Für jahrelang gesuchte Terroristen, die sich nach blutigem Kampf dem Feind ergeben haben, geht es dem deutschen Ehepaar Marcia M. und Oğuz G. erstaunlich gut. In Camp Roj, einem Lager im nordöstlichsten Zipfel Syriens, in dem Marcia M. untergebracht ist, gibt es zwei Tankstellen, mehrere Märkte und eine Schule. Die junge Deutsche darf nicht nur gelegentlich ein Handy benutzen, sondern darf das Lager sogar ab und an für ein paar Stunden verlassen. In Al-Malikija, wo ihr Mann Oğuz G. in Haft sitzt, geht es etwas strenger zu, über den zweistöckigen Flachbauten wehen die gelb-roten Fahnen der Kurdenmiliz YPG, kurdische Kämpfer patrouillieren mit umgehängten Kalaschnikows.

Die beiden Deutschen sind Teil der aufgeriebenen Armee des "Islamischen Staates" (IS), an die tausend Kämpfer fielen nach dem Fall der IS-Hauptstadt Rakka in die Hände der Befreier. Einst bildeten die Anhänger des IS eine tödliche Macht, eroberten Städte, vollstreckten Hinrichtungen und verfluchten die Ungläubigen. Nun fungieren die heillos überforderten Kurden als Nachlassverwalter des Kalifats. Um zumindest ein Minimum an Sicherheit zu garantieren, hat die US-Armee mehrere Lager, in denen ehemalige IS-Kämpfer und ihre Familienangehörigen festgehalten werden, mit Fertigbauelementen aus grauem Beton umfriedet, die aussehen wie einst die Berliner Mauer.

Seit Monaten findet hinter den Kulissen ein diplomatisches Tauziehen darum statt, was mit den Männern und Frauen geschehen soll, die weltweit als Terroristen geächtet sind. Wer ist verantwortlich dafür, die Gräuel des IS aufzuarbeiten? Wo werden die Täter zur Rechenschaft gezogen? Und wer garantiert dafür, dass die Verfahren nicht nach Guantánamo-Style verlaufen, sondern mit einem Mindestmaß an rechtsstaatlichen Standards?

Kontrolliert wird die hügelige Region an der Grenze zur Türkei von den Kurden der YPG, die mit der US-Regierung zusammenarbeiten und die islamistischen Fanatiker so bald wie möglich wieder loswerden wollen. Weder der syrische Machthaber Baschar al-Assad noch die türkische oder die irakische Regierung haben hier etwas zu sagen, es gibt keine Botschaften, keine Rechtshilfeersuchen und keine unabhängige Justiz. Es ist ein Niemandsland der Diplomatie.

Rund 120 Deutsche warten hier auf ihren Prozess oder ihre Rückkehr nach Deutschland, Mitläufer, Frauen und Kinder, aber auch etwa ein Dutzend hartgesottener mutmaßlicher Terroristen. Der wohl brisanteste Fall ist der von Marcia M., 29, und ihrem Ehemann Oğuz G., 39. Sie stehen im Zentrum eines bislang unbekannten Terrorplots, der ein Blutbad in Deutschland anrichten sollte. Anhand von Ermittlungsakten und Gesprächen hat die ZEIT rekonstruiert, was der IS in Deutschland geplant hatte und wer der mutmaßliche Drahtzieher im Hintergrund war. Marcia M. und Oğuz G. haben in diversen Vernehmungen eine Art Lebensbeichte abgelegt, zuerst gegenüber der amerikanischen CIA, später auch gegenüber dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND).

In Hildesheim, wo G. aufwächst, gilt er als unpolitisch, er trinkt Alkohol und feiert gerne, er gibt nicht viel auf den Islam. Doch dann trifft er in einer Hildesheimer Moschee auf den radikalen Prediger Abu Walaa, der aktuell in Celle als IS-Rekruteur vor Gericht steht. Es ist, als durchlaufe Oğuz G. eine Gehirnwäsche. Ab sofort nennt er sich Abu Ferida und steigt zum Schriftführer des Hildesheimer Moscheevereins DIK auf. "Ich hatte das Gefühl, dass er ein anderer Mensch geworden ist", sagt seine marokkanische Frau aus erster Ehe gegenüber deutschen Polizisten. "Es gab Druck von überall. Leute aus der Moschee und auch von anderen Scheichs. Die sagten ihm, er solle hier nicht normal leben, essen, ausgehen, während die Brüder in Syrien sterben. Er solle hingehen."

Nach Syrien gehen? Das fasziniert auch Marcia M., eine junge Frau aus Salzgitter. Die gelernte Elektronikerin kocht für G. und ist fasziniert von der wilden Romantik des Dschihad. Die beiden heiraten nach islamischem Recht, sie zieht zu ihm nach Hildesheim in die Wohnung. Im September 2015 ist das Ehepaar auf einmal verschwunden.

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Sie reisen nach Syrien, via Rumänien und Bulgarien. Als sie die türkische Grenze zu Syrien überschreiten, schreibt Marcia M., sie seien jetzt "auf dem Boden der Ehre". Seiner Ex-Frau, die in Hildesheim mit den drei Kindern zurückgeblieben ist, erzählt Oğuz G., er arbeite für "Dawla", wie der IS in der Szene genannt wird, schlafe auf kaltem Steinboden und wasche sich mit kaltem Wasser. Ihm gefällt das.

Die IS-Führung bildet ihn zum Scharfschützen aus und schickt ihn an die Front. Ende Dezember 2015, zwei Tage vor Weihnachten, greift G. mit seiner Brigade die Kurden im Norden Syriens an, er ist nun ein Soldat im Krieg. In seiner Brigade kämpfen auch andere Deutsche, sie unterhalten einen eigenen Chat, in dem sie von ihren Erfahrungen im Krieg reden.