Eines von fünf Kindern in Hamburg lebt von Hartz IV. In Jenfeld sind es doppelt so viele. Hans Berling kennt viele von ihnen. Er ist seit 23 Jahren Geschäftsführer der Jenfelder Kaffeekanne, eines Nachbarschaftszentrums mit Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendarbeit.

DIE ZEIT: Herr Berling, was haben Sie von den Kindern, die Sie in den letzten 30 Jahren betreut haben, über Armut gelernt?

Hans Berling: Für die Kinder und Jugendlichen ist Armut kein großes Thema. Die Kinder bei uns im Haus kommen zu 90 Prozent aus Familien, die Hartz IV beziehen oder ergänzende Leistungen, weil die Eltern zu wenig verdienen. Aber die Kinder haben nicht das Gefühl: Wir sind benachteiligt, wir haben kein Geld, wir sind arm. Arm sind für sie vielleicht Kinder in afrikanischen Ländern, wenn das gerade im Fernsehen kam. Mit Fragen nach ihrer Armut können sie nichts anfangen. Weil sie gar keinen Vergleich haben.

ZEIT: Weil sie keine Kinder aus anderen Verhältnissen kennen?

Berling: Genau. In Jenfeld gibt es nur wenige gut situierte Familien. Zur klassischen Winterhuder oder Eppendorfer Familie haben die Kinder keinen Kontakt. Somit haben sie auch keine Vergleichsmöglichkeiten, kein Bewusstsein, dass ihnen objektiv gesehen etwas fehlt.

ZEIT: Ist das ein Problem, weil die sozialen Schichten voneinander abgeschottet bleiben, oder ist es gut, weil die Kinder sich dadurch nicht abgehängt fühlen?

Berling: Es ist beides. Ghettobildung ist nie gut. Für die Gesamtstruktur des Stadtteils und auch für das Erziehungsverhalten der Eltern wäre es hilfreich, andere Einflüsse zu haben. Bei den Kindern bin ich mir nicht so sicher. Die geben sich untereinander viel. Wir haben oft Ehrenamtliche aus gutbürgerlichen Stadtteilen, manchmal sagen die, sie möchten die Kinder zu sich einladen, "damit sie auch mal was Schönes sehen". Das lehnen wir klar ab – die Kinder finden es hier nicht unschön, und dieses Kennenlernen der sogenannten besseren Milieus kann ein Mangelgefühl hervorrufen, das für die Entwicklung eines Kindes nicht förderlich ist.

ZEIT: Würden sich die Eltern in Jenfeld als arm bezeichnen?

Berling: Nein, die würden auch nicht sagen: "Wir sind eine arme Familie." Armut ist ja kein Begriff, mit dem man sich gern identifiziert. Sie sagen: "Wir haben wenig Geld", "es ist knapp".

ZEIT: Den Eltern ist also bewusst, dass es vielen in Hamburg deutlich besser geht, aber den Begriff "Armut" meiden sie.

Berling: Richtig. Und auch ihr Horizont ist beschränkt. Für Kinder wie Eltern hört die Welt in der Regel am Wandsbeker Markt auf. Unsere Hauswirtschaftsleiterin hat mit unserem Küchenteam, in dem lauter Jenfelder Frauen arbeiten, eine klassische Stadtrundfahrt mit dem Doppeldecker gemacht. Und die Frauen, die deutschen genauso wie die afghanischen, sagten: Das haben wir alles noch nie gesehen. Dabei leben sie schon ewig hier. Wandsbek, Billstedt, das ist ihre Welt, aber Jungfernstieg, Rothenbaumchaussee, Hafen, nee.

ZEIT: Was hat sich in den letzten drei Jahrzehnten verändert?

Berling: Fast jedes Kind im Stadtteil ist arm, da hat sich gar nichts verändert. Die Langzeitarbeitslosigkeit und damit auch die Armut haben sich eher verfestigt. Deutlich verschlechtert hat sich die psychische Gesundheit der Kinder und der Eltern. Der Anteil hochauffälliger Kinder hat deutlich zugenommen, oft kommen wir mit unserem sozialpädagogischen Handwerkszeug nicht mehr weiter, sondern müssen uns therapeutische Unterstützung holen.