bussen und Bahnen, immer aber isolieren uns die Töne to go von den anderen Hörern, statt sie mit uns zu verbinden.

Martina Keller und Annette Scheld haben sich vor 15 Jahren in der Clemens-Schultz-Straße kennengelernt, als sie dort in derselben Bürogemeinschaft saßen. Sie arbeiten frei fürs Radio, jedenfalls auch, und unter der Beschäftigung mit dem Medium haben sie ihre Liebe zu Feature und Hörspiel entdeckt, zwei Formen, denen sie mehr öffentliche Beachtung wünschen.

Was ist ein Feature? Der Definition nach eine Reportage mit einordnender Hintergrundinformation. Der Papst der journalistischen Formen, Walther von La Roche, fasste es einmal so: "Ein Feature-Schreiber ist mehr als nur Reporter: Er schildert zwar auch, aber nur zur Illustration dessen, was er darstellen oder erklären will."

Das unterstellt schwergewichtiges Kalkül; im Hörfunk genießt das Feature demgegenüber eine erstaunliche Freiheit und Leichtigkeit und versteht es, die Wirklichkeit schillernd zum Klingen zu bringen. Der Verzicht aufs Visuelle ermöglicht frappierende Einsichten, weil die Bilder direkt in den Köpfen entstehen.

Keller und Scheld zeigten das gleich beim Start ihrer Reihe im November vor einem Jahr, der in der Langenfelder Straße tatsächlich in einem Kiosk stattfand, daher der Name. Zur Premiere war die Bude voll, vierzig Leute, und gegeben wurde Neun Stockwerke Deutschland. Der Radiomacher Reinhard Schneider hatte für den WDR über ein Jahr hinweg die Bewohner eines Hochhauses in Gladbeck besucht. Es waren Leute, die in der Gesellschaft sonst wenig Gehör finden und die sich über sein Interesse zunächst durchaus wunderten. Nachdem er nun immer wiederkam, nutzten sie die Gelegenheit, ihren Unmut kundzutun, ihr Leben zu erzählen, ihre Hoffnungen zu formulieren, teils mit Mutterwitz, teils mit schwerer Zunge.

Schneider verdichtete das in unzähligen Stunden aufgenommene Material zum Panorama eines vertikalen Dorfs und kontrastierte das schlagerhaltige Ambiente mit ganz unerwarteter Musik, von Jazz über Oper und Operette bis hin zu sinfonischen Werken. Heraus kam ein rhythmisch raffiniertes Stück, das man ein akustisches Meisterwerk nennen muss.

Die Gäste im Kiosk verwickelten Schneider anschließend in eine leidenschaftliche Diskussion, in der er gern Auskunft gab. Es ist Teil des Konzepts, dass die Autoren zugegen sind. Um Anreise und Übernachtung zu bezahlen, kann das Publikum etwas spenden. Es zählt hier nicht Geld, sondern Leidenschaft.

Inzwischen ist der Hörkiosk in die Jupi Bar des Gängeviertels umgezogen. Am kommenden Montag, bei seiner vierten Ausgabe, ertönt ein Hörspiel, also etwas Erfundenes. Der Berliner Radiopoet Hermann Bohlen hat sein WDR-Stück Lebensabend in Übersee aber so realistisch gestaltet, dass man glaubt, eine Reportage zu hören, die ihrer Zeit nur ein klein wenig voraus ist.

Wir erfahren vom Alltag der Annegret Potthoff, die wie 70 Prozent aller deutschen Rentner ins Ausland gehen muss, weil ihr Vermögen zum Bleiben nicht reicht. Es verschlägt sie nicht in das ersehnte Polen, sondern ins ferne Yunnan, wo sie in einem Billig-Resort von Robotern manikürt wird, Chinesisch lernt und per Skype versucht, ihre Enkel zu erreichen, die aber immer grad auf dem Sprung sind. Wenn ihr Bett nicht gemacht ist, ruft sie im Callcenter an, wo ein des Deutschen fast mächtiger Mitarbeiter zunächst einmal prüft, ob die von ihr vermisste Leistung in ihrem Versorgungspaket überhaupt enthalten ist.

Hermann Bohlen, Jahrgang 1964, aufgewachsen im ländlichen Niedersachsen, nicht weit vom Bargfeld des Arno Schmidt, hörte als Kind zur Nachmittagsstunde, wenn die Mutter schlief, immer den NDR-Kinderfunk. Sein Vater war Pastor. Sein Hang zur radiofonen Verkündung könnte somit schon im Elternhaus entstanden sein. Später studierte er Sinologie, ein Fach, von dem er nun erstmals in einem Stück Gebrauch gemacht hat.

"Meine Eltern sind jetzt 86, die genießen ihre Rente, denen geht’s gut", sagt Hermann Bohlen. Für ihn, den freischaffenden Künstler, sieht die Zukunft finanziell nicht so gut aus. Ihm könnten im Alter Hören und Sehen vergehen, wobei er, der zu den besten Hörspielautoren Deutschlands zählt, das Sehen vielleicht eher entbehren könnte.

Hermann Bohlen: "Lebensabend in Übersee", Hörkiosk, Montag, 22. Oktober, 20 Uhr, Jupi Bar, Caffamacherreihe 37