Ihr König betritt die Bühne und lehnt sich an eine Wand, sein grauer Anzug schlabbert ihm am Körper. Sie sitzt in der ersten Reihe auf der Probebühne in Wandsbek, den schwarzen Kapuzenpulli um die Hüften gebunden, den Blick auf den König gerichtet. "Wir starten", sagt sie, und der König sackt in sich zusammen. Seine Tochter, seine geliebte Tochter, soll einen seiner Boten gefesselt haben. Er bäumt sich auf, brüllt: "Nein, das würde sie nie tun!" – "Doch", sagt der Bote, der vor ihm auf dem Boten kauert, "sie hat es ja getan." Der König sackt wieder in sich zusammen. Er ist verwirrt, er flucht, er faucht. Dann geht er ab und lässt sich auf den Stuhl neben ihr fallen. Der König: Edgar Selge. Sie: Karin Beier. Beier beugt sich zu Edgar Selge rüber, redet auf ihn ein, schlägt ihm auf die Brust, wieder und wieder. "Edgar", sagt sie, "wenn du da stehst, an der Wand, sack noch mehr in dich zusammen, lass die Brust einfallen, leb dieses Spiel zwischen den Gefühlen aus, Ohnmacht, Wut, Trauer, Schock. Uneindeutiger, mach das noch uneindeutiger!"

Uneindeutig. Das ist ihr Wort.

An diesem Freitag eröffnet Karin Beier mit Shakespeares König Lear die Spielzeit des Schauspielhauses: mit Edgar Selge als Lear, Carlo Ljubek, Samuel Weiss und Sandra Gerling als seine Töchter, Lina Beckmann als Narr, Ernst Stötzner als Graf von Gloucester. Eine bessere Besetzung dürfte zurzeit schwer zu finden sein. Wer Karin Beier in den vergangenen Monaten begleitet hat, wer erlebt hat, wie sie bei Proben mit ihren Schauspielern diskutierte, wer weiß, was ihre Schauspieler über sie erzählen, wer ihr bei Gesprächen in ihrem Büro zuhört, der kann sicher sagen, dass sie vor einer Sache nun richtig Horror hat. Davor, dass der Zuschauer am Ende das Theater verlässt und sagt: Alles klar, alles verstanden, die Botschaft ist rübergekommen.

Bei Karin Beier ist nicht alles klar. Bei Karin Beier ist nicht alles verständlich. Sie will es niemandem leicht machen, nicht den Zuschauern und schon gar nicht sich selbst. Sie will unsere Gegenwart deuten, und die ist nun mal kompliziert.

"Ich kann auf der Bühne nicht eins zu eins aussprechen, was ich als Haltung vermitteln will. Das wäre eine Moralpredigt. Vom Theater erwarte ich etwas anderes."

Dafür, dass sie für ihr Theater ein Stück von Shakespeare ausgesucht hat, schämt sie sich ein wenig. Das Schauspielhaus, das größte deutsche Sprechtheater, das seit dem Beginn ihrer Intendanz vor fünf Jahren auch wieder größte Beachtung erfährt, hat doch den Anspruch, etwas zu riskieren. Beier selbst eröffnet am liebsten mit Stücken, die kaum jemand kennt: 2015 war es Schiff der Träume – eine westlich liberale Orchestergesellschaft schippert auf einem Luxusdampfer durchs Mittelmeer und trifft auf schiffbrüchige Flüchtlinge. 2016 Hysteria – eine muntere Partygesellschaft mutiert in eine panische, böswillige, fremdenfeindliche Masse. 2017 Tartare Noir – ein Grillfest für einen neuen Mieter artet grotesk grausam aus. Diesmal aber wollte sie den Klassiker.

"Als wir die Spielzeit konzipiert haben, haben wir wie immer intensiv darüber gesprochen, was gerade in der Welt geschieht: sicher geglaubte Kategorien, Systeme geraten ins Wanken. Die Folge davon ist eine allgemeine Verunsicherung, aus der eine Paranoia, ein Katastrophendenken entsteht. In der Ausgangssituation von ›König Lear‹ sehen wir, dass eine alte Ordnung zusammenbricht. Ein König gibt sein Reich ab, und das nicht nur, weil er alt ist, sondern weil etwas Grundlegendes nicht mehr passt. Er versteht diese Welt nicht mehr, er versteht die nachfolgende Generation nicht mehr. Die Reichsaufteilung ist wie eine Flucht nach vorn. Er verlangt von seinen drei Töchtern, denen er das Reich übergeben will, eine öffentliche Liebeserklärung. Dieser Akt ist auch politisch: Der König will, dass sein altes System mit Respekt behandelt wird. Diese Situation, dass etwas aufhört und noch niemand so recht weiß, was beginnt, hat sehr viel mit unserer Zeit zu tun."

Der König kehrt zurück auf die Probebühne. Auftritt seiner Tochter Regan, die nicht für den gefesselten Diener verantwortlich ist. Samuel Weiss, der die Tochter spielt, schwänzelt auf ihn zu. "Es freut mich, Hoheit, dich zu sehen." – "Das glaub ich dir, das weiß ich auch, Regan, geliebte Regan", sagt der König, aber was heißt schon sagen: Er bellt die Sätze raus, keines der Worte klingt liebend. Verächtlich schaut er seine Tochter an. Er hat kein Vertrauen mehr, in niemanden. Während der nächsten Minuten wird er ihr drohen, sie umschlingen, sich losreißen, ihr schmeicheln, sie verhöhnen – er wird eine Form suchen für das Uneindeutige, das in ihm ist.

Karin Beier sitzt wieder in der ersten Reihe, Rücken durchgedrückt, Blick nach vorn. Sie ruft nicht rein, sie schreibt nicht mit, sie flüstert auch nicht ihrer Regieassistentin etwas ins Ohr, was sie oft macht, damit sie es später vor den Schauspielern ansprechen kann. Sie schaut zu und nickt. "Okay", sagt sie am Ende der Szene, "bis dahin erst mal, das ist gut, das machen wir so." So wünscht sie sich ihren Lear: nicht als Greis, der einem nur leidtun kann in seinem Leid, sondern als alten Mann, der sich ein Leben ohne zu herrschen nicht vorstellen kann. Ihr Lear ist rasend enttäuscht von seiner liebsten Tochter, die sich geweigert hat, ihm öffentlich zu huldigen. Er ist skeptisch, zynisch, lauernd. Ein gebrochener Mann. Ein autoritärer, jähzorniger Herrscher. Ein erschütterter machiavellistischer Machtpolitiker.

"Was viele sehr konservative Menschen verrückt macht, ist die momentane Gender-Debatte. Das Geschlecht ist für sie unerschütterlich: ein Mann ist ein Mann, und eine Frau ist eine Frau. Ich will zeigen, dass nicht mal diese vermeintliche Gewissheit unerschütterlich ist. Im ›Lear‹ werden die drei Töchter von zwei Männern und einer Frau gespielt. Die große Herausforderung ist jetzt, das so auf die Bühne zu bringen, dass es nicht simpel gelesen wird – die bösen Schwestern sind Männer und die gute ist eine Frau –, sondern als ein Akt der Auflehnung: Ich bestimme über mich selbst. Das ist eine heikle Aufgabe. Aber ich habe sehr gute Schauspieler, die die Balance zwischen Ironie, Travestie und großer Ernsthaftigkeit wahren können."