Wer in Cornwall in Südengland am Strand spazieren geht, kann dort nicht nur schöne Muscheln finden, sondern manchmal auch Figuren und Bausteine von Lego. Vergangenen Sommer etwa hat ein Mann dort an einem einzigen Tag 240 Paar Schwimmflossen von den Plastikmännchen gesammelt. Die waren zuvor schon ziemlich lange im Meer unterwegs. Vor mehr als 20 Jahren geriet vor der Küste Cornwalls ein Frachtschiff in einen Sturm. 62 Container fielen ins Meer, einer davon war voller Lego-Spielzeug. Fast fünf Millionen Plastikteile landeten damals im Wasser. Und an manchen Tagen werden noch heute einige von ihnen an den Strand gespült.

Plastik ist nämlich enorm stabil und langlebig. Salzwasser, Sand, Sonne, Regen – das alles kann dem Material kaum etwas anhaben. Das ist super, weil wir viele Plastiksachen wie Brotdosen und Trinkflaschen lange benutzen können. Doch sobald wir Dinge aus Plastik wegwerfen oder sie im Meer versinken, wird ihre Haltbarkeit zum Problem. Wenn ein angebissener Apfel oder Pausenbrotreste in der Natur landen, ist das nicht so schlimm. Solcher Biomüll verrottet schnell. Bakterien und Pilze sorgen dafür, dass daraus wieder Erde wird. Ob Plastik überhaupt jemals verrottet und wie viele Hundert oder vielleicht sogar Tausend Jahre das dauert, können selbst Forscher noch immer nicht sicher sagen.

Weil Plastik so lange hält und wir viel von dem Material verwenden, ist es für die Natur und die Tiere inzwischen ein großes Problem: Es gibt riesige Plastikmüll-Strudel im Meer; Igel, die in Joghurtbechern feststecken, und Vögel, die sich in Plastiktüten verfangen haben; Berge an Flaschen und Verpackungen, die sich überall in der Welt auftürmen.

Da klingt es nach einer guten Nachricht, wenn die Firma Lego verkündet, dass sie in diesem Jahr – pünktlich zu Weihnachten – erstmals Spielzeug aus Bioplastik anbieten wird. Die kleinen grünen Büsche und Bäume, die oft als Zubehör in den Spielsets sind, sollen dann aus einer Plastiksorte bestehen, die aus Pflanzen gewonnen wird, genauer gesagt aus Zuckerrohr. Bis zum Jahr 2030 will Lego alle seine Bausteine und Figuren aus diesem Bioplastik herstellen.

Lego aus Zuckerrohr – heißt das, man kann die Steine bald einfach auf den Kompost oder ins Meer werfen und sie zersetzen sich genau wie der Apfel oder das Pausenbrot? "Nein, auf keinen Fall", sagt Philipp Sommer. Er ist Abfallexperte bei der Deutschen Umwelthilfe und weiß: "Bioplastik ist nicht automatisch Biomüll."

Aber wofür steht dann das "Bio" in Bioplastik? "Das kann zwei verschiedene Dinge bedeuten", erklärt Philipp Sommer. "Entweder dass die Plastiksorte 'biobasiert' ist, also aus einem pflanzlichen oder tierischen Rohstoff hergestellt wird. Oder dass sie 'biologisch abbaubar' ist, also auf dem Kompost verrotten kann." Bioplastiksorten, auf die beides zutrifft, die also biobasiert und biologisch abbaubar sind, gibt es nur wenige.

Die neuen Bio-Lego-Bäumchen bestehen zwar aus pflanzlichem Zuckerrohr, biologisch abbaubar sind sie aber nicht. Das ist auch besser so. Sonst könnten sie im Kinderzimmer anfangen zu verrotten. Das will ja keiner.

Aber hilft Bioplastik denn dann überhaupt der Umwelt? Ja und nein.

Bisher wird Plastik meist aus Erdöl hergestellt. Erdöl findet man tief im Boden. Es ist wertvoll, weil es nicht unendlich viel davon gibt. Erdöl wird überall auf der Welt genutzt, zum Beispiel, um daraus Benzin für Autos und eben viele Kunststoffe herzustellen. Erdöl zu fördern und zu verbrennen ist allerdings nicht gut für die Umwelt. Naturschützer fordern zum Beispiel, dass wir bald ganz auf Erdöl verzichten sollten, um die Klimaerwärmung zu stoppen.

Es ist also vernünftig, wenn Lego versucht, vom Erdöl wegzukommen und für das Spielzeug künftig anderes Material zu verwenden. Auch Playmobil und der Hersteller der Schleich-Tiere experimentieren bereits mit Ersatzstoffen.

Allerdings – und jetzt kommt das Nein – ist Bioplastik aus Zuckerrohr auch schlecht für die Natur. Die Pflanzen, aus denen es gewonnen wird, wachsen auf riesigen Feldern, zum Beispiel in Brasilien. Manchmal wird extra dafür Regenwald abgeholzt. Und die Felder werden mit Dünger und Pflanzenschutzmitteln behandelt, was auf lange Sicht schädlich ist.

"Besser wäre es, wenn man Bioplastik aus den Resten von Nahrungsmitteln herstellen würde", sagt Philipp Sommer. "Zum Beispiel aus Orangenschalen." Forscher aus Deutschland und Spanien haben das schon erfolgreich ausprobiert. Allerdings funktioniert es bisher nur im Labor. Bis man so große Mengen Plastik herstellen kann, die eine Firma wie Lego braucht, um Kinder überall in der Welt mit Spielzeug zu versorgen, wird es noch dauern.

Wirklich umweltfreundlich wäre es, wenn Lego und die anderen Spielzeughersteller altes oder kaputtes Plastikspielzeug zurücknehmen, einschmelzen und neue Spielsachen daraus machen würden. Dann würden sie einerseits weniger Erdöl verbrauchen, und andererseits gäbe es viel weniger Müll.

Und auch Kinder können etwas tun, um die Plastikflut zu verkleinern: zum Beispiel möglichst wenig neues Spielzeug aus Plastik kaufen und stattdessen lieber auf dem Flohmarkt oder im Internet nach gebrauchten Sachen gucken. Die Kinder in Cornwall haben es da besonders gut: Sie können mit etwas Glück am Strand Spielsteine finden.