Schon sagenhaft, wie er das macht: Personelle Konsequenzen? Klar, er sei offen dafür, verkündet Horst Seehofer am Dienstagmittag in der Bundespressekonferenz in Berlin. Am besten geeignet sei für diese Entscheidung ein Gremium mit allen zehn Bezirksvorsitzenden oder vielleicht ein Parteitag – "vermute ich mal". War was?

Horst Seehofer bleibt. Denn in der Befolgung des "Wählerwunsches" schreckt ein Horst Seehofer vor nichts zurück, nicht mal vor sich selbst. Allerdings müsse man auch – diese kleine Warnung gibt er allen noch mit auf den Weg – am Beispiel SPD sehen: Führungswechsel allein helfen nicht, es muss schon alles viel, viel tiefer gehen. Und wer könnte einen solchen Wandel bewältigen ...? Genau.

Warum tut die CSU sich das an? Warum belässt sie einen Parteivorsitzenden im Amt, den eigentlich niemand mehr für fähig hält und mit dem die CSU doch offensichtlich fertig ist? Die kurze Antwort darauf lautet: weil Horst Seehofer bleiben will. Die längere hat viel mit Taktik zu tun, ein bisschen mit Strategie und zuallererst mit den Erwartungen der Partei an diese Wahl, die dieses Mal, anders als bei den überraschenden Niederlagen 2007 und 2017, von vornherein ausgesprochen düster waren.

Seit Wochen konnte die CSU an den Umfragen ablesen, wie die neue Normalität im Parteiensystem allmählich über die Grenzen des Freistaates kroch. Die Christsozialen verloren an Zustimmung, die Grünen gewannen hinzu, und die AfD wollte nicht verschwinden. Das Debakel war schon vor seinem Eintritt vermessen. Und die disruptive Energie, die es für einen Aufstand nach einer solchen Niederlage nun einmal braucht, verpuffte, noch bevor sie richtig entstehen konnte. So folgte die Partei recht klaglos ihrer Führung, die Sonntagabend schon gleich nach den ersten Prognosen die "Stabilität" als oberstes Prinzip verkündete. Als am Montag der Parteivorstand zusammentrat, waren es nur noch die Alten und die Enttäuschten ohne Mandat, die Seehofer vorsichtig kritisierten. Doch nicht mal sie forderten seinen Rücktritt.

Hin und wieder wird der CSU ja ein gewisser Hang zur Anarchie nachgesagt. An diesem Montag aber zeigte sie, dass sie die Selbstkontrolle mindestens ebenso gut beherrscht. Dass irgendwo in Franken zwei Ortsvereine dennoch die Absetzung des Parteichefs forderten und dass auch einzelne Landtagsabgeordnete von "personeller Erneuerung" grummelten, blieben nur Zwischentöne im großen Schauspiel der von oben verordneten Geschlossenheit.

Dabei fiel es kaum noch auf, welche bemerkenswerte Kehrtwende die CSU in diesen Stunden vollzog. Schließlich galt der Sturz des ungeliebten Parteichefs monatelang nur noch als Formsache. "Der Plan liegt schon in der Schublade", hieß es immer wieder im Lager von Ministerpräsident Markus Söder, man warte nur noch auf den richtigen Moment.

Dass es nun doch anders kam, liegt zum einen daran, dass Pläne in Schubladen nach einiger Zeit vergilben, und zum anderen daran, dass Söder es sich schlicht anders überlegt hatte. Als er und Seehofer in der vergangenen Woche gemeinsam in Ingolstadt auftraten, zogen sich die ewigen Rivalen zu einem seltenen Zwiegespräch zurück. Die Unterhaltung dauerte zwar nur wenige Minuten, aber die reichten für einen Burgfrieden. Die beiden versprachen sich in die Hand, ihren Streit bis auf Weiteres beizulegen. Zu groß war wohl Söders Angst, bei einer Niederlage selbst mit in den Abgrund gerissen zu werden, und zu deutlich Seehofers Entschlossenheit, es im Zweifel auch darauf ankommen zu lassen.

Schon in den Tagen davor konnte man spüren, wie sich die Stimmung in der CSU drehte. Auffällig viele eingefleischte Seehofer-Gegner sinnierten plötzlich über die Risiken eines Umsturzes. Unruhe in der Partei sei ja durchaus gefährlich. Und könne man überhaupt gleichzeitig eine Koalition verhandeln und einen Machtkampf führen? Und wer sollte als Parteichef folgen? Seehofer entging nicht, wie seine Gegner zuckten, und erklärte prompt schon vor der Wahl, dass er auf jeden Fall Parteichef bleiben wolle. Schwäche konnte er schon immer riechen.

"Viele erkennen gerade, dass die Probleme der CSU zu groß sind, als dass wir sie bloß auf die Führung abwälzen könnten", sagt ein mächtiger Funktionär nach der Vorstandssitzung am Montag. Ein Wechsel an der Spitze könnte vielleicht wutverarbeitend wirken. Die eigentlichen Ursachen der Niederlage würden aber womöglich bloß verdeckt. Wo diese nun liegen, will die CSU Ende November untersuchen. Begnügte sie sich nach der Bundestagswahl noch mit der Dreiwort-Wahlanalyse "Merkel ist schuld", will die Partei dieses Mal die Gründe für ihr Scheitern umfassend ausleuchten.

Gewiss, sagt ein Mann aus dem Söder-Lager, werde man dann auch über die "Berliner Probleme" reden müssen, die den Wahlkampf doch stark beeinflusst hätten. Man solle sich hüten, warnt dagegen ein Seehofer-Vertrauter, die Wahlanalyse zu nutzen, um "gegen den Vorsitzenden" nachzutreten, schließlich habe man die Niederlage gemeinsam zu verantworten.

Und während sich die alten Lager schon wieder rüsten, berichten Vorständler von einem Parteichef, der am Montag geradezu "gelöst", beinahe "zufrieden" gewirkt habe. Nun soll wie auch bei SPD und CDU eine "Analyse" den Weg in die Zukunft weisen. Analyse, das bedeutet in der Politik meist: erst verschieben, dann verdrängen. Bei der CSU werde das nicht so laufen, gelobte Seehofer. Zunächst solle der Ministerpräsident gewählt werden, erst dann folge zwischen dem 12. November und der ersten Dezemberwoche die schonungslose Aufarbeitung. Die Macht ist auf diese Weise erst einmal gesichert. Ob es auch seine eigene sein wird, das weiß Seehofer noch nicht.

Viele in der CSU meinen nun, dass er den Dezember im Amt nicht überleben wird. Aber an solche Voraussagen hat sich Horst Seehofer mittlerweile gewöhnt.