DIE ZEIT: In diesem Dürresommer gehörten Bauern zu den am ärgsten betroffenen Opfern, oft waren die Ernten schlecht. In Ihrer aktuellen Studie Vom Mythos der klimasmarten Landwirtschaft benennen Sie die Landwirtschaft aber auch als Verursacherin des Klimawandels. Warum?

Andrea Beste: Da gibt es viele Zusammenhänge. Meine Co-Autorin erklärt, warum Tierzucht klimaschädlich ist. Ich beschäftige mich vor allem mit den intensiven Ackerbausystemen.

ZEIT: Wie schaden diese dem Klima?

Beste: Wo viel Gülle und Mineraldünger mit hohem Stickstoffgehalt, aber zu wenig organischer Kohlenstoff aus Pflanzenresten oder Mist aufs Feld kommt, wird der Boden unausgewogen ernährt. Das ist ähnlich wie bei Menschen, die viel Zucker, aber zu wenig Vitamine und Ballaststoffe essen. Diese falsche Ernährung des Bodens führt zu einer geringeren Vielfalt und Aktivität von Bodenlebewesen und damit zum Abbau von Humus. Dadurch werden Böden verdichtet, und Kohlendioxid gelangt in die Atmosphäre. Außerdem wird mehr Lachgas emittiert, und das ist für das Klima 300-mal so schädlich wie CO₂.

ZEIT: Das ist ein Effekt der Düngung, gibt es noch mehr Effekte?

Beste: Ja, die Herstellung von Mineraldünger, von Stickstoff und Pflanzenschutzmitteln erfordert enorm viel Energie und damit Treibhausgas-Emissionen. Rechnet man die ein, dann verdoppelt sich der Anteil der Landwirtschaft an den deutschen Emissionen, je nach Studie auf bis zu 16 Prozent.

ZEIT: Diese Probleme will die Präzisionslandwirtschaft lindern, indem sie weniger Dünger und Pestizide einsetzt. Dabei sollen Drohnen und Sensoren helfen, die melden, was der Acker braucht. Regierungen und Agrarwirtschaft treiben das vehement voran. Sind Sie ähnlich optimistisch?

Beste: Das wäre eine gute Idee, wenn die Präzisionslandwirtschaft wirklich genaue Informationen darüber hätte, welche Stoffe die Böden brauchen, und so jeweils passende Düngermengen verteilen könnte. Aber das kann sie noch nicht.

ZEIT: Warum nicht?

Beste: Dafür ist unser Wissen noch viel zu begrenzt. Für die Messung des Phosphorgehalts im Boden zum Beispiel gibt es europaweit 16 verschiedene Methoden. Beim Humus sind die Messungen noch komplizierter. Wenn aber die Daten unzulänglich sind, dann kann sich die Software der Präzisionstechnik gar nicht genau auf die Bodenbedürfnisse einstellen.

ZEIT: Alles Hype also?

Beste: Was da bejubelt wird, bringt zwar etwas mehr Effizienz. Es wird zum Beispiel etwas weniger Stickstoff verteilt, den wir derzeit im Übermaß auf den Boden werfen. Wenn man aber die Verschwendung nur verringert, dann ist die Düngung noch lange nicht ausgewogen. Weniger vom Schlechten ist noch nicht gut.

ZEIT: Regierungen und Unternehmen wollen in einer Global Alliance for Climate Smart Agriculture die Landwirtschaft "klimaschlau" organisieren ...

Beste: ... klingt gut! Es gibt da auch ein paar Vorzeige-Projekte für Kleinbauern. Doch der größte Teil der propagierten Anbautechniken setzt nach wie vor auf chemische Mittel und die intensive Nutzung des Bodens – ist also alles andere als klimaverträglich. Das ist auch kein Wunder, denn zu den Förderern dieser Klima-Allianz gehören Düngemittel- und Pestizidkonzerne.