Für ihr Buch hat Georgina Adam einen passenden Titel gewählt: Dark Side of the Boom heißt das 2017 erschienene Werk der Kunstmarkt-Expertin. Darin beschreibt sie dubiose Vorgänge in dem seit Jahren boomenden und oft intransparenten Kunstmarkt. Datenbanken und Apps versprechen nun, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Aber gelingt ihnen das auch?

Einer, der mit großer Geste auftritt, heißt Magnus Resch, ein deutscher Unternehmer mit Wohnsitz in New York. 2016 hat er eine App veröffentlicht, die er selbstbewusst Magnus genannt hat. Sie soll sofortige Auskunft über Preise von Kunstwerken geben. Resch zufolge ist das keine Selbstverständlichkeit im Kunstgeschäft: Wer als Besucher einer Galerie die profane Frage stelle, was ein Werk denn kosten solle, sei oft auf Zurückhaltung gestoßen. Teilweise hätten sich Interessenten gegenüber arroganten Händlern erst als würdig erweisen müssen, einen Preis zu erfahren. So erklärte es Resch damals Medien wie der New York Times. Mit seiner Smartphone-App könne man Werke einfach abfotografieren und bekomme binnen Sekunden den dazugehörigen Preis angezeigt.

Wenige Monate nach dem Start musste Resch allerdings seine App wegen mutmaßlicher Datenschutzverletzungen vorübergehend aus dem Verkehr ziehen: Offenbar hatte er Informationen aus ansonsten kostenpflichtigen Datenbanken verwendet. Anfang 2017 war die App wieder online, und seit Anfang 2018 erfährt sie prominente Unterstützung durch Leonardo DiCaprio. Der Hollywoodstar hat in Reschs App investiert. Die genaue Summe verschweigt der ansonsten so auf Transparenz bedachte Resch allerdings bislang.

Abgesehen davon kommen Zweifel an der Funktionstüchtigkeit von Magnus auf: Fotografiert man mit der App eine zufällige Auswahl von 15 Kunstwerken, darunter solche von Gerhard Richter, Jeff Koons oder Maria Lassnig, wird der Großteil gar nicht erkannt. Branchenkenner wie der Berliner Galerist Johann König haben ähnliche Erfahrungen gemacht: "Die Idee hinter Magnus ist hervorragend", sagt er. "Es funktioniert nur leider nicht wirklich."

Gegenüber der ZEIT räumt Resch ein, dass seine App nicht alle Kunstwerke erkenne, worauf die Nutzer jedoch hingewiesen würden. Die Datenbank umfasse zurzeit zehn Millionen Werke, jährlich kämen zwei Millionen hinzu – auch weil viele Nutzer, ähnlich wie bei Wikipedia, ständig neue Informationen hinzufügten. Sämtliche beim Testdurchlauf nicht erkannten Werke seien inzwischen "manuell der Datenbank hinzugefügt" worden.

Der Galerist König selbst macht um die Preise der von ihm angebotenen Ware übrigens keinerlei Geheimnis und begrüßt jede Idee, die Transparenz in den Kunstmarkt bringt: "Das schützt vor Betrügereien wie im Fall von Helge Achenbach." Der Kunstberater hatte seine Kunden durch versteckte Preisaufschläge auf Kunstwerke hinters Licht geführt und war dafür 2015 zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

Auch die Plattform Artsy nimmt für sich in Anspruch, den Kunstmarkt zu durchleuchten. "Der Kunstmarkt ist opak und einschüchternd, aber das Internet gibt mehr Menschen die Möglichkeit, daran teilzunehmen", sagte der Mitbegründer Sebastian Cwilich im Januar der New York Times. Auf der von New York aus geführten Website kann man nach Künstlern suchen und erfährt, durch welche Galerien sie vertreten werden. Preise werden allerdings kaum angegeben, diese lassen sich fast immer nur "auf Anfrage" bei den Händlern selbst herausfinden. Johann König, dessen Galerie auf Artsy präsent ist, sagt: "Wir bekommen über Artsy viele Preisanfragen. Wenn diese dann beantwortet werden, kommt aber in der Regel nicht einmal eine Rückmeldung. Bisher hat das also zu so gut wie nichts geführt." Seine Mitarbeiterin Raphaela Renggli ergänzt: "Allerdings verzeichnen wir viele Viewer. Dies kann sich natürlich in direkten Verkäufen hier in der Galerie oder am Messestand bemerkbar machen, ohne dass wir wissen, ob die Käufer das Werk vorab schon auf Artsy gesehen haben."

Für Käufer und Interessierte bieten Datenbanken wie Artprice oder Artnet mehr Zahlenmaterial: Sie listen Auktionsergebnisse auf. Die Gebühren für eine Auskunft können ziemlich teuer werden. Auf Artnet können User für 37 Euro plus Mehrwertsteuer einen Monat lang zehnmal nach Preisen suchen. Als eine Anfrage zählt allerdings bereits, wenn man sich die Ergebnisse für einen Künstler unterschiedlich darstellen lässt, etwa nach Preis oder nach Verkaufsdatum geordnet.

Gerade bei Gegenwartskunst jüngeren Datums spiegeln Hammerpreise und Schätzwerte von Auktionshäusern zudem nur sehr bedingt wider, welche Summen Käufer in Galerien für Werke eines bestimmten Künstlers ausgeben müssen. Bei deren Einschätzung sollten sie sich nicht zu sehr auf Auktions-Datenbanken verlassen. So bot erst kürzlich die Düsseldorfer Galerie Beck & Eggeling Objekte der Künstlerin Tamara K. E. bei der Wiener Kunstmesse Viennacontemporary für 10.000 Euro an. Datenbanken verzeichneten Preise für ihre großformatigen Gemälde dagegen teilweise im Bereich zwischen 1500 und 2000 Euro. Ein Schnäppchen ließ sich auf der Messe also eher nicht machen. Was nicht bedeutet, dass die Galeriepreise überzogen wären. Denn bei den versteigerten Werken handelte es sich um ältere Arbeiten, mittlerweile hat die Karriere der Künstlerin angezogen.

Johann König findet Auktions-Datenbanken trotz aller Beschränkungen hilfreich. "In Versteigerungen sind die Preise volatiler, für den Künstler sind die Werke aber gleichwertig", sagt er. Er demonstriert es am Beispiel der von ihm vertretenen Fotokünstlerin Annette Kelm. Die rund 20 Lose, die online in Artnet aufscheinen, näherten sich im Großen und Ganzen den Galeriepreisen an. Abweichungen gebe es dennoch, erklärt er. Der Auktionsmarkt bewerte Objekte eben anders als eine Galerie, die deren Preise in Kooperation mit den Künstlern ansetzt.

Wer Kunstmarkt-Apps und -Datenbanken nutzt, sollte sich also über deren Grenzen bewusst sein. Zumal sie über dunkle Geschäfte hinter den Kulissen, wie sie die Autorin Georgina Adam beschrieb, auch keine Auskunft geben.